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Als Großvater Großmutter ins ferne, unheimliche Deutschland entführte.

Filmstart "Almanya"

Deutsch als Fremdsprache

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Mit der einfallsreichen Komödie „Almanya“ bringen die Samdereli-Schwestern einen neuen Ton in die Integrationsdebatte. Der Einfachheit halber sprechen alle türkischen Gastarbeiter deutsch und die Deutschen Kauderwelsch.

Mit der einfallsreichen Komödie „Almanya“ bringen die Samdereli-Schwestern einen neuen Ton in die Integrationsdebatte. Der Einfachheit halber sprechen alle türkischen Gastarbeiter deutsch und die Deutschen Kauderwelsch.

Als Tevfik Baser 1985 den ersten filmischen Beitrag zur Integrationsdebatte schuf, war Deutschland gerade einmal vierzig Quadratmeter groß. Bei ihm holt ein türkischer Arbeiter seine junge Frau nach Hamburg und hält sie aus Furcht, die deutsche Gesellschaft könne sie verderben, wie eine Gefangene. Für die Frau wird das Leben zum Alptraum; dann stirbt ihr Mann, und sie tritt unsicher in eine fremde Welt hinaus. Baser ließ seinen preisgekrönten Film ausschließlich in einer tristen Hinterhofwohnung spielen und führte mit künstlerischer Strenge vor, was vielen Politikern heute allzu leicht als allgemeine Diagnose über die Lippen geht: das Scheitern der deutschen Einwanderungspolitik.

Seit „40 qm Deutschland“ sind 26 Jahre ins Einwanderungsland gegangen, und doch kann man manchmal das Gefühl haben, die Integrationsdebatte stecke immer noch in Basers Wohnung fest. Das Kino macht da keine Ausnahme: Gerade hat Feo Aladag mit „Die Fremde“, der melodramatischen Geschichte eines verhinderten Ehrenmords, die deutschen Filmkritikerpreise abgeräumt; und Fatih Akin erzählt ja auch nicht gerade kunterbunte Kiezgeschichten. Den Schwestern Nesrin (Drehbuch) und Yasemin (Regie und Drehbuch) Samdereli scheint die Perspektive auf den deutsch-türkischen Alltag bislang jedenfalls deutlich zu eng gewesen sein. Mit „Almanya – Willkommen in Deutschland“ haben sie eine leichte, gelegentlich schwermütige und immer wieder wundervoll einfallsreiche Komödie über das Zusammenleben von türkischen „Gastarbeitern“ und deutschen „Gastgebern“ gedreht.

Alles beginnt mit einem Pausenhofdilemma: Der sechsjährige Cenk wird weder von seinen deutschen noch von seinen türkischen Mitschülern in ihre Fußballmannschaft gewählt und fragt sich selbst, wohin er jetzt eigentlich gehört. Und weil die Antwort in der Familie Yilmaz nicht gerade leicht fällt, holt seine Cousine Canan weiter aus. Sie erzählt ihm, wie sein Großvater seine Großmutter aus ihrem Heimatdorf entführte, drei Kinder zeugte und beinahe der einmillionste „Gastarbeiter“ in Deutschland wurde.

Der 100.000.001. Gastarbeiter

1964 geht das deutsche Wirtschaftswunder ins zweite Jahrzehnt. Die Industrie braucht dringend neue Arbeitskräfte und schickt die Anwerber jetzt auch verstärkt in die Türkei. Hier führt Fatma Yilmaz einen ärmlichen, aber reinlichen Haushalt, auf den wohl selbst eine schwäbische Hausfrau nichts kommen ließe. Ihr Mann Hüseyin beschließt, sein Glück in der prosperierenden Fremde zu versuchen, und weil der gebannt lauschende Cenk kaum Türkisch kann, sprechen die Türken der Einfachheit halber alle Deutsch. Dieser kleine Kniff zahlt sich schon bei der Einreise aus: Wenn Hüseyin Yilmaz bestens Deutsch spricht und trotzdem nur Bahnhof versteht, müssen eben die Einheimischen ein ziemlich drolliges, entfernt an Charlie Chaplins großen Diktator erinnerndes Kauderwelsch reden.

Die Umkehr der vertrauten Rollen ist in diesem seltsamen Almanya auch weiterhin Programm. Am Vortag ihrer Abreise nach Deutschland weinen sich Hüseyins Kinder aus Furcht vor den Blut trinkenden Christen in den Schlaf, und im neuen Heim schrubbt die entsetzte Fatma erst einmal die Toilette blitzblank. Was danach folgt, lässt sich durchaus als Idealfall gelungener Integration bezeichnen: Die Kinder führen den einträglichen Weihnachtsbrauch der Geschenke zu Hause ein, verbinden das Beste aus zwei Kulturen und wachsen unweigerlich zu einer der quirligsten Großfamilien in der Geschichte der deutschen Filmkomödie heran.

Während die Vergangenheit bei den Samdereli-Schwestern in deutlich verklärtem Licht erscheint, ist in der Gegenwart durchaus nicht alles zum Besten bestellt. Jede Generation hat ihre aus Funk und Fernsehen bekannten Probleme, wobei Hüseyin Yilmaz zu den liberalen Patriarchen zählt. Selbst die Aussicht auf einen „Bastard“ als Enkel lässt ihn nicht die Fassung verlieren; dafür beschert ihm die Erwartung, demnächst einen deutschen Pass zu besitzen, schlaflose Nächte. Wie das jüngste Mitglied der Familie verfolgt auch den Ältesten die Frage der eigenen Identität. Er kauft ein Haus in seinem alten Dorf und nötigt die Familie zum Heimaturlaub.

Für die Schwestern ist das eine schöne Gelegenheit, zwei gegenläufige Migrationsbewegungen zu verweben. Der 100.000.001. „Gastarbeiter“ kommt und geht zur gleichen Zeit, scheint zwischendurch wie zwischen zwei Heimaten gefangen und wirkt im Kreise seiner Liebsten doch im besten Sinne angekommen.

Almanya – Willkommen in Deutschland, Regie: Yasemin Samdereli, D 2011, 97 Minuten.

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