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„Der junge Häuptling Winnetou“: Interview über kulturelle Aneignung und „Redfacing“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marc Hairapetian

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„Der junge Häuptlöing Winnetou“: Mehmet Kurtuluş, FR-Autor Marc Hairapetian und Anatole Taubman beim Interview im Münchner Hotel Bayerischer Hof.
Mehmet Kurtuluş, FR-Autor Marc Hairapetian und Anatole Taubman beim Interview im Münchner Hotel Bayerischer Hof. © Katy Steinfeld

Interview mit Mehmet Kurtuluş und Anatole Taubman zu „Der junge Häuptling Winnetou“, kulturelle Aneignung, „Redfacing“ und unsere Angst-Gesellschaft.

Frankfurt/München – Den alleinerziehenden Apachen-Häuptling Intschu-tschuna aus „Der junge Häuptling Winnetou“ (bundesweiter Kinostart: 11. August) kauft man Mehmet Kurtuluş auch im eleganten hellblauen Sakko ab. Gelassenen Schrittes betritt er den Interviewraum, verbreitet eine Aura von würdevoll-freundlicher Autorität. Zu Beginn unseres Treffens im Münchner Hotel Bayerischer Hof widmet sich Kurtuluş, der seinen schauspielerischen Durchbruch in Fatih Akins Krimi „Kurz und schmerzlos“ (1998) hatte und später zum Hamburger „Tatort“-Kommissar Cenk Batu (2008 - 2011) avancierte, erst einmal meinem Sibirischen-Wolfhund-Husky Felix, der dessen Streicheleinheiten sichtlich genießt.

Als sein Kollege Anatole Taubman („James Bond 007: Ein Quantum Trost“) - im Film als gesichtszuckender Bandenanführer Todd Crow erneut der Oberschurke - dazukommt, sprechen wir über ernste Themen wie kulturelle Aneignung und Zugehörigkeit, „Redfacing“ sowie unsere Angst-Gesellschaft. 

„Der junge Häuptling Winnetou“: Interview mit Mehmet Kurtuluş und Anatole Taubman

Karl Mays 1893 veröffentlichter Roman „Winnetou I“ beginnt mit den Worten: „Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung.“ Du bist türkischer Abstammung, Mehmet. Und du, Anatole, britisch-schweizerischer Herkunft. Welchen Bezug habt ihr zu Karl May?

Anatole Taubman: Karl-May-Filme und auch die Hörspiele waren für mich - wir sind ja alle ungefähr gleich alt - in den 1970er Jahren meine ersten großen audiovisuellen Reisen. Ich habe die Bücher gar nicht gelesen. Ich bin erst später eingestiegen bei James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“ mit „Der letzte Mohikaner“. Meine ersten Filme, die ich sehen durfte, waren „Der Schatz im Silbersee“ und „Winnetou I und II“. Ich habe dadurch eine tiefe, emotionale und nostalgische Beziehung zu Karl May, vor allem durch seine Figuren Winnetou und Old Shatterhand. Sie sind sozusagen Teil meiner DNA.

Mehmet Kurtuluş: Bei mir ist es ähnlich. Ich habe die Bücher auch nicht gelesen. Aber beim audiovisuellen Erlebnis stimme ich mit Anatole überein. Diese Pferde zu sehen, die Prärien, denn dort wo man wohnte, sah es natürlich nicht so aus. Das waren so die klassischen Sonntagnachmittage, wenn ein Karl-May Film lief. Du hast am Anfang einen sehr interessanten Satz zitiert. Vielleicht hat man so etwas gespürt, dass da eine Verbindung zu diesen Menschen ist, weil ich als Kind gern rumgesprungen und geklettert bin. Heute bin ich ein bisschen weiter in der Thematik und habe das Gefühl, dass es wirklich eine Verbindung gibt zwischen den Ur-Einwohnern Amerikas und dem Kulturkreis woher ich komme. Wenn du möchtest, können wir zwei oder drei Dinge ausführen.

Freunde fürs Leben dank Winnetou

Interview mit Mika Ullritz, Lola Linnéa Padotzke und Milo Haaf, den jugendlichen Stars aus „Der junge Häuptling Winnetou“.

Und die wären?

Mehmet Kurtuluş: Wenn wir uns vorstellen, dass damals dieses Volk aus dem Altai-Gebirge in der Mongolei kommt und ein Teil von ihnen nach links geritten und in dem heutigen Kleinasien hängengeblieben ist, und der andere Teil über die Beringstraße bis nach Utah wandert, scheint es Gemeinsamkeiten zu geben. Das bedeutet nicht, dass der Mensch vom Affen abstammt, doch glaube ich an den gemeinsamen Ursprung diesbezüglich. Ich habe beispielsweise in Amerika im Fernsehen eine Urlaubswerbung aus Utah gesehen: „Kommen Sie zum Hava Su Creek!“ („hava“: türk. = Luft, „su“: türk. = Wasser)

Anatole Taubman: I love my intelligent, friend! Es ist so spannend, Intschu-tschuna, also dir, zuzuhören! Ich bin ein großer Geschichtsfan.

Mehmet Kurtuluş: Jetzt lehne ich mich aus dem Fenster: Wenn du dir das Wort Eskimo anschaust, klingt es in meinen Ohren fast wie „alter Mongole“. („eski“: türk. = alt, „mogollu“: türk. = Mongole)

„Der junge Häuptling Winnetou“: Kurtuluş und Taubman sprechen über „Redfacing“

Man sieht bei den American Natives auch Züge dieses asiatische Antlitz. Darf man aber heutzutage noch türkische oder kroatische Schauspieler, die Ur-Einwohner der USA verkörpern lassen? Als Orson Welles 1952 Othello „den Mohr von Venedig“ spielte, regte sich niemand auf. Heute nennt man das „Blackfacing“ und man muss schon vorsichtig sein, was man sagt.

Mehmet Kurtuluş: Vorsicht bedeutet, die Angst vor etwas. Wovor hat man denn Angst? Warum müssen wir vorsichtig sein? Vor dem Zustand, den wir nicht haben wollen? Verständigung oder Verständnis? 

Wie siehst du das „Redfacing“ konkret bei deiner Rolle als Häuptling Intschu-tschuna?

Mehmet Kurtuluş: Ich finde, dass es ein Thema ist, dass man hinterfragen MUSS und auch sich selbst. Ich hatte die Andeutung gemacht „Wovor haben wir eigentlich Angst?“, weil wir mittlerweile eine Angst-Gesellschaft sind. Das bringt uns dazu, dass wir zur Cliquenbildung neigen. Und auch zur Abschottung. Wir leben zurzeit in einer Pandemie, die uns mehr auseinander gebracht hat, als zusammen. Gegen all diese Impulse möchte ich gern entgegenarbeiten: Abschottung, Abkapselung. Das man sagt; „Ihr bleibt da! Ihr kommt nicht zu uns!“ Das sind Themen, die wir bei „Der junge Häuptling Winnetou“ hoffentlich ein wenig aushebeln können. Wenn du mich fragst, ist Winnetou von Karl May keine Erwachsenengeschichte. Ich möchte hier allen Pierre-Brice-Fans aus dem Herzen heraus einen Gruß schicken, aber das hier ist eine Mika-Geschichte - eine Geschichte von einem elfjährigen Jungen, der den jungen Winnetou verkörpert. Wenn wir von Xenophobie sprechen, der Angst vor dem Fremden, dann ist sie bei unseren Kindern leider besser aufgehoben, als bei den Erwachsenen. Deshalb habe ich mich wirklich sehr gefreut, diesen Film zu machen und dieses Thema noch ein Stück weiter tragen zu können. Wenn wir das jemand beibringen können, oder gar jemand prägen - Kinder kann man (noch) prägen -, dann lass uns so etwas machen!

Anatole Taubman: Wir sind eine Menschenrasse. Bei mir geht es, eigentlich bei allen Menschen, um Prinzipien und dass man kategorisch alle Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung und welcher Religion gleich behandelt mit Respekt, Anstand und Toleranz. Nur so kann ein Zusammensein funktionieren. Es gibt einen gemeinsamen Spirit. Wir sind keine One-Man- oder One-Woman-Show. Nicht in einer Familie, nicht in einem Filmteam, nicht in einer Firma, nirgendwo. Und gerade auch als Familienvater ist mir wichtig, dass man Kindern realistisch und authentisch, die Realität erklärt und diese Jahre von 1850 bis 1855 nicht beschönigt. Es sind auch keine einfachen Zeiten heute. Es gibt viel Krieg, der wird fast noch brutaler geführt als damals. Damals sind die Weißen nach Amerika gekommen und haben gesagt: „Wir brauchen Gold. Ihr habt so ein großes Land. Da bauen wir noch ein paar Eisenbahnen. Alles, was uns im Weg ist, räumen wir aus dem Weg!“ Ob wir heute nach Syrien oder in die Ukraine gucken, das ist alles noch brutaler. 

Mehmet KurtuluşAnatole Taubman
Geburtstag: 27. April 1972Geburtstag: 23. Dezember 1970
Geburtsort: Uşak, TürkeiGeburtsort: Zürich

Wie meinst du das?

Anatole Taubman: Da geht es nicht mehr um Prinzipien, sondern nur noch um persönliche Befindlichkeiten. Um auf deine Frage davor zu sprechen zu kommen: Da stimmt der Satz von der weißen Indianerin, den Todd Crow nicht mag, voll und ganz: „Einen Pfeil kann man schnell brechen, viele Pfeile nicht.“ Wenn wir Produzenten sind oder Regisseure, wissen wir: Schauspielerei ist ein Beruf. Da gibt es eine Rolle und es ist meine Aufgabe, den Menschen zu finden, der bestmöglich auf die Rolle passt und diese am authentischsten spielen kann. Und da weiß ich auch von der Produktionsfirma, dass man nach Indianern, den Native Americans, gesucht, aber sie in Deutschland nicht gefunden hat. Und dann hat man sich entschieden: Ok, jetzt gibt es hier keine Indianer, die Deutsch sprechen. Dann gucken wir mal weiter. Dann kommen die Deutschen. Da gibt es diesen Mika Ullritz. Gut, das ist unser Winnetou. Sitting Bull als Indianerhäuptling finden wir nicht. Guck mal, das ist Mehmet Kurtuluş mit seinem Aussehen und seiner inneren Kraft! Ich kriege gerade Gänsehaut! I really mean it. (zu Mehmet Kurtuluş gewandt): Wie du das trägst! Du bist der Backbone dieses Films mit diesem Gewicht alleinerziehender Vater! I believe you 100%. Indes geht es im Film nicht um Rasse und Rassismus, sondern diese persönlichen Werte wie Toleranz. Akzeptanz und das Miteinander. Und dass dem jungen Winnetou und dem jungen Tom Silver wirklich genug Raum und Respekt gegeben wird, dass sich diese zwei Kulturen aneinander nähern, finde ich sehr schön gemacht. Diese Nachricht des Films kannst du auch in der Mongolei, in der Türkei, in Utah bei den Mormonen zeigen, sie werden es glauben, auch in der Schweiz oder Peru. Die Message ist global.

FilmtitelDer junge Häuptling Winnetou
RegieMike Marzuk
DrehbuchMike Marzuk, Gesa Scheibner
ProduktionEwa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton, Christoph Fisser, Bernd Schiller
MusikWolfram de Marco, Fabian Römer
KameraAlexander Fischerkoesen
SchnittTobias Haas

„Der junge Häuptling Winnetou“: Kurtuluş und Taubman über Kulturelle Aneignung

Sagt ihr noch Indianer? Oder soll man American Natives sagen?

Mehmet Kurtuluş: In letzter Konsequenz solltest du jemand aus dem Kulturkreis fragen, wie er bezeichnet werden möchte, weil du ihm dann mit Respekt begegnest anstatt Christoph Columbus zu zitieren. Mein Anspruch ist immer, wenn ich jemand kennenlerne, das ich frage: „Wie heißt du? Und wie spricht dich deine Mutter aus?“ Ich könnte zu Anatole „A-na-to-le“ sagen und er würde sich auch darüber freuen, aber es wäre nicht richtig. „Also Anatole, was sagt denn denn deine Mama zu dir?“„A-na-tol!“ Das gilt es, als Massstab zu nehmen.

Anatole Taubman: Ich bin da grundsätzlich bei ihm, aber ich merke, dem wird auch viel zu viel Gewicht beigemessen. Ich habe gerade im Interview selbst gemerkt: Ich wollte Indianer sagen, dann rutsche ich ins Englische rein. Es ist eine ganz feine Gradwanderung. Ich bin halt aufgewachsen, wie ihr auch. Ich verstehe, warum die Diskussion geführt wird. Aber ich würde automatisch zuerst Eskimo sagen und bestimmt nicht Inuit. Vor allem möchte ich mit allen Menschen respektvoll umgehen, aber es ist eine dünne Gratwanderung, wenn man wie ich jetzt 51 ist und 45 Jahre davon respektoll mit allen Menschen umgegangen ist, und plötzlich ein anderes Vokabular anwenden soll, weil Gottseidank manche Dinge endlich auf die Plattform kommen, die überfällig sind, angesprochen zu werden. Auch bei Gender-Leuten muss man zum Beispiel in England vorsichtig sein, was man sagt. Über Mann, der sich als Frau fühlt, darf man jetzt nicht „she“ sagen, sondern muss es umschreiben: „What they are thinking about“. 

Mehmet Kurtuluş: Es gibt zurzeit die Diskussion der kulturellen Aneignung. Das ist auch eine Perspektivgeschichte. Reden wir nicht nur über kulturelle Aneignung, sondern auch über kulturelle Zugehörigkeit. Ich habe Freunde, die haben so lange Rasterzöpfe. Müssen wir diskutieren, ob sie zum Friseur gehen sollen oder nicht? Oder fragst du ihn zum Beispiel, ob er sich als Mensch dem Kulturkreis der Rastafari näher fühlt als dem türkischen? Was steht im Fokus frage ich mich - Hülle oder Inhalt? Körper oder Seele?

Mir hat gefallen, wie der Romantizismus der erwachsenen Winnetou-Filme auch auf euren mit den Kindern als Hauptdarstellern übertragen wurde. 

Mehmet Kurtuluş: Es ist ein analoger Film. Wenn du deine Kinder morgens um sechs vor den Fernseher setzt, willst du nicht sehen, was da läuft… (lacht) Ich glaube, unseren kann man ihnen ruhigen Gewissens zeigen.

Anatole Taubman: Es geht in ihm wie gesagt um globale Werte, aber die Haltung ist romantisch.

Interview: Marc Hairapetian

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