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„Der Spalter“ im ZDF: Zwietracht in der Familienpackung

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Von: Harald Keller

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Der Spalter im ZDF
Lars (Axel Stein, M.) will den Polizisten (Marian Meder, Viktor Bleischwitz, l.) erklären, was passiert ist. © Oliver Vaccaro/ZDF

Der ZDF-Film „Der Spalter“ ist ein sinistres Drama über Radikalismus im Nahbereich von Arbeitsplatz und Familie.

Frankfurt am Main – Die Ekelpakete sterben nicht aus. Im Gegenteil. Sie vermehren sich. Der britische TV-Autor Johnny Speight hatte sich das anders gedacht, als er 1965 für die Sitcom „Till Death Us Do Part“ mit Alf Garnett einen reaktionären Arbeiter aus dem Londoner Eastend erdachte. In Großbritannien ein Widerspruch und somit ein Witz für sich. In den USA passte Norman Lear das Format unter dem Titel „All in the Family“ an die dortigen Verhältnisse an, in Westdeutschland hieß die Adaption „Ein Herz und eine Seele“ und wurde von Wolfgang Menge geschrieben.

Garnett, der Amerikaner Archie Bunker und der Deutsche Alfred Tetzlaff pampten und pflaumten, verbreiteten reaktionäre und rassistische Ansichten in derart grotesker Form, dass es auf verständige Menschen nur lächerlich wirken konnte. In dem ZDF-Film „Der Spalter“ begegnen wir einem geistigen Erben dieser Herren. Lars (Axel Stein) ist in der Firma Softwisch, spezialisiert auf Hygienepapiere, der Schwager vom Chef und nutzt diese privilegierte Position weidlich, um andere Angestellte zu terrorisieren. Er genießt es, Gerüchte über mögliche Entlassungen zu verbreiten, woraufhin der eine hündische Ergebenheit an den Tag legt, der andere Lars’ Wohlwollen zu gewinnen sucht. Aber mit Maßen.

„Der Spalter“ im ZDF: Der Widerling und das Trotzköpfchen

Denn im Zweifelsfalle gibt Oliver (Fabian Busch) seiner Ehefrau Bianca (Marlene Morreis) sowie den Nachbarn Dila (Susana AbdulMajid) und Simon (Sebastian Schwarz) den Vorzug. Unglücklich nur, dass er Lars etwas von einer kranken Großmutter vorgelogen hat, doppelt unglücklich, dass Lars plötzlich vor der Tür steht. Besitzergreifend, dominant, toleranzfrei. Lästernd über Vegetarier, Ausländer, Nicht-Alkoholiker, Greta Thunberg und sowieso alle Umwelt- und Tierschutzaktivisten.

Einer lebt mit Oliver und Bianca unter einem Dach: ihr Sohn Finn (Paul Sundheim), der sich gerade in der Trotzphase befindet, sich allenfalls blicken lässt, um sich am Kühlschrank zu bedienen und nächtens mit einem Kumpel Käfighühner aus der Gefangenschaft befreit. Dabei hat der Dussel seinen Rucksack verloren, der der Polizei gewisse Rückschlüsse erlaubt.

„Der Spalter“ im ZDFDie Rollen und ihre Darsteller:innen
LarsAxel Stein
BiancaMarlene Morreis
DilaSusana AbdulMajid
SimonSebastian Schwarz
FinnPaul Sundheim

Auch Finn lernt Lars kennen, der den Jungen für sich gewinnt, indem er ihn seinen BMW lenken lässt und ihm eine Flasche Whisky zusteckt. Gut, Finn ist nicht der Hellste, aber dass er dem groben Charme eines Großkotzes erliegt, der Zwietracht sät, komplett entgegengesetzte Ansichten vertritt, und das lautstark, unverschämt, beleidigend und ohne Hehl – das vermag so recht nicht zu überzeugen.

„Der Spalter“ im ZDF: Klischeegetreue Hassfigur

Lars als Figur tritt stellvertretend auf für jene, die in dieser Gesellschaft für Verwirrung sorgen und die Menschen gegeneinander aufbringen, die asoziales, teils abwegiges Gedankengut verbreiten: Desinformationen, konstruierte Feindbilder, Hetztiraden. Auch gelenkten Hass, von Verschwörungsprofiteuren und politischen Hasardeuren im Verfolgen ihrer gewiss nicht gemeinnützigen Interessen vorsätzlich entfacht und angeheizt. Im Film sind es ominöse „Blogger“, von denen Lars seine Weltanschauung bezieht, denn die anderen verbreiten „systemkonformen Scheiß“.

Zur Sendung

„Der Spalter“, Mittwoch, 23.11.2022, 20:15 Uhr, ZDF und in der ZDF-Mediathek.

Eigentlich fällt, was der Drehbuchautor Stefan Rogall hier ersonnen hat, in das Fach der Farce. Nur leider kann man, anders als zu Zeiten von Alfred Tetzlaff, über abstruse, unlogische und überspannte Äußerungen nicht mehr lachen. Weil sie von Teilen der Gesellschaft ernst genommen werden. Insofern ist wenig hilfreich, wenn Lars von vornherein als Widerling mit niedrigen Absichten, als skrupelloser Lügner, mithin als eindimensionale Hassfigur eingeführt wird. Bis zum Schluss ohne Brechung, ohne Nuance.

„Der Spalter“ im ZDF: In der vergleichenden Betrachtung

Das auftraggebende ZDF (Produktion: Studio Zentral) hat diese Thematik schon sehr viel angemessener dargeboten: 2021 in der Serie „Schlafschafe“, im Jahr zuvor in „Deutscher“. Geschrieben wurde der Vierteiler „Deutscher“ von – Stefan Rogall. Dort lautete die Exposition, dass im fernen Berlin eine rechtspopulistische Partei die Mehrheit erringt. Das Ehepaar Pielcke jubelt, die Schneiders von nebenan befürchten Arges. Die Nachbarn kamen gut miteinander aus. Aber ein schleichender Prozess verändert das Klima. Ausländerfeindlichkeit und Geschichtsrevisionismus machen sich breit, Radikalismus keimt auf, zwischen Freunden, am Arbeitsplatz, in der Schule.

„Deutscher“ also war sehr viel subtiler erzählt, weniger krass in der Schwarz-Weiß-Zeichnung, mit Verständnis für beide Seiten, ohne Fehlverhalten zu entschuldigen. Und insgesamt mit einem höheren Grad an Glaubwürdigkeit. (Harald Keller)

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