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Deutsche Filme auf der Berlinale: Traumhafte Wege

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Von: Daniel Kothenschulte

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Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann in einer Szene des Films „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“.
Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann in einer Szene des Films „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“. © dpa

Von Disney zu Bachmann: Nicht nur die Rückkehr des Publikums verzaubert bei dieser Berlinale. Deutsche Wettbewerbsbeiträge von Angela Schanelec und Margarethe von Trotta setzen Höhepunkte.

Deutschland mag auf der Weltkarte des Kinos gegenwärtig nur eine Nebenrolle spielen, und Cannes und Venedig die begehrteren Festivalpreise vergeben. Dafür ist der Berlinale-Bär die schönste Trophäe ihrer Art. Die Berliner Künstlerin, die ihn geschaffen hat, Renée Sintenis, wäre selbst einmal ein Biopic wert, das hier sehr gut laufen könnte.

Berühmt für ihre ebenso lebensvollen wie elegant stilisierten Tierplastiken, war sie eine der erfolgreichsten Frauen in der Kunst der Weimarer Republik. Gegenwind hatte die offen bisexuell lebende Künstlerin gleichwohl genug zu spüren – zu modern für die NS-Zeit, zu klassisch für die Nachkriegszeit, geriet ihr Name seit ihrem Tod 1965 zusehends in Vergessenheit. Gerade immerhin bahnt sich eine Wiederentdeckung an – auch wenn ihr verspieltes Pelztier auf den aktuellen Plakaten einmal Urlaub hat. Dargestellt ist darauf stattdessen ein noch beliebterer Festivalgast als Bär und Prominenz – das Publikum.

Zu den ersten Weltstars, die mit dieser schönen Tierplastik beschenkt wurden, zählte Walt Disney. „Cinderella“, sein Festivalgewinner von 1951, feierte in restaurierter Fassung Wiederaufführung, und anders als bei früheren Digitalisierungen für DVDs und Blurays sind dabei auch die schönen Unebenheiten in der Animation, die zart vibrierenden Pinselstriche erhalten geblieben.

Auch hinter diesem Film steckt eine erst spät wiederentdeckte Künstlerin, die Designerin Mary Blair. Ihre unverkennbare Farbpalette wurde nach den originalen Entwürfen wiederhergestellt. Doch was dem Film vor allem in den letzten Jahren fehlte, war ein Publikum. Ihn nun in einem randvollen Filmpalast mit hunderten von Kindern wiederzusehen, war eine filmhistorische Lektion für die Gegenwart: Lachen und aufgeregtes Schreien (wenn die Katze Lucifer ins Spiel kommt) sind ein integraler Teil der Tonspur – wenn auch niemals aufgenommen. Den Siegeszug des Heimkinos hätte damals niemand in dieser Form vorhergesehen.

Was verbindet Walt Disney mit der bislang würdigsten Bären-Anwärterin, 72 Jahre später – der Berliner Filmkünstlerin Angela Schanelec? Tatsächlich mehr als man vielleicht denkt. Auch sie findet ihre Inspiration in europäischen Mythen, ist eine Virtuosin in Pantomime und Musikalität – und pflegt in „Music“ eine Filmkultur, die ihre Wurzeln noch im Stummfilm hat. In einer kargen griechischen Insellandschaft beginnt ihre Variation von Motiven aus Ödipus und Orpheus. Ein Findelkind wächst auf, ohne seine Eltern zu kennen. Als junger Mann wird dieser Jon für den tragischen Tod eines anderen ins Gefängnis geschickt, wo sich eine Wärterin in ihn verliebt. Einmal lösen sie gemeinsam ein Kreuzworträtsel: Ein anderes Wort für Spiegel wird gesucht, es ist der Traum.

Jean Cocteau hat dem Kino das bleibende Bild für diese Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits geschenkt in seinem „Orphée“. Hier ist er eine ferne Assoziation ebenso wie Pasolinis „Edipo Re“. Jede Einstellung dieses Films führt einmal mehr bei dieser Regisseurin auf einen traumhaften Weg, in einen poetischen Schwebezustand. Ist die Frau, die er im Gefängnis trifft und die schließlich ebenfalls den Tod findet, seine Mutter? Das langsame Erblinden des Helden gibt nach dem Mythos dafür den entscheidenden Hinweis – zugleich aber erlebt er mit jedem Einbruch von Tragik auch eine glückliche Verwandlung und singt – verkörpert vom kanadischen Folk-Countertenor Allocha Schneider – wie Orpheus.

Schneiders betörende Musik führt den Film im letzten, in Berlin angesiedelten Akt in eine neue Richtung – oder besser gesagt, sie bringt zum Ausdruck, was man schon die ganze Zeit gefühlt hat. Größere Filmkunst dürfte während dieses Festivals schwer zu finden sein.

Zuvor hatte eine andere deutsche Filmemacherin einem höchst durchwachsenen Wettbewerb einen seltenen Lichtblick beschert, Margarethe von Trotta. Mit ihrer Filmbiographie „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ kehrt sie zurück zum dramaturgischen Rezept von „Hannah Arendt“ (2012) – sie setzt biographische Elemente einer Paarbeziehung in Verbindung zu einer dezent-didaktischen Vermittlung von Sprachkultur. Aus autobiographischen Bachmann-Texten hat sie ein lebendiges, geistreich-diskursives Dialogbuch entwickelt. Vicky Krieps macht die Texte in ihrer ureigenen Mischung aus Nonchalance und Nachdenklichkeit lebendig, selten ist ihr etwas verhuschter Sprechduktus so angemessen wie im Kontrast zu Bachmanns hochpräzisen Formulierungen. Dagegen hat es ihr Spielpartner Ronald Zehrfeld in der Rolle des zusehends chauvinistisch auftretenden Max Frisch naturgemäß schwerer – zumal er nicht einmal versuchsweise etwas Schweizerisches integrieren kann.

Doch auch er überzeugt vor allem durch seine attraktive physische Präsenz – wie der Film überhaupt mit Schauwerten nicht geizt. Erzählt im Dialog mit Bachmanns nachfolgender Romanze mit dem Autor Alfred Opel, der sie auf eine Ägyptenreise einlädt, ist es stets auch großes Kino.

Der Österreicher Martin Gschlacht gehört zu den besten Bildgestaltern des Weltkinos, aber auch die Ausstattung von Su Erdt verdient Bewunderung: Wie leicht wäre es, es mit der Liebe zum Detail in den großen historischen Ensembleszenen auch einmal zu übertreiben. Was diese beiden deutschen Festivalfilme verbindet, ist aber auch das Geschick ihrer Produzierenden: Hier ist lebendig, wovon der deutsche Autorenfilm lange gelebt hat – ein Konsens zwischen internationalen Koproduzenten, Fernsehredaktionen und Filmförderanstalten, ganz im Dienst der Kunst. Wenn das deutsche Kino derart international auftritt, ist mit seiner dauerhaften Festivalpräsenz wieder zu rechnen.

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