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Seine Filme beflügeln: Szene aus Hayao Miyazakis „Das Schloss im Himmel“, 1986.
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Seine Filme beflügeln: Szene aus Hayao Miyazakis „Das Schloss im Himmel“, 1986.

Hayao Miyazaki

Der Erzähler der Welt

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Hayao Miyazaki, dem wohl berühmtesten Animationsfilmer, zum 80. Geburtstag.

Das Warten nimmt kein Ende. Seit vor drei Jahren ein neuer Film des wohl berühmtesten lebenden Animationsfilmers angekündigt wurde, freuen sich seine Bewunderer auf „den neuen Miyazaki“. Eigentlich sollte es schon 2020 soweit gewesen sein, doch nun wird es wohl doch noch einmal drei Jahre länger dauern bis „How Do We Live“ fertig sein wird. Der Grund dafür ist nicht die Corona-Krise, sondern der stetig wachsende Perfektionismus seines Schöpfers.

Immer wieder hatte Hayao Miyazaki seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft angekündigt, doch auch seinen 80. Geburtstag am heutigen 5. Januar wollte er dann doch nicht als Rentner verbringen. Während sein Werk auf dem Streaming-Kanal Netflix gerade täglich neue Zuschauerinnen und Zuschauer gewinnt, steckt er selbst mitten in der Arbeit an seinem Abschiedswerk, einer persönlich gefärbten Coming-of-Age-Geschichte.

Tatsächlich ist das Studio Ghibli nicht nur die erste Adresse für handgemachten Animationsfilm, sondern auch eine der allerletzten, wo diese Kulturtechnik noch lebendig ist. Miyazakis Qualitätsanspruch aber steigt noch immer. „Als wir ,Mein Nachbar Totoro‘ gemacht haben, hatten wir nur acht Animatoren, wir haben den Film in acht Monaten fertiggestellt“, erklärt Miyazakis Weggefährte, Produzent Toshio Suzuki den Arbeitsprozess. „Am aktuellen Film arbeiten 60 Animatoren, aber wir schaffen nur eine Minute Animation pro Monat. Das bedeutet, dass man in 12 Monaten des Jahres 12 Minuten an Film bekommt.“

Während in Hollywood das neue Academy Museum seine Eröffnung mit Miyazakis Werk plant (Termin ungewiss), während im japanischen Nagoya der Studio-Ghibli-Freizeitpark entsteht (Eröffnung 2022), gibt sich der Meister fleißig und bescheiden.

„Fühlen Sie sich eher wie ein Hund oder eine Katze?“, wollte ein Reporter von Hayao Miyazaki wissen, als er 2005 in Venedig für sein Lebenswerk geehrt werden sollte. „I feel like Dango Mushi“, lautete die Antwort des Trickfilmschöpfers auf die phantasielose Frage. Schließlich gibt es mehr als nur zwei Tierarten auf dieser Welt. Ein hartnäckiger Waldkäfer war es, mit dem sich der Meister des Anime in diesem Augenblick identifizierte. Geschützt von einem dicken Panzer, macht es sich der in Baumrinden bequem.

Das Biotop, dem Miyazakis berühmteste Figuren entstammen, ist dagegen seine eigene Schöpfung, eine phantastische Parallelwelt, in der europäische und asiatische Märchenmotive zusammenfließen. Gleichermaßen bewohnt von Menschen, Tieren und Geistern, steht die Existenz dieser Welten immer dann auf dem Spiel, wenn diese Dreifaltigkeit bedroht ist. Dann kämpfen die Schwächsten gegen die Stärksten: Die friedliebende Nausicaä, „Prinzessin aus dem Tal der Winde“, gegen zwei zerstrittene Über-Mächte. Ihre Amtskollegin, die mit Wölfen aufgewachsene „Prinzessin Mononoke“, gegen die Vernichtung ihres urtümlichen Waldes durch Menschenhand oder der Wassergeist „Ponyo“ gegen den eigenen Vater, einen mächtigen Zauberer. Ponyos Herz schlägt für einen kleinen Jungen. Und so schlägt das Mädchen alle Warnungen, die Hans-Christian Andersen gegenüber kleinen Meerjungfrauen ausgesprochen hat, einfach in den Küstenwind.

Parallelen zu einer entfremdeten Menschenwelt, die auf Kosten der Natur lebt, sind schnell gezogen. „Ich bin im Grunde meines Herzens ein Pessimist“, bekennt Miyazaki. „Aber wenn jemand im Studio ein Baby bekommen hat, komme ich mit guten Wünschen und kann nicht einfach sagen: Besser wärst du nicht in diese Welt gekommen! Aber ich sehe nun einmal die Welt in eine schlimme Richtung laufen. Mit diesen widersprüchlichen Gedanken im Kopf mache ich meine Filme.“

Der eigentliche Feind von Miyazakis kleinen Helden aber ist die Phantasielosigkeit. Seine halbe Karriere musste Hayao Miyazaki darauf warten, dass er auch im Westen als Filmkünstler anerkannt wurde – in Berlin gewann er als erste wichtige internationale Auszeichnung 2003 den Goldenen Bären für „Chihiros Reise ins Zauberland“.

Auch wenn die Geschichte des Anime bis in die Stummfilmzeit zurückreicht, wurde er erst mit Miyazaki weltweit als Kunstform wahrgenommen. Als Osamu Tezuka, der legendäre „Gott des Manga“ und Begründer der modernen Anime-Kultur, 1989 starb, war die westliche Welt noch nicht so weit. Tezukas bahnbrechende Serie „Astro Boy“ hatte bereits die reduzierte Formsprache des seriellen Trickfilms durchgesetzt, als der 1941 in Tokio geborene Miyazaki Anfang der sechziger Jahre sein Handwerk in den konkurrierenden Toei-Studios lernte.

Legitimer Nachfahre Disneys

Auch wenn man dort asiatische Stoffe verfilmte, orientierte man sich zugleich an der visuellen Opulenz Walt Disneys. So wenig Miyazakis persönlich gefärbte Filmsprache heute mit dem kollektiven Disney-Stil gemeinsam hat, so sehr muss er doch als legitimer Nachfahre des Trickfilmpioniers gelten. Doch anders als Disney adaptiert Miyazaki nicht einfach europäische Märchenstoffe zu „Miyazaki-Versionen“ klassischer Vorlagen. Die Art, wie kulturelle Traditionen in seinem kreativen Geist zu universellen Erzählungen verschmelzen, passt eher zu Federico Fellini, die Wucht seiner Bildwelten zu Akira Kurosawa. Tatsächlich war der japanische Meisterregisseur ein erklärter Fan von Miyazakis Waldgeist Totoro.

Wie diese Meister der Montage und der barocken Opulenz hat Miyazaki das Talent, alles mit allem verbinden zu können. Und dabei nicht Collagen entstehen zu lassen, sondern schillernde, funkelnde Träume. Seine Einflüsse freilich liegen lange zurück: „Von der modernen Popkultur kenne ich fast gar nichts“, sagte er einmal. „Die einzigen Bilder, die ich mir regelmäßig ansehe, kommen aus dem Wetterbericht.“

Er ist der vielleicht letzte Klassiker des Kinos, und da verwundert es fast, dass er heute erst 80 Jahre alt wird. Denn zeitlos sind seine Meisterwerke schon jetzt.

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