Der Noble und der Rücksichtslose: Jeff Daniels als Comey (l.), Brendan Gleeson als Trump.
+
Der Noble und der Rücksichtslose: Jeff Daniels als Comey (l.), Brendan Gleeson als Trump.

„The Comey Rule“ auf Sky

Der Unbestechliche

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

„The Comey Rule“, zu sehen auf Sky, ist der erste größere Hollywood-Versuch über die Anfänge der Trump-Ära.

Hollywood liebt es, Präsidenten zu Filmfiguren zu machen. Doch es ist nicht unbedingt so, dass die medienwirksamsten Präsidenten immer auch die beliebtesten Kinohelden abgegeben hätten. Über Ronald Reagan, den früheren Filmstar, gibt es zum Beispiel überhaupt keinen großen Spielfilm, Kennedy wurde lediglich zweimal diese Ehre zuteil (1963 als junger Kriegsheld in „PT 109“ und 2000 im Kubakrisen-Thriller „Thirteen Days“). Dafür sah man immer wieder Richard-Nixon-Filme – fehlbare Amtsträger haben nun mal etwas für sich. So gesehen kann Donald Trumps unrühmliche Präsidentschaft also noch auf medialen Nachruhm hoffen. Der Anfang ist gemacht.

„The Comey Rule“ ist allerdings nur in zweiter Linie ein Film über Donald Trump (und das wird ihn selbst vermutlich am meisten stören). Hauptfigur ist James Comey, gespielt von Jeff Daniels, der FBI-Chef zur Zeit der Ermittlungen gegen Hillary Clinton und zu Beginn von Trumps Amtszeit. Seine Memoiren („A Higher Loyalty“) lieferten die Vorlage zu diesem Zweiteiler, der jetzt auf dem Pay-TV- und Streamingkanal Sky zu sehen ist. Tatsächlich muss man bis zum Schluss des ersten Teils warten, um Brendan Gleeson, den großen irischen Charakterdarsteller, erstmals als Trump zu erspähen: Ein Besetzungscoup, der mehr der Schauspielkunst vertraut als fotografischer Ähnlichkeit. Bis dahin erzählt der Film von Comeys Dilemma, einem Loyalitätskonflikt wie aus einem antiken Drama. Von Amts wegen zu Unabhängigkeit und Überparteilichkeit verpflichtet, musste Comey gleichwohl gegen die Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton (unsichtbar im Film) ermitteln. Erst allmählich wird ihm bewusst, dass er damit unweigerlich Einfluss auf die Wahlen nehmen wird.

Das Ergebnis ist bekannt: Clintons über Wikileaks bekannt gewordene, von einem privaten Account versendete E-Mails offenbarten nach FBI-Ansicht ein Fehlverhalten, jedoch keinen Rechtsbruch von justiziabler Schwere. Der Schaden aber war angerichtet; Trump konnte das Fehlverhalten seiner Rivalin genüsslich ausschlachten.

Es wäre reizvoll gewesen, Comeys Dilemma an dem des Julian Assange zu spiegeln. Bis heute verwehren ihm viele ehemalige Unterstützer die Solidarität, weil er die ihm aus Russland zugespielten Informationen veröffentlichte. Dabei könnte auch Assanges Credo „Eine höhere Loyalität“ heißen, denn Wahrheitsfindung hat nichts mit politischer Parteinahme zu tun. Doch der von Billy Ray geschriebene und inszenierte Film hält sich streng an die von Comey vorgegebene Narration und Selbststilisierung.

Jeff Daniels, dieser wunderbare Charakterdarsteller des amerikanischen Normalbürgers, spielte vor 33 Jahren einmal einen einfachen FBI-Mann. Das war in Peter Yates’ stimmungsvollem Neo-Noir-Stück „Das Haus in der Carroll Street“. Mit der gleichen Geradlinigkeit und einer fast verbissenen Naivität sehen wir ihn nun dieselbe Behörde leiten, und das hat schon etwas ungemein Verklärendes.

Welchen Schaden hat gerade das FBI, wie es von seinem sechsten Direktor, J. Edgar Hoover, von den mittleren 30ern bis in die frühen 70er Jahre geleitet wurde, im Leben unbescholtener Bürger angerichtet? Auch davon erzählte gerade erst ein Kinofilm, „Jean Seberg – Against All Enemies“. Comey ist dagegen der Inbegriff des rechtschaffenen Behördenleiters, der sich die mit der Prüfung der Hillary-Clinton-E-Mails verbundene Herkules-Aufgabe zu Herzen nimmt. „Dabei wollte ich doch eigentlich nur die Bösen fangen“, offenbart er sich fast wehleidig seiner Ehefrau.

Die Ironie seines Schicksals: Mit Loyalität zu höheren Werten kann man diese Arbeit nicht über Jahrzehnte ausüben wie einst J. Edgar Hoover. Jedenfalls nicht unter Donald Trump: Mit ihm gerät der noble Comey an sein Gegenstück. Dass dieser ihn – und fast seinen gesamten Führungsstab – ohne Federlesen feuern wird, scheint schon bei einem gemeinsamen Abendessen im Weißen Haus unausweichlich. Bedingungslose Loyalität zu Trump, nicht mehr und nicht weniger erwartet der Shrimps kauende Präsident von seinem FBI-Chef.

Eine etwas differenziertere Darstellung als Comey erfährt Sally Yates, die als stellvertretende Justizministerin den FBI-Mann nicht daran hinderte, seine Ermittlungen während des Wahlkampfs bekannt zu machen. Noch von Obama ins Amt berufen, wurde Yates damit aus Sicht der Demokraten ebenfalls zu einer Wahlhelferin des politischen Gegners. Der bedankte sich, indem er sie gleich nach seinem Amtsantritt zur kommissarischen Justizministerin ernannte – um sie nur wenige Tage später zu entlassen, nachdem sie seinen Erlass kritisiert hatte, Bürgern aus mehreren mehrheitlich muslimischen Staaten die Einreise zu verweigern.

In anderen Zeiten böte jede einzelne dieser Ungeheuerlichkeiten genug Stoff für ein Politdrama. Doch wie es scheint, spielt diesem Präsidenten inzwischen auch eine Ermüdung der Öffentlichkeit in die Hände: Die Grenzüberschreitungen sind zur Normalität geworden, durchaus mit dem Ziel, am Ende den Nachrichtenwert von „Hund beißt Mann“ zu erreichen. Dann hätte Trump mehr als eine Wahl gewonnen, und das hilflose Achselzucken weiter Teile der liberalen USA bereitet ihm seine größte Freiheit.

Ironischerweise ist dieser Zweiteiler – oder die „Mini-Serie“, wie die Amerikaner vollmundig sagen – bereits ein Produkt dieser Hilflosigkeit. Mit einem bloßen Gegenüberstellen der Dialektik von Loyalität und Eigennutz ist diesem Phänomen nicht beizukommen. Die filmische Form macht es nicht besser: In einer Art Heinrich-Breloer-Methode verschneidet der Film Inszenierungen mit Nachrichtenausschnitten – was hier nur dazu führt, den künstlerischen Anspruch weiter herunterzufahren. Jeder der drei Stars spielt anders; Jeff Daniels gekonnt-schematisch im Biedermann-Modus, Holly Hunter mit lässig-intellektuellem Feuer, Brendan Gleeson als eine Art Madame-Tussaud-Wachspuppe, die jemand mit halber Kraft zum Leben erweckt hat. Das Mienenspiel gelingt ihm wunderbar, doch Stimme und Bewegungen wirken deutlich heruntergefahren.

Und doch ist seine Performance noch das Sehenswerteste an diesem Film, weil es wenigstens ein Stück weit vom Naturalismus des Nachrichtentheaters wegführt. Welches Agitprop-Spektakel hätte ein Meister wie Ken Russell um diese Darstellung herum basteln können. Aber das ist eben auch ein Dilemma unserer Zeit: Nicht nur verharren wir kopfschüttelnd vor den größten Gefahren für unsere Demokratien seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch große Fernsehkunst entzündet sich nicht daran.

The Comey Rule. Zu sehen auf Sky als zweiteilige Miniserie. Regie: Billy Ray. Mit Jeff Daniels, Holly Hunter, Brendan Gleeson. 210 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare