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Demenz-Drama „Vortex“ im Kino: Auf Liebe und Tod

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Von: Daniel Kothenschulte

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Francoise Lebrun (l) als Mutter und Dario Argento als Vater in einer Szene des Films „Vortex“.
Francoise Lebrun (l) als Mutter und Dario Argento als Vater in einer Szene des Films „Vortex“. © dpa

Gaspar Noé hat seinen besten Film als sensibles Drama um Demenz und Alter gedreht: „Vortex“.

Der in Frankreich tätige, aus Argentinien stammende Filmemacher Gaspar Noé gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den bekanntesten Regisseuren des Weltkinos. Noch immer aber begleiten Adjektive wie „kontrovers“ die Nennung seines Namens. „Skandalfilmer“ nennt ihn Wikipedia im ersten Satz mit Verweis auf seine frühen Werke „Menschenfeind“ und „Irreversibel“.

Was ist das Gegenteil von „kontrovers“? Ein Film, der seit seiner Cannes-Premiere 2021 fast nur Bewunderung geerntet hat? Ein Werk, das zwar gesellschaftliche Tabus berührt, diesmal jedoch in einer zärtlichen und selten erreichten Intimität? Mit 58 Jahren hat Noé ein solches geschaffen: „Vortex“ ist ein Kammerspiel um das von Krankheit, Demenz und Todesnähe verdunkelte Lebensende eines greisen Ehepaars. Sollte das Gegenteil von „umstritten“ „konsensfähig“ sein: Das ist „Vortex“ gewiss nicht.

Wer die Premiere in Cannes erlebt hat, außer Konkurrenz in der für seine Fans gewohnten Mitternachtsvorstellung, erlebte durchaus einen Schock. Aber nicht durch Effekte oder Handlungselemente, sondern so wie eben radikale Kunst schockiert.

Die Leinwand ist in zwei Quadrate aufgeteilt. Nur die erste Einstellung ist noch aus einem Stück. Auf einem kleinen Pariser Balkon genießt ein altes Paar sein Abendessen. Dario Argento – der große italienische Regisseur spielt hier 80-jährig seine erste Filmrolle – kredenzt Françoise Lebrun in der Rolle seiner Ehefrau ein Glas Rosé: „Trinken wir auf uns“.

Von der nächsten Szene an beobachten parallele Kameras die Figuren. Die Bilder laufen zwar synchron, das gemeinsame Leben ist es nicht mehr. Die Frau leidet schwer an Demenz. Während auf dem rechten Bildfeld der Mann seiner Arbeit nachgeht – er ist Filmkritiker und schreibt ein Buch über das Kino und die Träume –, verlässt die Frau unbemerkt das Haus. Sie verirrt sich beim Einkaufen in einem altmodischen Gemischtwarenladen, der der mit Büchern und Filmplakaten vollgestopften Wohnung sehr ähnelt. Irgendwann verlässt der Mann seinen Schreibtisch, um sie zu finden, es ist nicht allzu schwer.

Der behutsam erzählte Film entwickelt in seinem fatalistischen Ton zugleich die Spannung eines Psychothrillers. Dazu gehört auch der Hintergrund der Frau als Psychiaterin, die sich selbst Rezepte für gefährliche Medikamente ausstellen darf. Lebrun, vor allem aus Jean Eustaches Film „Die Mama und die Hure“ bekannt, legt einen fast unglaublichen Naturalismus in ihre Rolle: Einerseits ist da das erschlaffte Gesicht der Dementen, das seinen eigenen Ausdruck nicht mehr beherrscht und ganz allein ist mit dem verbliebenen Selbst. Wie oft verkürzt man diese Krankheit auf das Klischee eines Identitätsverlustes. Tatsächlich treten im Gegenteil viele Wesensmerkmale der Betroffenen umso deutlicher hervor, als es ihnen an der Möglichkeit mangelt, die im sozialen Umgang erlernten Filter anzusetzen.

Dieser fast dokumentarische Naturalismus, betont durch improvisierte Dialoge (es gab ein 15-seitiges Manuskript) kontrastiert in der Inszenierung mit feiner Symbolik. Die Frau meint den Schreibtisch ihres Mannes aufzuräumen und begräbt seine kostbaren Aufzeichnungen schließlich in der Toilette. Später kehrt das Motiv wieder, die Toilette ist verstopft; beim Abziehen versetzt sie die Papierschnitzel in einen Strudel: was für ein eindrückliches Bild für das, was die Krankheit mit dem Gedächtnis anstellt.

Nicht nur in dieser Szene ist Noé, dieser Meister psychedelischer Innenbilder, in seinem Element. Auch die Filme, die beiläufig in der Wohnung laufen, sind poetisch mitteilsam: Carl Theodor Dreyers „Vampyr“, dessen Held sich lebendig zu Grabe tragen lässt, das Gedankenmeer aus Tarkowskis „Solaris“, eine Armee von Krebsen aus Jacques Perrins Dokumentarfilm „Unsere Ozeane“.

Auch die Form der Split-Screen-Technik ist selbst eine Metapher für die plötzliche Unvereinbarkeit im gemeinsamen Leben. Menschen, die sich um ihre dementen Verwandten kümmern, sprechen oft nur ungern darüber – über die Entfremdung, den Verlust der Liebesfähigkeit auf beiden Seiten, das schlechte Gewissen bei einer Heimeinweisung. In dieser Geschichte versucht der Sohn des Paares vergeblich, beide zum Umzug in ein Pflegeheim zu überreden. Dabei ist auch Argentos Filmfigur lebensbedrohlich krank, was im Lauf des Films zu beklemmender Spannung führt. Der Sohn schließlich, ein alleinerziehender Vater mit Drogenvergangenheit, war selbst lange auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Alex Lutz, in Frankreich vor allem als Komiker bekannt, verleiht der Rolle eine beklemmende Elektrizität.

Auch in einer konventionellen Filmform fänden all diese Handlungsmotive leicht ihren Platz, nicht zu vergessen der Enkel, der gerade die Sprache erlernt, die seine Oma verliert. Doch Noé geht es um mehr als eine empfindsame Krankheits- und Sozialstudie. Subtil betritt er auch eine philosophische Ebene und führt einen Diskurs über das Kino und seine Behandlung von gefühlter und geteilter Zeit.

Einmal erklärt Argentos Figur am Telefon das Thema seines Buchs. Noé, der „Vortex“ im Lockdown schuf, versteckt darin einen Appell an die Unverzichtbarkeit seines Mediums: „Ich glaube, dass das Kino als Kinosaal die angemessenste, wichtigste Umgebung bietet, unsere Träume offenzulegen. Weil es im Kino dunkel ist. Man hat keinen Kontakt. Als würde man in seinem Bett liegen und schlafen und träumen. Genauso ist das Kino: ein großer Traum. Das ganze Kino. Nicht nur das Kino, das von Träumen erzählt. Alle Filme sind Träume.“

Natürlich ist auch die Besetzung der Rolle mit dem Genremeister Dario Argento eine Hommage an einen anderen Film. In „Die Verachtung“ hat schon Jean-Luc Godard einen bewunderten Filmemacher als Schauspieler besetzt und ihm dabei seine Definition des Kinos in den Mund gelegt – Fritz Lang. Wer sich in der Filmkulisse von Noés Film umschaut, bemerkt weitere Hinweise gerade auf das traumverliebte Weimarer Kino. Nichts von diesen Zitaten aber drängt sich in den Vordergrund. Noé, der vor zweieinhalb Jahren eine Hirnblutung überlebte, hat ein wichtiges Kapitel der Filmgeschichte weitergeschrieben: Filme über die Beziehung zwischen Tod und Leben.

Vortex. Frankreich 2021. Regie: Gaspar Noé. 140 Min.

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