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„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ im Kino: Der Teufel ist Künstler

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Von: Daniel Kothenschulte

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Applaus für den, der seine Haut hingehalten hat. (eksystent distribution) Filmverleih
Applaus für den, der seine Haut hingehalten hat. © (eksystent distribution) Filmverleih

Der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania gelingt mit „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ eine schillernde Satire auf den Kunstbetrieb.

Kaum ein Kunstwerk macht sich selbst so sehr bemerkbar wie Wim Delvoyes Plastik „Cloaca“. Die zwölf Meter lange Konstruktion aus Rohren, Schläuchen, allerhand Gefäßen und Apparaten simuliert nach wissenschaftlichen Methoden den menschlichen Verdauungsvorgang. Die unüberhörbaren Schmatz- und Gurgelgeräusche werden in ihrer Wirkungsmacht nur noch von der Geruchsausbreitung in den Schatten gestellt. Zugleich ist es eine Kunstmaschine, die selbst weitere Kunstwerke produziert – eben jene geruchvollen Exkremente, die sie praktischerweise verkaufsgerecht zu Quadern formt und in Plasik einschweißt. Jedem, der das Werk des Belgiers 2001 bei der Premiere im Düsseldorfer Kunstpalast bewundern konnte, hat es sich vor allem ins Geruchsgedächtnis eingeschrieben.

Wim Delvoye spielt eine Nebenrolle als Kunstversicherer in der Satire „The Man Who Sold His Skin“. Damit erteilt er auch der Aneignung eines weiteren seiner künstlerischen Markenzeichen durch die Regisseurin und Autorin Kaouther Ben Hania seinen Segen. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist ein Kunstwerk auf menschlicher Haut, wie sie Delvoye seit längerem produziert.

Als der syrische Flüchtling Sam Ali (Yahya Mahayni) als ungeladener Gast einer Vernissage auffällt, macht ihm der gefeierte Künstler Jeffrey Godefroi ein Angebot: Wenn er einwillige, die Haut seines Rückens als Leinwand für eines seiner Werke herzugeben, brauche er sich weder um seinen Aufenthaltsstatus zu sorgen noch um ein Auskommen. Bei jedem Verkauf werde er großzügig mit einem Drittel beteiligt, was schnell in die Hunderttausende gehe. „Willst Du meine Seele kaufen?“, fragt der junge Mann, die faustische Verführung ist ihm sehr wohl bewusst. „Ich will deine Haut“, antwortet der Künstler in teuflischem Understatement.

Der Deal ist schnell gemacht, das Werk bald eingeritzt. Die Gestaltung selbst allerdings verrät, wie es manchmal bei Werken der Konzeptkunst der Fall ist, keine dezidierte künstlerische Handschrift. Es ist die vergrößerte Kopie eines Schengen-Visums. Aber was man auf dem Rücken trägt, muss man sich ja auch nicht ansehen.

Wim Delvoyes Tattoo-Kunstwerk TIM, das diesen Film inspirierte, befindet sich auf der Haut des Schweizers Tim Steiner und gehört dem deutschen Sammler Rik Reinking. Der Kaufpreis von 150 000 Euro ging an den menschlichen Träger, der sich dafür einige Wochen im Jahr für Ausstellungen freimacht. Für die tunesische Filmemacherin Kaouther Ben Hania ist diese Grenzüberschreitung zwischen Kunst- und Menschenhandel aber vor allem eine Metapher für den Klassismus der westlichen Welt. Als einen der zentralen Spielorte wählt sie Deutschland, wo sich das lebende Kunstwerk bald im Zentrum einer blühenden Kunstszene wiederfindet, aber ebenso von Menschenrechtsaktivisten vereinnahmt wird.

Ohne den leichten Ton ihrer Satire zu verlassen, hält sie nicht nur einer Kunstwelt als Oberschichtsamüsement den Spiegel vor. Ebenso geht es um eine spätkolonialistische Haltung gegenüber Geflüchteten; eine Gesellschaft, die diese mit großer Geste willkommen heißt, ohne sie jedoch auf Augenhöhe zu betrachten. Bevor Sam Ali auf den Pakt mit dem Teufel eingeht, verdingt er sich in einem unqualifizierten Billigjob – an einem Fließband befördert er Küken ins Jenseits.

Während die Künstlerfigur in diesem Film den Zynismus zum Teil seines Werks gemacht hat und somit stets aus dem Schneider ist, steht seine Assistentin für die alltägliche Herablassung. Monica Bellucci spielt die Rolle dieser aalglatten Mittlerin zwischen Kunst und Kommerz bravourös.

Natürlich übertreibt es der Film ein wenig, etwa wenn Galerien- und Museumsszene nahtlos verschmelzen und es innerhalb des Systems wirklich niemanden gibt, der kritische Töne anschlägt. Aber es ist auch keine platte Karikatur, wobei sich die Mitwirkung Delvoyes auszahlt: Die Skulpturen des Künstlers im Film stammen tatsächlich von ihm, was den Film nicht nur zu einer Kunstsatire, sondern selbst zu einem halben Künstlerfilm macht.

Es ist schon etwas verwegen, was die Filmemacherin hier alles zusammenrührt. Allzu leicht macht sie es sich mit der Vorgeschichte, die den jungen Mann mit seiner Geliebten in Syrien einführt, ohne sich mit der politischen Situation oder den Gefahren der Flucht näher zu beschäftigen. Die Liebesgeschichte nutzt sie dann, um das Thema Menschenhandel abermals zu spiegeln: Statt seiner heiratet die junge Frau einen fiesen Geldsack, daraus entstehen später immerhin noch recht lustige und schließlich sogar romantische Verwicklungen.

In erstaunlicher Konsequenz aber gelingt es ihr, die von Yahya Mahayni gespielte Hauptfigur von jeder Opferperspektive freizuhalten. Es ist eine stets ambivalente, nicht einmal besonders sympathische Figur, die bei weitem komplexeste des Films. Dessen Stil selbst erinnert ein wenig an Peter Greenaways kunstaffine Komödien aus den 1980er Jahren, wozu auch Amin Bouhafas elegante Minimal Music beiträgt.

Die beste Szene führt das lebende Kunstwerk an die konservatorischen Grenzen des menschlichen Mediums: Ein hässlicher Pickel hat sich auf Sam Alis tätowierter Haut eingenistet. Während ein Arzt ihn leinwandfüllend ausdrückt, erklärt ein Schild im Museum seine bedauerliche Abwesenheit: „Wegen Restaurierung geschlossen“.

„Der Mann, der seine Haut verkaufte“. Tunesien, Deutschland, Belgien 2020. Regie: Kaouther Ben Hania. 104 Min.

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