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Ein Bauer erschießt im Streit versehentlich einen Fischer, der zuvor seine Kuh getötet hat. Da die Familie des Getöteten nicht zur Vergebung bereit ist, ist der Tod des Bauern nicht mehr aufzuhalten.

„Timbuktu“

Denkmal für das Leben

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Am Beispiel des Einfalls von Dschihadisten in Mali zeichnet „Timbuktu“ ein Bild islamistischen Terrors.

Zwanzig Peitschenhiebe für ein Fußballspiel: Was wie eine absurde Gerichtsverhandlung anmutet, war in Mali noch vor Kurzem Wirklichkeit: Als Dschihadisten 2012 den Norden des Landes besetzten, errichteten sie eine Schreckensherrschaft, die erst im Folgejahr niedergeschlagen werden konnte. Französische Truppen waren dafür der Regierung zu Hilfe gekommen.

Der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako führt in seinem Spielfilm „Timbuktu“ zurück in diese junge Vergangenheit. Auch das Weltkulturerbe der Oasenstadt wurde damals von den Fundamentalisten schwer verwüstet. Sissako verzichtet in seinem Film darauf, den Vandalismus detailgenau zu rekonstruieren. Und findet doch schon in der ersten Szene ein symbolisches Bild für den Zerstörungswahn der Dschihadisten: Die traditionellen Holzskulpturen der Tribal Heart sind ihnen als Zielscheiben gerade recht.

Auch wenn Timbuktu inzwischen befreit ist, das Unheil, von dem dieser Film erzählt, bleibt allzu gegenwärtig. Tagtäglich wiederholen sich ähnliche Verbrechen überall dort, wo die Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Herrschaft übernommen hat.

Der Filmkünstler Sissako konnte den Feldzug der Gotteskrieger in Syrien und im Irak nicht vorhersehen, und doch scheint sein Film bereits darauf zu antworten. Nicht als naturalistisches Dokumentarspiel oder politische Agitation, sondern in einer bewundernswerten künstlerischen Überhöhung. In punktgenauen Miniaturen erzählt er vom Einbruch der Invasoren ins traditionelle Leben. Und vom stillen Widerstand einiger Weniger, die nicht geflohen sind. Und glauben, das Leben, das sie führen, gegen die Dschihadisten verteidigen zu können.

Zu den bekannten Propagandavideos der Islamisten verhalten sich seine Szenen aus einem Alltag im Ausnahmezustand wie dringend benötigte Gegenbilder: Als ein junger Mann vor laufender Kamera dem Rap abschwören und sich zum Dschihad bekennen soll, erhält er erst einmal Schauspielunterricht.

Aber auch die Mächtigen scheinen sich ihrer Sache nicht allzu sicher. Da verbieten sie einerseits den Fußball, streiten anderseits erbittert über die Chancen Frankreichs bei der Weltmeisterschaft. Fast schon sympathisch wirken sie manchmal in ihrer Fehlbarkeit, was dem Terror ein menschliches Antlitz gibt.

Der Anführer der neuen Machthaber kann sich mit der Bevölkerung nur über einen Dolmetscher verständigen. Was bringt diesen Sittenwächter dazu, die Frau eines Bauern nur in Abwesenheit ihres Mannes aufzusuchen, um sie über die Gesetze aufzuklären? Sissako zeigt die Täter mit menschlichen Makeln, aber er überzeichnet sie nicht. In lyrischen Panoramen scheint er das Ideal eines unkorrumpierbaren Landlebens von zeitloser Archaik zu feiern. Doch auch diese Bilder sind doppelbödig, denn ein Leben in Unschuld gibt nicht.

Als ein Konflikt eskaliert, nimmt das von den neuen Machthabern verordnete Gesetz der Scharia seinen Lauf. Ein Bauer erschießt im Streit versehentlich einen Fischer, der zuvor seine Kuh getötet hat. Da die Familie des Getöteten nicht zur Vergebung bereit ist, ist der Tod des Bauern nicht mehr aufzuhalten.

Die schrecklichste Szene des Films dauert nur einige Sekunden. Ihr tragisches Vorbild in der Realität ging per Youtube um die Welt, ohne dass ein Aufschrei folgte: Es ist die Steinigung eines unverheirateten Paares, geschehen in Aguelhok, einer kleinen Stadt im Norden Malis.

„Aguelhok ist nicht Damaskus oder Teheran, also wird nicht darüber gesprochen“, sagte der Filmemacher anlässlich der Premiere seines Films in Cannes. Nun hat er diesem unfassbaren Verbrechen doch noch ein Denkmal gesetzt. Oder besser ausgedrückt, er setzte es dem Leben, das durch die Dschihadisten in seiner gesamten Fülle vernichtet wird. Jeden Tag ersinnen sie neue Verbote. Selbst auf private Hausmusik stehen Peitschenhiebe. Sissako hat einen Film über den Schrecken gedreht, aber mehr noch über die Schönheit als das große Feindbild der Glaubenskrieger.

Wie kann man den Sittenwächtern trotzen, ohne sich ihnen auszuliefern? „Warten auf Glück“ hießt einer der früheren Filme dieses großen afrikanischen Filmkünstlers, und die Hoffnung darauf haben auch die Menschen in Timbuktu in ihrer Machtlosigkeit nicht aufgegeben. In einem Moment von federleichter Poesie zeigt Sissako Fußball ohne Ball, ein Spiel mit dem Verbotenen ohne Corpus Delicti. Selten hat man über ein ernstes Thema einen Film von solcher Leichtigkeit gesehen.

Timbuktu. Regie: Abderrahmane Sissako. Mauretanien/ Frankr. 2014. 96 Min.

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