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Von einer Opferanwältin erwartet Hollywood kühl-strategisches Genie, Jodie Foster (r.) bietet das ohne Einschränkung. Foto: Tobis Film GmbH
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Von einer Opferanwältin erwartet Hollywood kühl-strategisches Genie, Jodie Foster (r.) bietet das ohne Einschränkung.

Gerichtsdrama

„Der Mauretanier“ im Kino: Das Guantanamo-Tagebuch

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Kevin Macdonalds Justizdrama „Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit“ mit Jodie Foster: Über das geschädigte Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit.

Von den 779 Gefangenen in Guantanamo wurden acht wegen einer Straftat verurteilt. Drei dieser Urteile wurden inzwischen in Berufungsverfahren aufgehoben. Diese knappe Information, mit der Kevin Macdonalds Film „Der Mauretanier“ endet, sagt bereits eine Menge aus über das mit dem Namen des Gefangenenlagers verbundene Unrecht.

Ein Spielfilm kann es in weit deutlichere Bilder setzen. Würde man mit allen Mitteln, die Hollywood zur Verfügung stehen, illustrieren, was dem 14 Jahre unschuldig eingesperrten Mauretanier Mohamedou Ould Salahi dort widerfahren ist, das Ergebnis wäre wohl schwer zu ertragen. Wenige abstrahierende Szenen stehen in diesem Film für den unaufhörlichen Terror.

Alle vom damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld abgesegneten Foltermethoden wie Waterboarding, Schlafentzug oder sonstige Körperverletzungen wurden von Salahis Peinigern angewendet, um falsche Geständnisse zu erzwingen. Sie waren gerichtlich nicht verwendbar und standen seinem verspäteten Freispruch im Jahr 2016 nicht entgegen. Dass es überhaupt zu diesem Urteil kam – die Mordanklage wegen der Anschläge am 11. September 2001 behauptete eine Verbindung zur Hamburger Zelle –, wirft wenigstens zum Ende noch einen freundlichen Lichtschein auf das amerikanische Rechtssystem. Guantanamo aber wird bis heute betrieben. Was können Gerichte erreichen gegen das auf Kuba, außerhalb amerikanischen Staatsgebiets begangene Unrecht?

„Der Mauretanier“ im Kino: Die hundertfach erprobte filmische Form, das Gerichtsdrama

Der Brite Macdonald hat sich in seinem Werk mehrfach mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschäftigt: Im Dokumentarfilm „One Day in September“ mit dem Attentat auf israelische Sportler während der Olympischen Spiele im Jahr 1972; in „My Enemy’s Enemy“ mit dem NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie oder – in „The Last King of Scotland“ – mit der Diktatur Idi Amins. Für seinen ursprünglich – nach Salahis veröffentlichten Erinnerungen – als „Guantanamo Diary“ angekündigten Film wählte er eine hundertfach erprobte filmische Form, das Gerichtsdrama.

Zum Film

Der Mauretanier. USA/Großbritannien 2021. Regie: Kevin Macdonald. 130 Min.

Das Genre funktioniert hier wie eine Maschine, getragen von einer exzellenten Besetzung. Angeführt wird sie von Jodie Foster in der Rolle der Strafverteidigerin Nancy Hollander. Ihr Name steht noch vor dem des eigentlichen Hauptdarstellers, Tahar Rahim, auf dem Plakat. Das sagt bereits einiges aus über die Gewichtung der Figuren. Wenn aus einem aus einer fast hoffnungslosen Perspektive geschriebenen Gefangenentagebuch ein Gerichtsdrama mit bekannt positivem Ausgang wird, verwandelt sich Verzweiflung in Versöhnlichkeit – und das US-amerikanische Rechtssystem kommt dabei besser weg, als es das Thema Guantanamo nahelegt. Diskussionen über die Verfassung, die, wie es Fosters Filmfigur einmal ausführt, ohne ein Sternchen daherkommt, das auf angehängte Ausnahmeregelungen verweist, wirken fast wohlfeil.

„Der Mauretanier“: Debatte über Menschenrechte in den USA erst ab 17 Jahren erlaubt

Erstaunlich, dass der bei uns „ab 12 Jahren“ eingestufte Film in den USA erst für Menschen ab 17 zu sehen ist. Offenbar traut man Jugendlichen dort eher zu, mit Gewaltdarstellungen umzugehen als mit Debatten über Menschenrechte. Oder vielleicht auch über die rassistischen Strukturen, die es im „Krieg gegen den Terror“ möglich machten, Menschen zu verhaften, die vielleicht nur ihre Hautfarbe und Religion verdächtig erscheinen ließen.

Dabei begibt sich der Film mit dem Opfer, das er porträtiert, auf vergleichsweise sicheres Terrain. Der junge Mann, der von einer Hochzeit an einem mauretanischen Strand verschleppt wird, nachdem er zuvor in Deutschland studiert hat, erlaubt auch westlichen Zuschauern die Identifikation. Zwar werden anfangs Zweifel an seiner Unschuld dramaturgisch genährt, doch ist bald klar, dass er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und sein einziges Vergehen darin bestand, auf seinem Handy den Anruf einer Verwandten entgegengenommen zu haben, die ihrerseits offenbar ein Telefon Bin Ladens verwendete. Wer kann sich verteidigen, wenn nicht einmal Anklage erhoben wird?

„Der Mauretanier“: Macdonald scheut die dem Thema angemessene Verstörung

Wer einen Film gegen die Todesstrafe dreht (die hier auch ein Thema ist), kann es sich einfach machen und einen Unschuldigen zum Protagonisten machen. Wem dagegen die Kompromisslosigkeit seiner Haltung wichtig ist, wird die Argumentation am Beispiel eines Menschen führen, der wirklich schuldig ist. So wichtig es ist, gerade in der Zeit eines neuen demokratischen Aufbruchs in den USA einen Film über Guantanamo zu zeigen – Macdonald scheut die dem Thema angemessene Verstörung.

Weit entfernt von jedem Klischee agiert allein Tahar Rahim als Salahi: Nie ist diese Figur in Gefahr, als bloßes Opfer marginalisiert zu werden. Um ihn herum gibt es dagegen nur allzu Vertrautes: Jodie Foster liefert genau die Darstellung einer selbstbewussten Juristin von kühl-strategischem Genie, die Hollywood hier vorsieht – auch wenn sie in Interviews erklärt, ihr reales Vorbild sei eine warmherzigere Erscheinung. Benedict Cumberbatch spielt den Militärstaatsanwalt als erwartbaren Gegenspieler. Wenn selbst diesem konservativen Geist Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Festhaltens von Menschen ohne Anklage kommen, scheint der Fall schon fast gewonnen.

Aber genau das ist das Problem: In der Wirklichkeit ist nichts gewonnen, und solange selbst ein Land wie Großbritannien einen Julian Assange in Haft hält, bleibt das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit westlicher Demokratien beschädigt. (Daniel Kothenschulte)

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