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„Nowhere Special“: Das Kind und sein Vater, der ihn gut versorgt wissen will. Foto: Piffl Medien
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„Nowhere Special“: Das Kind und sein Vater, der es gut versorgt wissen will.

„Nowhere Special“

Der berührende Film „Nowhere Special“ im Kino: Worüber man nicht sprechen kann

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mit „Nowhere Special“ gelingt Uberto Pasolini ein ganz unsentimentaler Film über den Tod.

Ein junger Mann und ein Junge sitzen auf einer Bank, ihre Hände sind gefaltet. Beide tragen Baseballkappen, das Kind sieht auf zu dem Mann, der in die Ferne schaut. Vielleicht hat er ihm das Händefalten gerade nachgemacht. Über ihnen ein verwaschen-wolkiger Himmel und der Filmtitel: „Nowhere Special“. Was für einen Film möchte dieses einladende und doch rätselhafte Plakat bewerben? Eine Vater-Sohn-Geschichte mit den Lebensweisheiten von Forrest Gump?

Nicht wirklich. Uberto Pasolinis kleiner Film hat alle Hollywood-Formeln beiseite gewischt. Und auch wenn der Schauspieler auf dem Plakat, James Norton, lange als nächster „007“ gehandelt wurde: Nichts an seinem zurückhaltenden Spiel bedient die Klaviatur der Emotionalisierung. Ausgehend von einer kleinen Zeitungsmeldung, wollte der Regisseur einen Film von äußerster Einfachheit drehen, etwas in der Art des Japaners Ozu oder der Dardenne-Brüder. Das ist ihm gelungen. Die kleine Meldung ist bewegend genug.

Ein alleinstehender, an Krebs erkrankter Vater, so stand es in der „Daily Mail“, verbrachte seine letzten Monate damit, gemeinsam mit dem Kind nach Adoptiveltern zu suchen. Man mag sich kaum vorstellen, was das bedeuten muss, aber genau das malt Pasolini vor uns aus. In einfachen Szenen, die manchmal fast dokumentarisch wirken, so genau wie in ihnen Milieu und Mentalität der potentiellen Adoptiveltern in Belfast gezeichnet sind. Und die andererseits, wenn sie das oft wortlose Miteinander zwischen dem liebenden Vater und seinem Sohn beschreiben, eine magische Balance entfalten. Ozu, die Dardenne-Brüder oder auch Robert Bresson oder Abbas Kiarostami: All diese Meisterregisseure wären stolz darauf gewesen.

Diese entscheidenden Monate scheint Pasolini so natürlich aus dem Leben der beiden extrahiert zu haben, dass sich jede weitere Verpackung, jeder Zierrat, von selbst verbietet. Es gibt nicht die Arztpraxis-Szene, in der dem Mann seine furchtbare Diagnose mitgeteilt wird; ebenso wenig wird auf der Leinwand gestorben. Es ist ja ohnehin ein Film über den Tod, und die Frage, wie man über ihn sprechen sollte, ist eine zentrale der Geschichte. Warum also den Tod noch zeigen, wenn das im Kino oft genug ein Einfalltor fürs Unechte ist?

Mit Hilfe von Dinosauriern?

Bei der Behörde, die sich um die Adoption kümmert, schenkt man dem Fensterputzer ein Kinderbuch. „So sterben Dinosaurier“ heißt es, doch er hält es lange zurück. Gibt es denn keine bessere Art, mit einem Kind über den Tod zu sprechen? Aber wie erklärt man sein Nahen überhaupt einem Vierjährigen? In einer kleinen Kiste solle er Erinnerungsstücke für sein Kind sammeln, rät man ihm. „Wo haben Sie denn das gelernt?“, blafft er: „Gerade erst im Studium?“

Spätestens hier erreicht Pasolini einen Punkt, der die meisten Sterbedramen als wohlfeil entlarvt. Nein, man kann das größte Tabu unserer Gesellschaft nicht mit einfachen Formeln behandeln. Auch wenn der Mann schließlich doch auf diese Hilfsmittel zurückgreifen wird: Worüber man nicht sprechen kann, darüber zu schweigen scheint auch diesem ungelernten Arbeiter zunächst als bessere Wahl.

Einfacher erscheint ihm fast die Entscheidung über die potentiellen Adoptiveltern: Sie kommen ihm zunächst alle ungeeignet vor. Besonders die Vorstellung, in der Oberschicht sei am besten für ein Kind gesorgt, erweist sich schnell als Trugschluss. Längst hat er die Geduld und die Mittel der Behörde überstrapaziert, von einer verständnisvollen Mitarbeiterin abgesehen. Vielleicht hätte ein Hollywoodregisseur hier die Gelegenheit zu einer romantischen Wendung ergriffen, doch nicht Pasolini.

Immer wieder hat sich das Kino in seiner Geschichte mit dem Sterben beschäftigt, darunter in einigen seiner größten Klassiker. „Nowhere Special“ hat selbst das Zeug dazu und kann zugleich als Gegenentwurf gesehen werden. Seine einfache Erscheinung ist das Produkt von Geduld, Glück und Perfektion. Neben einem Kinderdarsteller von betörendem Ernst, Daniel Lamont, und James Nortons Meisterleistung in der Hauptrolle ist das auch das Verdienst des Bildgestalters Marius Panduru, einem der Väter des rumänischen Filmwunders.

Der 64-jährige Filmemacher Pasolini aber hat mit seiner erst dritten Regiearbeit nicht weniger als ein Wunder vollbracht. Ein wahrhaftiger Film über den Tod ist schwer genug zu finden. Erst recht ein ganz unsentimentaler über die Liebe: Auch wenn keine Geste, kein Ton es darauf anlegt, hört er nicht auf, uns zu berühren.

Nowhere Special. GB/I/RU 2020. Regie: Uberto Pasolini. 96 Min.

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