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Der neue Almodóvar-Film „Parallele Mütter“ im Kino: Die Hand an der Wiege

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die parallelen Mütter: Milena Smit (l.) als Ana und Penélope Cruz als Janis.
Die parallelen Mütter: Milena Smit (l.) als Ana und Penélope Cruz als Janis. © dpa

Pedro Almodovár hat Penelopé Cruz eine neue Paraderolle geschrieben: Das Melodram „Parallele Mütter“

Was wäre die Filmgeschichte ohne die wunderbaren Verbindungen, die sich oft über Jahrzehnte auf beiden Seiten der Kamera entwickeln? Vielleicht ist keine von größerer Unschuld und gegenseitiger Hingabe geprägt als die zwischen Penélope Cruz und ihrem Mentor Pedro Almodóvar. Vor fünfzehn Jahren, gerade hatte er ihr für „Volver“ die anspruchsvollste Rolle ihrer Karriere geschrieben, sagte sie uns in einem Interview: „Ich bin jetzt 32 … und ich fühle, dass ich noch sechzig Jahre Arbeit vor mir habe. Ich habe meine Falten und Runzeln schon fest eingeplant. Sie werden mich in fünfzehn Jahren tolle Rollen spielen lassen, die ich jetzt noch nicht spielen könnte. Ich war tatsächlich frustriert, als ich vor ein paar Jahren hören musste, ich sei zu jung für das, wofür ich mich interessierte. Jetzt, mit 32, habe ich viel größere Möglichkeiten, weil ich mich physisch stark verändern kann, nach vorne wie nach hinten. Und das schreckt mich überhaupt nicht, möglicherweise dabei nicht so gut auszusehen.“

Nun mit 47 ist natürlich alles ganz anders gekommen. Penélope Cruz sieht noch fast genauso aus und spielt eine werdende Mutter. Sie entwickelt ihren Part zu einer enorm differenzierten Rolle; den komplexen Stimmungsgehalt des Melodrams schultert sie fast allein und mit Bravour.

Auf einer Ebene ist es die Geschichte der ungewöhnlichen Beziehung zweier Mütter – Milena Smit spielt die Jüngere –, die sich auf einer Entbindungsstation kennenlernen. Mutterschaft ist eines von Almodóvars Lieblingsthemen, ein anderes ist der Tod, den er als Kontrapunkt in seine bittersüße Sinfonie verwoben hat.

Bei der Arbeit lernt die von Cruz gespielte Fotografin einen Forensiker und Archäologen kennen. Dies ist nicht nur der Beginn einer kurzen Liebesbeziehung, die mit der Schwangerschaft jäh endet. Über die Trennung hinaus verfolgt der Spezialist ihren Wunsch, die Gebeine ihres von Faschisten im Bürgerkrieg ermordeten Urgroßvaters aus einem Massengrab zu bergen.

Das Thema Genealogie bestimmt auch die andere Geschichte: Als der Mann sein Baby sieht, zweifelt er spontan an seiner Vaterschaft. Tatsächlich führt dann ein Mutterschaftstest zu einem negativen Ergebnis, was nur durch eine Verwechslung im Krankenhaus erklärbar ist.

Was hier wie der ganze, vorschnell ausgeplauderte Filminhalt klingt, ist nur die schon etwas verwegen konstruierte Exposition. Almodóvar und Cruz entwickeln und orchestrieren sie zu höchster Emotionalität, und es hätte wohl der allgegenwärtigen Hitchcock-haften Musik gar nicht bedurft, die Alberto Iglesias komponierte. Tatsächlich wissen die Noten manchmal schon etwas mehr als die Figuren, was freilich die Eleganz von Ausstattung und Kostümen noch zusätzlich betont.

Interessant wird es bei Almodóvar manchmal, wenn sich Verbindungen nicht mehr wie gewünscht verzahnen. „Parallele Mütter“ heißt der Film, mehr noch aber geht es um eine Art Parallelität der Vergangenheit. Das Erbe der Franco-Ära spielt im Werk des 1949 geborenen Regisseurs für gewöhnlich eher indirekt eine Rolle.

Für den jungen Künstler, der noch darunter zu leiden hatte, dass Diktator Franco die Filmschulen schloss, ist das eigene Werk eine Feier der Befreiung. Nun nimmt er erstmals die Last der in diesem Land nie konsequent betriebenen Vergangenheitsbewältigung ins Visier. Die entscheidenden Schnittstellen zwischen den Geschichten markieren Gewaltakte in der Gegenwart: Die Vergewaltigung, durch welche die junge Mutter schwanger wurde; eine grausame Behandlung durch die ältere, die ihr diese später gesteht. Doch so sehr diese Themen mit der historischen Ebene, der späten Ehrung der Opfer des Spanischen Bürgerkriegs, verschmolzen werden sollen, so wenig wollen sie sich verbinden.

Das ändert nichts daran, dass man wie stets die Leichthändigkeit einer Inszenierung bewundert, die nichts dem Zufall überlässt, ohne dabei ihren traumhaften Fluss zu verlieren. Ebenso bewundernswert ist die Tour de force, mit der es Penelopé Cruz gelingt, ihrer Figur eine tiefschwarze Facette zu verleihen und gleichwohl ihre Liebenswürdigkeit zu erhalten.

Doch mehr denn je vermisst man etwa hinter den hinreißend schicken Outfits der Milena-Smit-Figur auch Zeichen einer sozialen Verortung. Mehr als andere Filme des großen spanischen Regisseurs wirkt dieser ein wenig gefangen in seinen erlesenen Kulissen. Was nicht heißt, dass wir ihn um irgendeinen Preis vermissen wollten. Aber wer ein Meisterwerk sucht, sieht sich besser „Leid und Herrlichkeit“ zum dritten Mal an. Es wird immer besser.

Parallele Mütter. Spanien 2021. Regie: Pedro Almodóvar. 123 Min.

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