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„Der Seewolf“: Humphrey van Weyden (Edward Meeks) stützt sich an der Reling eines Schiffes ab und blickt in die Ferne. Neben ihm steht Wolf Larsen (Raimund Harmstorf), der in dieselbe Richtung schaut.
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Humphrey van Weyden (Edward Meeks, l.) und Wolf Larsen (Raimund Harmstorf, r.) ahnen noch nicht, dass sie eine gemeinsame Vergangenheit teilen.

Vierteiler

„Der Seewolf“: ZDFneo verstümmelt den Advents-Klassiker

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Zum 50-jährigen Jubiläum zeigte ZDFneo eine grob zusammengeschnittene Version des legendären Advents-Vierteilers.

Frankfurt - „Warum haben Sie nichts Großes auf dieser Welt vollbracht?“, fragt der schwächliche Schöngeist Humphrey van Weyden (Edward Meeks) in einem Anfall von Mut seinen amoralischen Widersacher Wolf Larsen (Raimund Harmstorf), „Mit Ihrer ungewöhnlichen Kraft hätten Sie alles erreichen können. Ohne Gewissen - Sie haben doch keines -, ohne moralische Hemmungen hätten Sie die ganze Welt unterwerfen können und sie beherrschen. Stattdessen sind Sie – und Sie stehen auf der Höhe ihres Lebens – nur der Kapitän eines Schoners.“ Macho Harmstorf fläzt sich auf sein Kajütenbett und zündet sich ein Zigarillo an. Seine Augen funkeln böse: „Hump, mein Fehler war, dass ich je ein Buch aufgeschlagen habe…“

Das waren noch Zeiten als das ZDF nicht die trivialen „Event-Movies“ der Privatsender kopierte, sondern auf spannungsgeladene Weltliteratur-Verfilmungen mit philosophischem Zündstoff setzte! Im Dezember 1971 flimmerte mit traumhaften Einschaltquoten in epischer Länge von fast sechs Stunden der Vierteiler „Der Seewolf“ nach Jack Londons Roman (1904) über den Bildschirm. Der Straßenfeger ist auch noch heute beliebt, was die nicht abreißenden DVD-Verkäufe und Diskussionen in Fan-Foren belegen.

Der Kult hat mehrere Gründe: Der 1991 verstorbene Drehbuchautor und Produzent Walter Ulbrich, Pionier der legendären Adventsvierteiler, der die großen Stoffe (u. a. „Die Schatzinsel“, „Die Lederstrumpf-Erzählungen“, „Lockruf des Goldes“ und ebenfalls mit Harmstorf in der Titelrolle „Michail Strogoff“ nach Jules Vernes „Der Kurier des Zaren“) für die Mainzer realisierte, verwob auf kongeniale Weise die „Seewolf“-Vorlage mit weiteren Geschichten Jack Londons wie „Joe unter den Piraten“ (1902), „Abenteurer des Schienenstrangs“ (1907), „Die Liebe zum Leben“ (ebenfalls 1907), „Ein Sohn der Sonne“ (1912) und „König Alkohol“ (1913).

„Der Seewolf“ im ZDF: Exotische Schauplätze im Advents-Klassiker

Einzigartig exotische Schauplätze fand Ulbrich, dessen Tele München mit Studio Bukarest einen leistungsstarken, aber in der Kalkulation günstigen Co-Produktionspartner hatte, in der schwedischen Tundra und in Rumänien. Regie ließ er Altmeister Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“, „Der Untertan“, „Herrenpartie“) führen. Dieser wiederum überliess die Action-Szenen und die vierte Episode „Die Suche nach der verlorenen Insel“ dem Rumänen Sergiu Nicolaescu. Der brutale und zugleich verträumte Soundtrack stammte aus der Feder des unvergessenen Komponisten Hans Posegga („Die Sendung mit der Maus“, „Lockruf des Goldes“).

Im Gegensatz zu früher setze Ulbrich auf unverbrauchte Gesichter: Am bekanntesten war dem Publikum noch der mittlerweile 87-jährige US-Amerikaner Edward Meeks durch die französische Fernsehserie „Die Globetrotter“ über die Abenteuer zweier Reporter (der andere war der im April verstorbene Yves Rénier). Der am 7. Oktober 1939 in Hamburg geborene, vollbärtige Titelheld Raimund Harmstorf dagegen hatte zwar unter Gustaf Gründgens schon in „Faust II“ den Valentin am Theater und in Wolfgang Beckers Krimi-Dreiteiler „Babeck“ (1968) einen glattrasierten Killer gespielt, doch eine Fernseh- oder Filmhauptrolle wurde ihm bislang nicht anvertraut. Seine physische Präsenz – Größe 189 Meter, Brustumfang 107, Taille 78 und Bizeps 40 Zentimeter – prädestinierte ihn endlich für den Part des gewalttätigen Kapitäns Larsen, der nach Nietzsches und Darwins Übermensch- und Selektionstheorien handelt.

50-jähriges Jubiläum „Der Seewolf“: Gekürzte Schnittfassung beim ZDF

Doch der ehemalige Zehnkämpfer und Medizinstudent war weit mehr als ein Kraftmensch, der (präparierten) Flaschen die Hälse oder (gargekochte) Kartoffeln zerquetschte. „An diesem Rollenprofil hätte man weiter feilen müssen, dann wäre er ein Weltstar geworden.“, sagt Peter Kock, der 23-jährig den gegen Larsen aufbegehrenden Matrosen Leach spielte und heute als Professor an der Berliner Universität der Künste in den Sektionen „Darstellende Kunst“ und „Cabaret/Show“ doziert. So weit, so gut - und legendär. Zum 50-jährigen Jubiläum der Erstausstrahlung hatte man eigentlich gehofft, dass das ZDF oder zumindest 3sat alle vier Teile an vier oder vielleicht aufgeteilt an zwei Tagen nochmals zur Hauptprogramm-Zeit ausstrahlt, denn wie sagte es einmal der österreichische Film- und Theater-Star Klaus Maria Brandauer so treffend? „Man soll nicht zum Publikum herabsteigen, sondern es zu sich heraufholen.“

Der Schriftsteller Humphrey van Weyden (Edward Meeks) flieht vor dem brutalen Kapitän Larsen, genannt der Seewolf.

Doch diese Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Am 2. Advent präsentierte der Ableger-Sender ZDFneo, bei dem profane Styling-Shows wie „Waschen, Schneiden, Leben - Mein neues Ich“ rauf und runter gespielt werden, als „Free TV-Premiere“ nach der „Pay-TV-Premiere“ bei Kabel Eins Classic am 15. August eine neue, auf zwei Stunden gekürzte Schnittfassung, bei der sich Jack London, Raimund Harmstorf und vor allem Walter Ulbrich wohl im Grabe umdrehen würden, hätten sie diese zu Gesicht bekommen. Der im zusammengerafften Abspann nicht genannte Bearbeiter hat sich zu Beginn, als die Titelmelodie von Posegga erklingt, nicht einmal die Mühe gemacht, die Bildtafeln am Anfang auszutauschen. Da steht immer noch: „Der Seewolf. Ein Fernsehfilm in vier Teilen nach dem gleichnamigen Roman und anderen Erzählungen von Jack London. Fernsehbearbeitung und Drehbuch Walter Ulbrich“. Dabei sieht der fassungslose Zuschauer ja nur einen Film!

„Der Seewolf“ auf ZDFneo: Diese Darsteller spielten im ungekürzten Original mit

RolleDarsteller:in
Wolf LarsenRaimund Harmstorf
Humphrey van WeydenEdward Meeks
Maud BrewsterBeatrice Cardon
Thomas MugridgeEmmerich Schäfer
George LeachPeter Kock
Wolf Larsen als JungeDieter Schidor
Humphrey van Weyden als JungeFranz Seidenschwan

Zudem wurden alle Rückblenden, auch diejenigen, wo sich als Jugendliche der aus reichem Hause stammende Hump (Franz Seidenschwan) und der arme, nach Bildung dürstende Dynamit-Fischer Wolf Larsen alias Frisco Kid (Dieter Schidor) in den Slums von San Francisco erstmals begegnen, mittels digitaler Schere entfernt. Dieser geniale Kunstgriff Ulbrichs, der hier die Jack-London-Erzählungen „Joe unter den Piraten“ und “Abenteuer des Schienenstrangs“ mit dem Roman „Der Seewolf“ verflocht, machte nicht nur die romantische Magie des Vierteilers aus, auch die Psychologie und die Entwicklung der beiden Hauptfiguren wurden dadurch verständlicher.

Die Jugenderinnerungen sind also komplett raus - Weyden und Larsen kennen sich nicht von früher -, die „Kapitän der tausend Inseln“-Passage des letzten Teils ist allerdings erhalten geblieben. „Zum Glück,“, findet Journalist und Jack-London-Experte Henning Franke, „denn das war für mich die wichtigste, stimmigste Erweiterung des Romans: dass Weyden nach den einschneidenden Erlebnissen auf der ‚Ghost‘ nicht mehr derselbe ist wie vorher, dass er nicht in sein altes Leben zurückfindet, sondern in eine neue Existenz schlüpft - ‚das unstete Leben eines Südsee-Vagabunden hatte mich in seinen Bann geschlagen‘. Natürlich ist alles verkürzt, hier wie in der Haupthandlung. Es ist schade um jede gestrichene Szene, an die man sich erinnert.“

„Der Seewolf“: Leben und Film seit 50 Jahren dicht beieinander

Franke weist noch auf einen weiteren Patzer hin: Das Entfernen der Szene, in der Weyden, gerade als Schiffbrüchiger an Bord genommen, aus seiner Ohnmacht erwacht und vom schmierigen Köchlein (Emmerich Schäffer) eine Einführung in die Verhältnisse an Bord bekommt: „In der Kurzfassung tritt er gleich an Deck und weiß direkt: ‚Das konnte nur einer sein - der Kapitän, Wolf Larsen’, obwohl dieser Name noch nie gefallen ist…“ Auch Humphrey van Weydens Kampf „Not gegen Elend“ mit einem abgemagerten Wolf, nachdem es ihn bei seinem gemeinsamen Fluchtversuch mit der in den Sturm gepeitschten Wogen ertrunkenen Maud Brewster (Beatrice Cardon - im Roman überlebt übrigens diese Figur) im offenen Boot auf eine einsame Insel gespült hat, fehlt.

Dabei gehörte die Survival-Story „Die Liebe zum Leben“ zum Besten, was Jack London geschrieben hat. Man sieht nur wie der mit der „Ghost“ ebenfalls gekenterte Larsen ihm auf der Insel wiederbegegnet und bei einem Marsch durch die Tundra zurücklässt, als Weyden zu schwach ist, um mit ihm Schritt zu halten. Wenigstens sind die Südsee-Episoden aus dem Sammelband „Ein Sohn der Sonne“, einschließlich des Showdowns auf dem Wrack der „Ghost“ zwischen dem noch immer gefährlichen, mittlerweile aber durch einen Gehirntumor erblindeten Larsen und dem zunehmend selbstbewussten van Weyden erhalten geblieben.

Ein Sakrileg wurde allerdings bereits beim ursprünglichen Vierteiler begangen: Walter Ulbrich ließ Raimund Harmstorf durch Kurt E. Ludwig synchronisieren, weil dessen Timbre „härter“ wäre. Dies traf den sensiblen Schauspieler, der Jack London an der Seite von Hollywood-Star Charlton Heston in „Ruf der Wildnis“ (1972) und in Dagmar von Kurmins Hörspiel-Meisterwerk „Wolfsblut“ (Poly, 1975) treu blieb, zeitlebens schwer. Leben und Film liegen oft nah beieinander: Seit 1994 litt das vermeintliche Raubein an Parkinson und durch die Medikamente an Depressionen. Am 3. Mai 1998 verübte er auf seinem Bauernhof in Marktoberdorf im Allgäu Selbstmord – wie einst „Seewolf“- Schöpfer Jack London, der bereits mit 40 Jahren des irdischen Daseins überdrüssig war (es gibt allerdings auch Quellen, die ein Nierenversagen für die Todesursache verantwortlich machen).

Der Seewolf

Zu sehen in der ZDF-Mediathek, Video verfügbar bis 03.01.2022

„Der Seewolf“ auf ZDFneo: Grund für Harmstorfs Selbstmord

Eine der Ursachen für Harmstorfs Freitod könnten Berichte der Bild-Zeitung gewesen sein. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft hieß es: „Es liegen Erkenntnisse dahin geltend vor, dass ein Mit-Auslöser für den Selbstmord in der Medienberichterstattung zu sehen ist.“ Die Bild widersprach dem zwar, wurde aber später vom Presserat offiziell gerügt. Das machte Harmstorf auch nicht wieder lebendig. Doch Unsterblichkeit verlieh er sich selbst - mit seinem „Seewolf“. Vor allem wenn man seine Interpretation mit denen von Noah Beery (1920), Edward G. Robinson (1941), Barry Sullivan (1958), Chuck Connors (1975), Liubomiras Lauciavicius (1991), Charles Bronson (1993), Stacy Keach (1997), Thomas Kretschmann (2008) und Sebastian Koch (2009) vergleicht, die ihm allesamt nicht das Wasser reichen können.

Reizvoll wäre es bei einer neuen Schnittfassung gewesen, die Bonus-Szenen aus der zweiteiligen rumänischen Kinofassung (Originaltitel: „Lupul Mărilor“), die in der ZDF-Version schon 1971 fehlten, zu integrieren. So gibt es eine Sequenz, in der Larsen von seinen Plänen berichtet, irgendwann ein Haus auf einer ruhigen Insel errichten zu wollen. Als sich die Wege von Larsen und van Weyden auf dem Land der kleinen Zweige trennen, macht Hump Wolf darauf aufmerksam, dass er ihn bereits unter dem Namen Frisco Kid kannte, was diesen aber völlig kaltlässt.

Auch gibt es eine alternative Sequenz, in der Robbenfänger Oofty-Oofty (Omar Islau) nicht von einem Hai getötet, sondern von Larsen erschossen wird. Und am Ende wird näher auf die Umstände eingegangen, die dazu beigetragen haben, dass die Ghost gestrandet ist. Dies alles ist bei der neuen Schnittfassung Fehlanzeige. „Bei ARD und ZDF sitzen sie in der ersten Reihe“, hieß es Anfang der 1990er Jahre in gemeinsamen Werbespots. Bei ZDFneo ist es 2021 vielmehr die letzte Bank… (Marc Hairapetian)

Unser Autor Marc Hairapetian hat das Kapitel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ über die Hörspiel-Adaptionen der Abenteuer-Vierteiler im ZDF in der zweiten Auflage des Bildbandes „Seewolf und Co.“ (Oliver Kellner/Ulf Marek, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2005, Euro 29.80) verfasst.

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