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Fans des ehemaligen Präsidenten Donald Trump bei den Protesten am 6. Januar 2021 vor dem Kapitol mit USA- und Trump-Flaggen.
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Fans des ehemaligen Präsidenten Donald Trump bei den Protesten am 6. Januar 2021 vor dem Kapitol mit USA- und Trump-Flaggen.

TV-Kritik

USA: „Der Sturm aufs Kapitol – Ein amerikanisches Trauma“ ‒ Arte auf der Spur des Aufstands

  • Tilmann P. Gangloff
    VonTilmann P. Gangloff
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Die Dokumentation über die Ereignisse des 6. Januar 2021 lässt zu viele wichtige Fragen unbeantwortet. 

Frankfurt/Washington, D.C. - Im kollektiven Gedächtnis der USA hat dieser Tag vermutlich ähnlich tiefe Spuren hinterlassen wie vor gut zwanzig Jahren der Anschlag aufs World Trade Center: Am 6. Januar 2021 stürmten Fans von Donald Trump das Kapitol in Washington, um zu verhindern, dass Joe Biden offiziell als Sieger der Präsidentschaftswahlen bestätigt wird, weil der Wahlsieg angeblich gestohlen sei.

Anders als „9/11“ wird die Eroberung des Kongressgebäudes jedoch längst nicht von allen Bürgerinnen und Bürgern der Vereinigten Staaten als Trauma empfunden: Viele Menschen sind überzeugt, dass die Trump-Fans damals völlig richtig gehandelt hätten; Mitglieder der republikanischen Partei spielen die Vorfälle bis heute herunter.

Arte zeigt Dokumentation „Der Sturm aufs Kapitol – Ein amerikanisches Trauma“

In ihrer gut fünfzig Minuten langen Dokumentation rekonstruieren Dagmar Gallenmüller und Gaston Saša Koren die Ereignisse dieses Tages. Darüber hinaus soll ihr Film erörtern, wie es dazu kommen konnte und wie gefährdet die amerikanische Demokratie tatsächlich sei. Ausgerechnet die zweite Frage beantworten die beiden jedoch nur oberflächlich, und eine dritte stellen sie gar nicht erst: Was hat das mit uns zu tun?

Die Ereignisse werden aus mehreren verschiedenen Perspektiven nacherzählt, um die Folgen des Angriffs auf die Demokratie zu analysieren.

Die Sendung behandelt die Geschehnisse als Phänomen, das auf die USA begrenzt ist, doch Spaltungen dieser Art lassen sich auch in Europa beobachten, am offenkundigsten in Großbritannien seit dem Brexit-Referendum. Hierzulande gibt es eine ähnliche Entwicklung: Die Diskussionen über die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen wie eine etwaige Impfpflicht werden mit ähnlicher Schärfe geführt. Die Risse gehen quer durch die Familien und haben dazu geführt, dass Freundschaften zerbrechen.

„Der Sturm aufs Kapitol“ (Arte): Parallelen zu Corona-Protesten in Deutschland

Gallenmüller und Koren konzentrieren sich jedoch auf Amerika und diesen 6. Januar. Ihr Film ist eine Fleißarbeit, die die Ereignisse dank vieler Smartphonevideos minutiös rekonstruiert. Auf diese Weise ist man auch dank der Ausführungen eines britischen Journalisten sowie zweier betroffener Polizisten mittendrin im Getümmel, was den Bildern eine morbide Faszination verleiht.

Anscheinend hatten längst nicht alle Teilnehmer:innen dieses „Sturms aufs Kapitol“ einen Putsch oder Ähnliches im Sinn, viele sind von der Dynamik der Ereignisse schlicht mitgerissen worden. Eine Minderheit wollte aber auch Blut sehen und hat sich auf die Suche nach Nancy Pelosi und Mike Pence gemacht. Wie sich diese Gruppe verhalten hätte, wenn sie tatsächlich auf die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses oder den als Verräter beschimpften Trump-Stellvertreter getroffen wären: Darüber lässt sich nur spekulieren.

RegieDagmar Gallenmüller
Gaston Saša Koren
GenreDokumentation
HerkunftZDF
LandDeutschland
Jahr2021

Die Zusammensetzung der Gruppe zeigt jedoch ebenfalls Parallelen zu den Corona-Protesten in Deutschland: Hier wie dort haben sich Volksverhetzer:innen die Stimmung im Land zunutze gemacht. Bei den Corona-Demonstrationen laufen brave Bürgerinnen und Bürger neben Rechtsextremisten; eine gewaltbereite Minderheit gibt es ebenfalls.

Arte-Doku „Der Sturm aufs Kapitol“ macht es sich zu einfach

Natürlich ist es das gute Recht von Gallenmüller und Koren, sich auf die USA zu beschränken, das Thema ist schließlich komplex genug; aber auch in dieser Hinsicht machen sie es sich zu einfach. Streng genommen müssten sie die Geschichte des Landes erzählen, um umfassend zu erörtern, wie diese von Aggressivität geprägte Stimmung überhaupt entstehen konnte.

Eine entsprechende Analyse ist ohne die Eroberung des Kontinents und die damit verbundene Abschlachtung der Ureinwohner:innen sowie die Sklaverei und die bis heute ungebrochene Unterdrückung der Afroamerikaner:innen im Grunde nicht möglich. Auch die spätestens seit den Fünfzigerjahren durch die „Hexenjagd“ von Senator Joseph McCarthy tief verwurzelte Angst vor dem Kommunismus müsste berücksichtigt werden, denn darauf zielen die Diffamierungen der rechten Scharfmacher ab.

„Der Sturm aufs Kapitol“: Viele Fragen bleiben offen

Eine Historikerin interpretiert den Sturm aufs Kapitol zwar unter anderem auch als Reaktion auf die vielen „Black Lives Matter“-Demonstrationen nach der Tötung George Floyds im Mai 2020 durch einen Polizisten, aber diese Vorlage wird im Kommentar nicht aufgegriffen. Stattdessen reduziert der Film die Spaltung des Landes auf die übliche These, Washington habe den Kontakt zu den „kleinen Leuten“ verloren und berücksichtige nur noch die Interessen der wohlhabenden Küstenregionen im Osten und im Westen.

„Der Sturm aufs Kapitol – Ein amerikanisches Trauma“

Dienstag, 4. Januar 2022, Arte, 20.15 Uhr, Mediathek

Ein exemplarisch vorgestelltes Paar gehört zur christlich-fundamentalistischen Moon-Sekte, deren Mitglieder mehrheitlich Trump-Anhänger sind; dabei sind die in ihren Anschauungen ungleich radikaleren Evangelikalen in den USA die weitaus einflussreichere Religionsgemeinschaft.

Die wichtige Rolle rechter Medien, allen voran TV-Sender Fox News, wird ebenfalls viel zu wenig beleuchtet. Auch die eingestreuten Aussagen der Expertinnen und Experten sind zu wolkig („Da läuft etwas grundlegend schief in unserem Land“), um wirklich substanzielle Antworten zu geben, gerade auch auf die Frage, was aus den USA wird, wenn sich Trump 2024 erneut zur Wahl stellen und womöglich gewinnen würde. Einige dieser Aspekte werden allerdings im anschließend ausgestrahlten Film „Amerika in Aufruhr“ (21.05 Uhr) aufgegriffen. (Tilmann P. Gangloff)

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