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„Der Schneeleopard“ im Kino: Der Leopardenflüsterer

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Von: Daniel Kothenschulte

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Tierdokumentation „Der Schneeleopard“: Die Titelfigur macht sich ausgesprochen selten.
Tierdokumentation „Der Schneeleopard“: Die Titelfigur macht sich ausgesprochen selten. © dpa

Schwelgerisch und unprätentiös: Marie Amiguets angenehm orthodoxer Naturfilm über ein Tier, das sich rar macht, und die Menschen, die ihm nachreisen.

In der stolzen Zunft des dokumentarischen Filmemachens setzt man die Tierfilmer und Tierfilmerinnen gern an den Katzentisch. Als spielten ihre Filme nicht ebenfalls und vielleicht sogar noch mehr in der Wirklichkeit, hält man sie doch für etwas anderes. Wer Tierfilme macht, taucht in den seriösen Filmgeschichten noch seltener auf als Kinderbuchautorinnen oder -autoren im literarischen Kanon. Nur bei der Vergabe der guten Sendeplätze im Fernsehen müssen sie sich nicht ganz hinten anstellen. Dabei waren Hans Haas, Heinz Sielmann, Bernhard Grzimek oder Jacques Cousteau nicht nur Kamerapioniere, sondern auch Meister des visuellen Erzählens. Der französische Tierfilmpionier Jean Painlevé konnte Seepferdchen so poesievoll filmen, als hätte ein Surrealist sie gemalt.

Nun feiert der Tierfilm auch künstlerisch eine Renaissance, und es kann nicht lange dauern, bis sich auch die dokumentarische Welt vor seinen Künstlern verneigt. Einen Anfang machte im vergangenen Jahr der Dokumentarfilmoscar für die Netflix-Produktion „Mein Lehrer, der Krake“ von Pippa Ehrlich und James Reed. Was das südafrikanische Naturdrama allerdings von weniger anerkannten Tierfilmen unterschied, war die Perspektive: Als Beziehungsgeschichte zwischen dem von einer Lebenskrise getroffenen Filmemacher und seiner achtarmigen Freundin war es zumindest zur Hälfte auch ein Menschenfilm.

Das gilt auch für den französischen Film „Der Schneeleopard“. Hier gibt es sogar zwei menschliche Hauptdarsteller – und die vierbeinige Titelfigur macht sich – artbedingt – dagegen ausgesprochen rar. Die Hauptfiguren sind Vincent Munier, ein Fotograf, und der Schriftsteller Sylvain Tesson. Eine weitere Protagonistin bleibt leider weitgehend unsichtbar: Die Tierfilmerin Marie Amiguet begleitete die beiden Männer mit einem kleinen Team. Gemeinsam sind sie in eine tibetische Berglandschaft gereist, um dem seltenen Schneeleoparden zu begegnen. Das ist keineswegs ausgemacht bei einem Bestand von maximal 2500 Exemplaren in der Volksrepublik China; aber auch wenn wir hier nichts verraten wollen, werden die Filmemacher ihr Publikum natürlich am Ende nicht enttäuschen.

Katze mit Charisma

Außerdem begegnen sie ständig anderen fotogenen Tieren: Wilden Yaks, Tibetischen Füchsen, Bären und vor allem der gefährdeten Pallas-Katze. Das buschige Pelztier mit den gelben Augen steht dem Schneeleoparden an Charisma nicht nach.

Man ist überrascht, wie fasziniert man dieser Reiseerzählung folgt und was sie anderen Tierfilmen voraushat, denn auch Grzimek und Sielmann erzählten ja gern vom Drumherum ihrer Exkursionen. Hier aber kommen die Kommentare nicht vom filmenden Zoologen, sondern vom eher unwissenden, aber neugierigen Mitreisenden, dem Schriftsteller. Und die Kameraarbeit ist auch etwas anders als gewohnt. Die stillen Landschaftsaufnahmen stehen lange genug auf der Leinwand, dass man keine Erklärungen braucht und sich selbst darin umsehen kann. Tatsächlich ist die tibetische Natur auch dann ein Ereignis, wenn sich gerade kein Tier darin bewegt. Umso malerischer dagegen die Unschärfen der Teleobjektive, mit denen die Nahaufnahmen gewonnen werden. Die Kommentare verrätseln dazu mehr, als sie erklären: „Einem Tier zu begegnen bedeutet Verjüngung. Es öffnet eine Tür. Auf der anderen Seite: Das Unkommunizierbare.“ Das klingt zwar zugegeben manchmal etwas gestelzt, wird dafür dann aber auch nur geflüstert.

Man muss sich schon gewöhnen an die Überkommentierung, doch die ständige Neuverortung des bekennenden Städters in völliger Menschenleere ist durchaus amüsant. Tatsächlich wirkt der Überschuss an Reflexion ein wenig wie das, was Hitchcock gern den „McGuffin“ nannte: Eine überflüssige Information, die man zum Zwecke der Ablenkung über dem Publikum ausschüttet. So gelingen im Gegenzug immer wieder echte Überraschungen. Etwa wenn die Reisenden automatische Nachtkameras in der Natur verstecken, um heimlich den gesuchten Schneeleoparden zu fotografieren. Tatsächlich stellt sich später heraus, dass sie sogar bei ihrem Tageswerk einen Schneeleoparden auf dem Bild hatten, der sie geduldig beobachtete. Nur hatten sie ihn nicht bemerkt.

Während uns Tierfilme üblicherweise mit einem Überschuss an Informationen über die vorgestellte Fauna versorgen, ist der Tenor hier genau umgekehrt: Immer wieder machen sich die Reisenden klar, wie wenig sie eigentlich über die unberührte Welt wissen, die sie da durchstreifen. Das überraschende Interesse, das ihnen ihrerseits Pallas-Katze und Schneeleopard entgegenbringen, scheint sie mit echter Demut zu erfüllen. So erreicht dieser Film trotz seiner manchmal etwas zu vielen Worte etwas, das Tierfilmern nicht oft gelungen ist: Die Schönheiten der Natur angemessen planlos auszubreiten – und dabei nicht Zoologen mit der Kamera zu spielen.

Der Schneeleopard. F 2021. Dokumentarfilm. Regie: Marie Amiguet. 92 Min.

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