+
Ursina Lardi spielt in "Der namenlose Tag" eine Doppelrolle. Im Hintergrund Thomas Thieme als Jakob Franck.

"Der namenlose Tag", ZDF

Deswegen bringt man sich doch nicht um

  • schließen

Regisseur Volker Schlöndorff verfilmt Friedrich Anis Kriminalroman "Der namenlose Tag" fürs ZDF als dunkles Kammerspiel.

Irgendetwas muss auf Anhieb gepasst haben, als Volker Schlöndorff per Post die Druckfahnen eines Romans erhielt und aus diesem Stoff, wie er der Nachrichtenagentur dpa erzählte, binnen drei Wochen ein Drehbuch machte.

Bei dem Roman handelte es sich um „Der namenlose Tag“ des Münchner Schriftstellers Friedrich Ani, der schon immer Krimis von ganz anderer Art schrieb (und für „Der namenlose Tag“ 2016 den Deutschen Krimipreis erhielt). 

Von ganz anderer Art bedeutet: Ohne Action, dafür den Seelenzuständen der Figuren nachspürend. Anis Täter und Opfer treffen meist durch unglückliche Umstände aufeinander. Sind allesamt gebeutelte, mehr oder weniger mit sich und den Widrigkeiten des Lebens ringende Menschen. 

Schlöndorff, der berühmte, mittlerweile 78-jährige Filmregisseur, schrieb nicht nur das Drehbuch, er drehte anschließend auch mit prominenter Besetzung im Auftrag des ZDF den ersten Fernsehkrimi seines Lebens, 90 Minuten für die Prime Time. Eine kongeniale Friedrich-Ani-Verfilmung muss ein Kammerspiel, muss konzentriert sein, das kam dem Regisseur offenbar entgegen. Dazu die unspektakulären, gar nicht glamourösen Milieus. Denn bei Ani sind es meist die Kleinbürger, die vom Schicksal geschlagen werden. Sie tun ihr Bestes, aber es reicht halt nicht. 

In „Der namenlose Tag“ heißt der, der sein Bestes versucht, aber erst seine Tochter und dann seine Frau verliert, Ludwig Winther. Devid Striesow spielt ihn als einen, der den Grund für die beiden Selbstmorde gleichzeitig verstehen und lieber nicht wissen will. Der glaubt oder vorgibt zu glauben, dass die Tochter ermordet wurde. 

Winther hatte einen Vater, der Bäcker war und am Mehlstaub starb, für ein Studium gab es kein Geld mehr, so wurde er Verkäufer von Herrenkleidung. Der junge, noch hoffnungsfrohe Ludwig lernt Doris kennen, Doris wird schwanger, sie heiraten, Esther wird geboren, Ludwig schuftet nun „fürs Haus“. Als Teenager hat die Tochter Ansprüche, die er finanziell nicht erfüllen kann. Aber deswegen bringt man sich doch gewiss nicht um.

Zentrum des Ani-Romans ist Jakob Franck, gerade pensionierter, allein lebender, einsamer Kriminalhauptkommissar. Lange Jahre war immer er derjenige, der Angehörigen die Todesnachricht überbrachte, er konnte das halt so gut. Zentrum der Schlöndorff-Verfilmung ist Thomas Thieme als Jakob Franck; zu Beginn sieht man den massiven Schauspieler in Serie auf Häuser zugehen, an Türen läuten. Und stets öffnet er, ehe er läutet, seine schwarze Lederjacke, macht sich gleichsam zugänglicher.

So geht er eines Tages auch zu den Winthers. Ludwig ist irgendwo auf Schulung, die Polizei muss ihn schließlich anrufen, denn seine Frau tut es nicht. Ursina Lardi ist die ohnehin schon etwas verhärmt wirkende Doris, irgendetwas scheint sie ihrem Mann nachzutragen. Zwei Jahre nach ihrer Tochter hängt auch sie sich an einen Baum. „Ihre Schuld, Herr Kommissar“, sagt Ludwig Winther. 

Eine normale, vertraute Krimiwendung ist, dass das den Kommissar nicht ruhen lässt. So ist es auch hier. Aber Franck ist ja kein Ermittler mehr, so sucht er nur Freunde, Verwandte, Bekannte auf und spricht mit ihnen. Oft lässt Schlöndorff diese Gespräche in engen, dunklen Räumen spielen, die Nacht ist schon da, das Rollo zu, draußen ist es kalt und regnet es womöglich. Manchmal treibt dieser Ex-Polizist die Befragten – keineswegs Verhörten – ein wenig in die Ecke. Dann haut ihm zum Beispiel Doris’ Zwillingsschwester (auch Ursina Lardi) ihre Tasche an den Kopf. Viel gewalttätiger wird es nicht in „Der namenlose Tag“. Die Abgründe liegen in den Menschen. 

Schlöndorff geht einerseits nah ran, lässt den Figuren andererseits – wie es auch Friedrich Ani tut – trotz Rückblenden in ihre Leben auch ihre Geheimnisse. So ist der erste TV-Krimi Volker Schlöndorffs ein still-berührender Film geworden. Zweifellos hat es mit ihm und diesem Roman gepasst. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion