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Sie haben beschlossen, ihr Leben alkoholisiert zu leben.
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Sie haben beschlossen, ihr Leben alkoholisiert zu leben.

Kino

„Der Rausch“ im Kino: Nie mehr nüchtern

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Eine Begegnung mit Thomas Vinterberg und seiner Tragikomödie, „Der Rausch“, dem Porträt einer alkoholisierten Gesellschaft.

In einer gerechten Welt hätte Thomas Vinterbergs Tragikomödie „Der Rausch“ ihren Siegeszug schon im Frühjahr 2020 angetreten. Sie gehörte zum Aufgebot des Cannes-Filmfestivals, das schließlich wegen Corona abgesagt wurde. Doch auch geschlossene Kinos haben den Erfolg lediglich verzögert, der im vergangenen April mit einem Auslandsoscar gekrönt wurde.

Dieser Film, den es in Deutschland noch immer zu entdecken gilt, ist also alles andere als ein unbekanntes Meisterwerk. Allerdings ist er keinen Tag gealtert; selbst wenn man inzwischen viel gelesen hat über die frappierende Handlungsidee – das Projekt vierer Lehrer, die beschließen, ihre Tage nicht mehr nüchtern zu verbringen. Tatsächlich geht es wie in jedem großen Film um sehr viel mehr als nur um einen Plot, sondern, man muss das einmal ganz dogmatisch sagen, um das Leben selbst.

Da ist uns ein Wort bereits herausgerutscht, zu dem der Däne Thomas Vinterberg eine besondere Beziehung hat. Er war erst 26, als er gemeinsam mit Lars von Trier „Dogma 95“ erfand, die letzte filmische Strömung des 20. Jahrhunderts. Mit der Absage an aufwendige Filmtechniken und Handlungsklischees wie „Mord und Totschlag“ und einer Beschränkung auf Handkamera, Direktton und natürliches Licht hoffte damals eine Gruppe junger dänischer Filmschaffender, der Wahrheit des Lebens etwas näher zu kommen.

Auch die vier Lehrer erfinden sich ein solches Dogma, eine Spielregel. Den norwegischen Psychiater Finn Skårderud ernennen sie zu ihrem Kronzeugen: Jeder Mensch, so erklärte der Erforscher menschlicher Unruhe einmal, sei mit einem halben Promille Alkohol zu wenig auf die Welt gekommen. Auch Ernest Hemingway ist schnell zur Stelle, der beim Trinken prachtvolle Texte geschrieben habe. Kurzentschlossen adeln die vier als Selbstversuch, was sie zunächst einmal von einigen offensichtlichen Hemmungen befreit.

Hatte man die vier Pauker bis dahin in eher jämmerlichen Situationen erlebt, macht sie der Dauerschwips bei den Schülerinnen und Schülern schlagartig beliebt. Mads Mikkelsen, als Geschichtslehrer die zentrale Figur, hatte zuvor mit Elternprotesten zu kämpfen, weil kaum jemand seinem verkaterten Gemurmel folgen konnte. Was ihm einfach fehlte, war einer in der Krone: Begeistert folgt die Klasse nun seinem Exkurs über Churchill, gewürzt mit dessen Bonmot, er habe nie vor dem Frühstück getrunken. Aber einen Krieg gewonnen!

Alkohol ist nicht nur Transportmittel des unbeschwerten Unterrichts, er ist auch zunehmend Thema, und die Schüler haben bereits reichlich Erfahrungen einzubringen. Kollege Peter (Lars Ranthe) gibt einem ängstlichen Schüler sogar den Tipp, vor einem Examen ein paar kräftige Schlucke zu nehmen.

Auch im Unterricht des Psychologielehrers Nikolay (Magnus Millang) und des Sportlehrers Tommy (Thomas Bo Larsen) wird leise enttabuisiert, was die Gesellschaft ohnehin nur notdürftig versteckt. Das Verblüffende an dieser Komödie, die sich kaum merklich ins Tragikomische vorarbeitet, sind weniger die Entgleisungen der Lehrer, als die geringe Aufregung, auf die sie treffen. Subtil porträtiert Vinterberg ohne jeden Moralismus eine alkoholisierte Gesellschaft. In einer bemerkenswerten Szene wird Mikkelsens Filmfigur eines Morgens sternhagelvoll und mit blutiger Stirn vor dem Haus gefunden. Wie selbstverständlich schleppt ihn der Sohn hinein. Ohne dass ein Wort darüber verloren werden müsste, ahnt man, dass dies nicht zum ersten Mal passiert sein dürfte.

Angesichts dieser entlarvenden Nuancen über die Verharmlosung von Alkoholismus in der Gesellschaft mag man Vinterbergs vermeintlicher Unbefangenheit nicht ganz trauen.

„Ich wollte eine Feier des Alkohols machen und habe lange nach einer Idee gesucht“, erklärt er im Gespräch und klingt dabei für einen Moment fast so provokant wie sein einstiger Dogma-Mitstreiter Lars von Trier. „Ich habe alles erforscht, inklusive der Schattenseiten. Aber daraus wurde dann sehr viel mehr. Denn geistige Getränke bedeuten ja sehr viel mehr als Alkohol. Das Wort „spirit“ steckt ja auch in „Inspiration“. Am Ende ist es vielleicht weniger ein Film über Alkohol als über Dänemark.“

Je länger der Film dauert, desto mehr erkennt man das Porträt einer westlichen Gesellschaft, in der kaum ein Ereignis ohne Alkohol denkbar ist. Und schließlich sieht man hinter der Schwäche der Protagonisten, ihr Glück nur betrunken erleben zu können, eben dieses Glück. Und das wiederum, die Freude von Gemeinschaft und Extase, vermag uns gerade heute, mit dem Lockdown im Rücken, besonders kostbar erscheinen.

Vinterberg zeigt sich überrascht, dass ich seine Befürchtung, sein Film lasse sich als Anleitung zum Alkoholkonsum lesen, nicht teilen kann. Ist es nicht eher ein Nachtrag zu einer illustren Filmgeschichte über die Gefahren des Alkoholismus, in einer Reihe mit Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“ und „Die Tage des Weines und der Rosen“ von Blake Edwards?

„Das fände ich sehr schmeichelhaft“, meint Vinterberg, dessen Film freilich das Thema Alkoholismus nicht als geradlinigen Weg ins Melodram verwendet. „Ich lebe ein sehr kontrolliertes Leben als Familienvater und Filmemacher, da habe ich gar nicht so viel Zeit zum Trinken. Aber was ich herausgefunden habe: Alkohol kommt in drei Phasen. Zunächst wird man zu einer idealisierten Version seiner selbst. In Phase zwei muss man schon trinken, um man selbst zu werden. Sonst ist man eine mürrische Erscheinung. In Phase drei schließlich muss man trinken, um die Entzugserscheinungen zu bekämpfen. Ich empfehle Phase eins und aufzuhören, bevor Phase zwei kommt.“

Als ob sich das Abgleiten in den Alkoholismus so leicht kontrollieren ließe. Hat er denn gar keine Sucht? Er überlegt kurz: „Kaffee und Sex würde ich sagen“.

Der Rausch. Dänemark, Schweden, Niederlande 2020. Regie: Thomas Vinterberg. 116 Min.

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