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Stereotype, gefördert: Winnetous Erben

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Von: Daniel Kothenschulte

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Mika Ullritz (l) als Winnetou und Milo Haaf als Tom Silver in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“.
Mika Ullritz (l) als Winnetou und Milo Haaf als Tom Silver in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“. © dpa

Der Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ bedient den Mythos vom „edlen Wilden“.

Frankfurt - Dies ist keine Filmkritik, denn nach etwa einer Stunde hatte ich genug von rassistischen Darstellungen indigener Völker Nordamerikas. Karl May verfasste seine Werke zur Zeit des Kolonialismus, das Stereotyp des „edlen Wilden“ überlebte ihn um mehrere Generationen. Aber Hollywood zeigte sich lernfähig, ein Umbruch wurde im dortigen Mainstreamkino bereits durchgesetzt.

Doch was man nun in „Der junge Häuptling Winnetou“ sehen kann, ist in den meisten westlichen Filmkulturen schon lange von Leinwänden und Bildschirmen verbannt. Rötliches Make-up für weiße Darsteller ist als „redfacing“ verpönt. In einem Kinderfilm noch heute das Volk der Apachen dargestellt zu sehen wie bei einer Kölner Karnevalsfeier, ignoriert alle Bemühungen, die verfälschende Repräsentation aus dem 19. und 20. Jahrhundert nicht über die Generationen weiterzugeben.

Man mag sich darüber streiten, ob man wie in den USA auch bei uns das Wort, das Kolumbus im Irrglauben prägte, nach Indien gefahren zu sein, ächten muss. In diesem Film jedenfalls ist es arglos in aller Munde.

„Der junge Häuptling Winnetou“ im Kino: „Wenig wahrnehmbar“

Bereits im Januar warnte FR-Kolumnistin Hadija Haruna-Oelker unter der Überschrift „Rassismus: Kolumbus und Winnetou“ vor den Stereotypen, die bereits der Trailer versammelte. Sie resümierte: „gerade weil indigene Menschen hierzulande wenig wahrnehmbar sind (was nicht heißt, dass sie nicht da sind), begegnen uns ihre Stereotypen meist unwidersprochen in großer Zahl in so vielen Angeboten, zu denen sich garantiert kein einziger Mensch irgendeines Volkes Amerikas zugehörig fühlt.“

Auch handwerklich ist dieser oberflächlich an die Karl-May-Filme der 60er angelehnte Film kaum zeitgemäß. Es ist die Sorte Film, wo geschnitten wird, damit man nicht sieht, wie ein Kind auf ein Pferd kommt oder wie es sich bei einer wichtigen Actionszene vor dem Absturz von einer Klippe rettet. Auch die Geschichte um den jungen Winnetou (Mika Ullritz), der sich vom weißen Jungen Tom (Milo Haaf) den Weg zu den bösen Buben weisen lässt, die das Stammesgold stehlen wollen, lag kaum auf der Goldwaage.

Doch wie kann es sein, dass ein Film, der schon in seinem Drehbuch kolonialistische und rassistische Stereotypen transportiert, mit Bundes- und Landesmitteln in Millionenhöhe gefördert wird? Die Verantwortlichen hüllen sich in Schweigen. Zwei FR-Anfragen an den „FilmFernsehFonds Bayern“ wurden nicht beantwortet. Auch der Pressesprecher von Kulturstaatsministerin Claudia Roth blieb seine von ihm für vergangenen Montag angekündigte Antwort schuldig.

„Der junge Häuptling Winnetou“ im Kino: Taskforce gegen Rassismus übt Kritik

Der ebenfalls beteiligte Deutsche Filmförderfonds teilte auf FR-Anfrage mit, sich grundsätzlich nicht zu Förderentscheiden zu äußern. Auf die Rückfrage, ob es allgemeine Richtlinien bezüglich Rassismus gebe, antwortete Pressesprecher Jens Steinbrenner: „Ja, wir haben ein Interesse daran, die Förderung von Filmen mit rassistischem Inhalt zu verhindern. Unsere rotierenden, unabhängigen Auswahlkommissionen urteilen bei der Auswahl der Filmprojekte weit strenger, als es das für uns maßgebliche verfassungsrechtliche Diskriminierungsverbot fordert.“ Doch fallen das Stereotyp des „edlen Wilden“ und das „redfacing“ etwa nicht darunter?

Tatsächlich legen deutsche Förderinstitutionen ihre Beurteilungskriterien nicht offen. Auch wenn seit dem ersten Filmförderungsgesetz von 1967 eine „Stärkung der Qualität des deutschen Films“ bereits im Einleitungssatz steht, wird über inhaltliche Prüfung nicht gesprochen.

Immerhin setzt sich seit zwei Jahren die innerhalb der europäischen Filmindustrie und Förderlandschaft gegründete Taskforce gegen Rassismus, „Artef“, ein. Dem Produktionsteam von „Der junge Häuptling Winnetou“, Ewa Karlström und Andreas Ulmke-Smeaton, übermittelte Artef ihre Kritik. Im hier aus dem Englischen übersetzten Antwortschreiben verwahren sich die Angesprochenen gegen alle Rassismus-Vorwürfe: „Ihre harsche Reaktion auf unseren Film hat uns sehr mitgenommen […]. Die Welt ist heute eine andere als damals, als wir anfingen, einen Kinderfilm nach einer von Deutschlands beliebtesten literarischen Figuren zu entwickeln […]. Langsam begreifen wir, dass, so gut unsere Absichten auch sein mögen, unsere Sichtweise begrenzt ist durch unser Privileg, unsere unbewusste Voreingenommenheit und verinnerlichten Rassismus – wir sind mehr als willens, zu lernen. Wozu wir aber nicht willens sind, ist beschämt oder zu Reue gedrängt zu werden, die wir nicht empfinden.“ Dann folgen in dem Brief, den uns der Verleih schickte, Zweifel an der Legitimation der Anti-Rassismus-Taskforce: „Wir lassen uns nicht überwachen und rügen von einer Organisation, die kein Mandat hat von der Gruppe, die von dem angeblichen Rassismus betroffen ist, sondern von unserer eigenen Industrie.“

FilmtitelDer junge Häuptling Winnetou
RegieMike Marzuk
DrehbuchMike Marzuk, Gesa Scheibner
ProduktionEwa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton, Christoph Fisser, Bernd Schiller
MusikWolfram de Marco, Fabian Römer
KameraAlexander Fischerkoesen
SchnittTobias Haas
Länge103 Minuten

„Der junge Häuptling Winnetou“ im Kino: Aus Karl Mays Fantasie

Schließlich verweist das Produktionsduo auf die Auszeichnung „Prädikat wertvoll“. Tatsächlich fiel die Entscheidung des Gremiums der Wiesbadener Filmbewertungsstelle knapp aus mit 3:2 Stimmen. Am Ende einer langen Diskussion setzten sich zwar die Ja-Stimmen durch, doch die offizielle Jurybegründung dokumentiert, wie umstritten die Pflege Karl May’scher Mythen im Jahr 2022 ist: „Karl Mays literarische Idylle im Herkunftsland der indigenen Völker Nordamerikas sei, so die Aussage der Jury-Mitglieder, eine Lüge, welche den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas und das ihnen zugefügte Unrecht der Landnahme der weißen Siedler und der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vollkommen ausblenden würde…“.

Eine Mehrheit der Jury kam jedoch zu einer anderen Bewertung des Films: Es sei allseits bekannt, dass Karl May seine Erzählungen im von ihm sogenannten „Indianerland“ und auch im „Orient“ aus seiner Fantasie geschrieben habe und selbst nie am Ort der von ihm erdachten Abenteuer gewesen sei.

Es wird wohl noch lange dauern, bis die Realität des Genozids an den amerikanischen Ureinwohnern auch in Deutschland die Mythenschmieden erreicht hat. Eine Debatte immerhin wird geführt. (Daniel Kothenschulte)

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