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Eintauchen in einen erhabenen Teil der Schöpfung, der gut ohne Menschen auskäme und uns hier doch großzügig einladend begegnet. Foto: Craig Foster
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Eintauchen in einen erhabenen Teil der Schöpfung, der gut ohne Menschen auskäme und uns hier doch großzügig einladend begegnet.

Kraken-Doku

Der Oscar-Gewinner „My Octopus Teacher“ auf Netflix: Im Garten eines Kraken

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Oscar-prämierte Naturfilm „My Octopus Teacher“ macht seine achtarmige Protagonistin unvergesslich.

Das große, schmerzlich vermisste Kino hat der Streaming-Konkurrenz nicht nur die Leinwände voraus. Vergessen wir nicht die vollmundige Werbung: Gegen das, was man an klangvollen Werbesprüchen schon auf Filmplakate gedruckt hat, kommen Netflix und Co nicht an. Ihre knappen Kurzinhalte orientieren sich eher an der Einschlaf-Unterhaltung auf Langstreckenflügen. Als Walt Disney „Susi und Strolch“ herausbrachte, nannte er sein Werk auf dem Poster noch „die größte Liebesgeschichte auf acht Pfoten“. War das vielleicht übertrieben?

„My Octopus Teacher“, die gerade mit dem Dokumentarfilm-Oscar prämierte Liebeserklärung eines Tauchers und Umweltaktivisten an einen wild lebenden Tintenfisch, hätte Ähnliches verdient – als veritable Romanze auf tausend Saugnäpfen. Mindestens. Abgesehen davon, dass dieser ungewöhnliche Naturfilm in einem positiven Sinn sehr viel mit Disney zu tun hat. Für den abendfüllenden Naturfilm kommt ihm eine ähnliche Bedeutung zu wie seinerzeit „Die Wüste lebt“: Es ist eine hoch emotionale und überaus populäre Annäherung an verborgene Naturschönheiten, die alle Mittel des Kinos offensiv ausspielt – allerdings ohne die manipulativen Eingriffe in die Aufnahmen und in einem weit persönlicheren Ton.

Craig Foster, die menschliche der beiden Figuren, erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft in einem unprätentiösen Tagebuchstil. Wie nebenbei meldet er sich immer wieder buchstäblich vom Küchentisch zu Wort, ohne durch die Kamerapräsenz den Eindruck von Eitelkeit aufkommen zu lassen. Vielleicht brauchten die atemberaubenden Unterwasserbilder im Zentrum des Films gelegentlich einfach eine Unterbrechung, um niemanden zu überwältigen.

Foster machte sich vor zwanzig Jahren einen Namen mit dem Dokumentarfilm „The Great Dance“ über das indigene Volk der San in der Kalahari-Wüste. Wie er bekennt, habe er danach stets bedauert, selbst kein so enges Verhältnis zur Natur entwickeln zu können wie der dort porträtierte Spurenleser. In einer Lebenskrise widmete sich der Südafrikaner dann intensiv dem Schnorcheln und kam der Sache schon näher. Glücklich, wer einen malerischen Tangwald vor seiner Haustür hat. Und wer die Luft lange genug anhalten kann, den belohnt die verwunschene Unterwasserwelt mit funkelnden bunten Fischen, Seesternen, gemusterten Haien – und schließlich dem titelgebenden Oktopus.

Bei Fosters täglichen Besuchen gibt das attraktive Expemplar einer wenn auch ikonischen, so doch wenig erforschten Spezies immer mehr von sich preis. Als Jägerin scheint die Tintenfischdame bei ihrer Fisch-Beute nicht sehr gefürchtet. Oft scheint sie lediglich das Spiel mit dem Wasservolk zu suchen. Trotz ihrer Scheu begegnet sie Foster, der sie mit seiner Kamera anlockt, mit erstaunlicher Neugier. Allerdings ist sie auch leicht zu verschrecken und lässt sich dann von diesem tagelang suchen. Oder sollte sich ihr obsessiver Bewunderer einfach eingestehen, dass seine Tierliebe bereits Formen des Stalkings angenommen hat? Als der Oktopus freilich schließlich Zutrauen fasst, strecken sich dann aber acht zartfühlende Arme nach seinem Körper aus.

Es ist nicht bekannt, welche Bilder aus Fosters eigener Kamera stammen und wirklichen Tagebuchcharakter haben. Er engagierte zwei Regisseure, die Debütantin Pippa Ehrlich und den vielbeschäftigten Tierfilmer James Reed für die Verfilmung. Die so lyrischen wie detailgenauen Unterwasserbilder stammen von einem Spezialisten der BBC-Serie „Unser Planet“, Roger Horrocks.

Puristen des „cinéma vérité“ werden die Frage stellen, wie viele Oktopusse wohl tatsächlich diesen einen spielten, den wir – auf dem dramatischen Höhepunkt – einen Haiangriff überleben und schließlich laichen und sterben sehen. Im Tierfilm ist das aber natürlich kein Thema, nicht nur Lassie wurde bei ihren Auftritten stets von mehreren Vierbeinern verkörpert.

Foster vermenschlicht seine Protagonistin durchaus, wenn er ihr Verhalten interpretiert, und die sinfonische Filmmusik von Kevin Smuts webt einen dichten Gefühlsteppich wie ihn schon Disney geschätzt hätte. Es fehlt nur ein Quäntchen zum Disneystil, aber das macht doch einen feinen Unterschied. Es ist nicht das Tier, dem Gefühle untergeschoben werden, es ist die Beziehung eines Menschen zur Natur, die in ihrer Emotionalität ausgebreitet, aber auch immer wieder reflektiert wird. Auf der einen Ebene ist dies immer noch eine Mensch-Tier-Beziehung in der Tradition von Jack London. Zugleich aber reflektiert Foster in philosophischer Weise über den Trost im Fremden. Es gibt wenige Filmemacher, denen Tierfilme von dieser Qualität gelungen sind, ein Beispiel wäre Carroll Ballard, dessen ungewöhnliche Disneyproduktion „Never Cry Wolf“ noch immer ein Geheimtipp ist.

Zu sagen, diese feuchte Liebesgeschichte lasse kein Auge trocken, ist kaum übertrieben. Doch es ist eben nicht eine schematische Romantisierung, die diese Wirkung schafft, sondern die subtile Vermittlung einer Sehnsucht. Schon Werner Herzog hat sie in vielen Filmen geschürt: Es ist das buchstäbliche Eintauchen in einen entrückten, erhabenen Teil der Schöpfung, der sehr gut ohne uns Menschen auskäme – aber sich in Gestalt dieser achtarmigen Intelligenz hier großzügig einladend zeigt. Auch wenn Netflix dieses Juwel offenbar für einen Kinderfilm hält, kennt es keine Altersgrenzen.

Bei einem Streamingdienst, der sich schwertut, seine Produkte mit den richtigen Worten zu bewerben, wundert es übrigens nicht, dass man auch mit deutschen Titel so richtig daneben liegt: „Mein Lehrer, der Krake“. Hat denn niemand hingeschaut? Es ist immer noch ein Weibchen.

My Octopus Teacher / Mein Lehrer, der Krake. Südafrika 2020. Regie: Pippa Ehrlich, James Reed. 85 Minuten.

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