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Fluchtort Mexiko: Ana de la Reguera als Adela in „The Forever Purge“.
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Fluchtort Mexiko: Ana de la Reguera als Adela in „The Forever Purge“.

Kino

Der bedrohlich realistische Horrorfilm „The Forever Purge“ im Kino: Wenn die politischen Flüchtlinge aus den USA kommen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Everardo Valerio Gouts antirassistischer Horrorfilm „The Forever Purge“ wurde von der Realität eingeholt.

Nichts in Amerika ist gruseliger als Donald Trumps Vermächtnis: eine schwer fassliche, antidemokratische Bewegung, die in den Bildern vom Sturm auf das Capitol einen Horrorfilm aus der Wirklichkeit hinterließ. Niemand weiß, welche Gräueltaten folgen. Wie so oft, wenn etwas Alptraumhaftes geschieht, glaubte man dergleichen schon einmal im Kino gesehen zu haben.

Etwa in der „Purge“-Serie von James DeMonaco: Ihre Handlungsidee ist simpel. Einmal im Jahr werden für zwölf Stunden alle Gesetze in Amerika außer Kraft gesetzt. Politik spielte in diesen Wimmelbildern blinder Wut stets eine Rolle. Bereits im ersten Teil entdeckte der amerikanische Filmkritiker David Thompson Anklänge an Gesellschaftssatiren von Samuel Fuller, Luis Buñuel und Michael Haneke. Der zweite Teil, „Election Year“, wurde während des ersten Trump-Wahlkampfs in die Kinos gebracht. Doch die Gewalt kam stets aus allen politischen Richtungen, wenn sie denn überhaupt eine Motivation für sich beanspruchte.

Eine tiefschwarze Apokalypse

Das ist nun anders. „The Forever Purge“, ein stilistisch eigenständiges Werk des Filmemachers Everardo Valerio Gout nach einem Drehbuch von DeMonaco, ist eine tiefschwarze Apokalypse über entfesselten Rassismus in naher Zukunft. Es beginnt damit, dass Juan und Adela auf der Flucht vor der Bandenkriminalität in Mexiko illegal in die USA einreisen. Hinter der Grenzmauer erwartet das Ehepaar ein Land, das inzwischen die „New Founding Fathers of America“ regieren.

Die ultrarechte Partei ist eine Fantasie der Filmemacher, aber wie so vieles hier so nah an der Realität, dass man besser noch einmal nachschlägt, ob es eine Bewegung dieses Namens nicht doch schon gibt. Auch wenn der Film 2048 spielt, sieht Texas aus wie heute.

Juan findet Arbeit auf einer Farm, die von einem konservativen, aber verfassungstreuen Patriarchen regiert wird. Will Patton spielt eine Art Clint-Eastwood-Republikaner – antirassistisch und mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Er bleibt eine einsame Ausnahmefigur, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Schon sein Sohn Dylan verbirgt kaum seinen Rassismus gegen den neuen Mitarbeiter, der sichtlich besser mit Pferden umgehen kann. Dennoch werden sich er und seine schwangere Ehefrau bald mit Juan und Adela zusammenraufen müssen – auf der Flucht vor einem entfesselten Mob. Die neue Regierung hat die „Purge“ wieder eingeführt, was soviel heißt wie „Säuberung“ – wer nicht selbst zum rassistischen Lynchmob zählt, wird zum Freiwild.

Doch nach zwölf Stunden ist der Spuk noch nicht vorbei. Medien berichten von einer „ewigen Säuberung“, die von ultrarechten Gruppen ausgerufen worden sei. Kanada und Mexiko öffnen in einem Gnadenakt für flüchtige US-Bürger ihre Grenzen, aber nur für sechs Stunden. Das Chaos ist unausweichlich.

Die bittere Ironie dieser messerwetzenden Farce hätte sich ein Christoph Schlingensief nicht besser ausdenken können – Hunderttausende Amerikaner und Amerikanerinnen stürmen als Flüchtlinge gen Mexiko. Meldungen wie „Was wird nur aus den unbegleiteten US-Flüchtlingskindern“ bestimmen die Nachrichten. Natürlich ist dies noch immer ein exploitation movie, doch zu keinem Zeitpunkt biedert sich der Film beim konservativen Teil seiner Zielgruppe an. Ein Hintertürchen, das den Film auch als Lustgewinn für ein rassistisch eingestelltes Publikum dienstbar machen könnte, ist nicht auszumachen.

Die Aktualität dieser Dystopie ist umso frappierender, als der Film schon vor den Exzessen nach Trumps Wahlniederlage fertiggestellt wurde. Ursprünglich war ein Kinostart für Juli 2020 vorgesehen, der wegen der Corona-Pandemie verschoben wurde.

Zu einem schrecklichen Zusammentreffen zwischen Film und reeller Gewalt kam es am 26. Juli 2021 in der kalifornischen Stadt Corona: Während einer Mitternachtsvorstellung ermordete ein Schütze einen 19-jährigen Social-Media-Star und seine Freundin. Auch wenn diese Gewalttat nichts mit dem Film zu tun hat und er die Tat nicht motiviert haben dürfte, bleibt doch ein trauriger Schatten zurück. Auch dieses Ereignis ist nun ein Teil der Wirkungsgeschichte eines Films – eingeholt von der Wirklichkeit, die er mit den Mitteln des Genrekinos thematisiert.

The Forever Purge. USA 2021. Regie: Everardo Valerio Gout. 103 Min.

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