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Krieg und Holocaust - Der deutsche Abgrund
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Die Macher des Versailler Vertrages belasten die junge deutsche Demokratie mit einer schweren Hypothek, wie der US-Jurist und Autor James Whitman feststellt: „Sie haben ein Umfeld geschaffen, das den Aufstieg von Kreaturen wie Hitler ermöglicht hat.“

TV-Kritik

„Der deutsche Abgrund“ (ZDF-info): Vom aufhaltsamen Schrecken

  • VonHans-Jürgen Linke
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Die zehnteilige ZDF-Dokumentation „Der deutsche Abgrund“ will die Geschichte des Nationalsozialismus aufarbeiten.

Der deutsche Abgrund ist tief. Ihn zu durchmessen, braucht Aufmerksamkeit und Zeit und fordert eine gewisse Anstrengung. Zehn Dokumentationen zu je 45 Minuten, das sind siebeneinhalb Stunden, und man sollte vielleicht noch eine Stunde danach zur Erholung einkalkulieren. Wer nicht all das an einem Stück sehen kann, hat von nun an zehn Jahre Zeit – so lange hält das ZDF diese bemerkenswerte Dokumentationsreihe in seiner Mediathek verfügbar.

Natürlich geht es um die Phase der deutschen Geschichte, die der Bundestags-Abgeordnete mit der Hundekrawatte einst als „Vogelschiss“ in einem tausendjährigen Erfolg bezeichnete. Zehn Stunden Vogelschiss? Nun, immerhin gibt es, wenn man die Vorgeschichte mit einbezieht, was die Dokumentation tut, einen zweimal verwüsteten Kontinent, Tote in einem hohen zweistelligen Millionen-Bereich und eine gigantische Serie von Verbrechen gegen jegliche Menschlichkeit, die auch über siebeneinhalb Jahrzehnte nach ihrer Beendigung durch die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches immer noch jegliches Vorstellungsvermögen sprengt.

Die Dokumentation arbeitet überwiegend mit historischem Filmmaterial

Historiker setzen sich stets dem Problem aus, dass man die Ergebnisse der Prozesse, die sie beschreiben, schon kennt, so dass die Gefahr auftaucht, dass Geschichte aus der Perspektive der Besserwisser erzählt wird. Das ist schwer vermeidbar und lässt zurückliegende Ereignisse als unvermeidbar erscheinen. Dieser Dokumentation gelingt es meist, diesen Eindruck zu vermeiden.

Sie arbeitet überwiegend mit historischem Filmmaterial und hat darüber hinaus eine Reihe seriöser Historiker unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten zusammengerufen, die kommentierend die Erzählung befördern. Die historische Erzählung geht umsichtig vor. Sie setzt mit dem Ersten Weltkrieg ein, zieht sozialpsychologische Momente heran, benennt die Schwachstellen der Weimarer Republik, deutschen Militarismus und Autoritarismus, Mentalitäten der Siegermächte und zeichnet nebenher die politische Karriere eines Weltkriegs-Gefreiten nach, der 1923 zum ersten Mal mit einem Putsch an die Macht zu kommen versucht. Immer wieder und überall werden politische und juristische Entscheidungen getroffen, die alles andere als alternativlos sind, in ihrer Konsequenz aber zu einer ständig bedrohlich sich verdichtenden Entwicklung führen.

Der deutsche Abgrund

Dokumentation in zehn Teilen. ZDF info, 8. Mai 2021, in der Mediathek bis 7. Mai 2031.

Der Gefreite mit dem Bärtchen unter der Nase jedenfalls lässt nicht nach, die Zeiten werden rauer und gewaltförmiger, er nimmt daran erheblichen Anteil, ein greiser Kriegsherr, der aus der Kaiserzeit übrig geblieben ist, macht ihn zum Kanzler. Aber selbst da hätte vieles noch ganz anders laufen können.

Dass Antisemitismus und Rassismus in ganz Europa eine Heimstatt hatten (haben?), wird nicht verschwiegen, und dass die so genannte Appeasement-Politik die Hitlerei ermutigt, wird hinreichend deutlich. Zunehmend beklemmend geht die Geschichte weiter, in großer Klarheit, in stets sorgfältig gestalteter Vielstimmigkeit und Umsichtigkeit. Gerade darum ist es schwierig, sich der Dramaturgie dieser Dokumentation zu entziehen, denn der Schrecken, von dem sie handelt, wird immer auswegloser und immer größer und scheint unaufhaltsam. Das Ausmaß des Grauens, das die aufgeräumt dargebrachten Tatsachen enthalten, ist immer noch unfassbar.

Wer das alles zu verantworten hatte? Ach, ein paar irregeleitete Machthaber, die am Ende zumeist in den Suizid oder ins Ausland flohen oder mit neuer Identität im Lande blieben. Die meisten Volksgenossen haben sich damit imprägniert, von nichts gewusst zu haben. Das bisschen, was sie wussten, war nur ein Vogelschiss. Oder? (Hans-Jürgen Linke)

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