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Die jungen Leute gehen oft ein Risiko ein.
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Die jungen Leute gehen oft ein Risiko ein. Nightrunner/Schubert Film

Dokumentarfilm

„Dear Future Children“-Regisseur Franz Böhm im Gespräch über Aktivismus und Morddrohungen

  • VonChristina Bylow
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Für „Dear Future Children“ hat Regisseur Franz Böhm drei junge Aktivistinnen begleitet und ihre Protestbewegungen zwischen Alltag und Gefahr gefilmt. Ein Gespräch über Engagement, Generationsunterschiede und Morddrohungen.

Herr Böhm, mit knapp 22 Jahren legen Sie ein Dokumentarfilmdebüt vor, das aussieht, als hätten Sie jahrelang nichts anderes gemacht. Wo haben Sie das gelernt?

Ich habe angefangen, mich für Film zu interessieren, als ich so etwa dreizehn war. Es hat vielleicht auch mit einer familiären Katastrophe zu tun, die ich früh erlebt habe. Filme und die Welt des Kinos wurden für mich zu einer Art Flucht, und zugleich wollte ich so viel wie möglich über das Filmemachen lernen. In dem Stuttgarter Gymnasium, das ich besuchte, gründeten wir eine Film-AG. Wir konnten da unglaublich viel ausprobieren, drehen, schneiden, mischen. Gleichzeitig habe ich früh als Praktikant bei Filmproduktionen angefangen. Ein Regisseur hat mir gesagt, wie wichtig es ist, alle Abteilungen kennenzulernen und das habe ich sehr ernst genommen. Ich versuchte, überall Erfahrungen zu sammeln, bei den Kameraleuten, im Schneideraum, bei den Beleuchtern. Als Set-Runner war ich sozusagen Mädchen für alles, habe Straßen blockiert bei Dreharbeiten, Kabel getragen, auch mal einen Transporter gefahren, alles Tätigkeiten, die es braucht, damit ein Filmset funktioniert. An den Wochenenden bin ich nach München und Berlin gefahren, um dort bei Produktionen dabei zu sein. Mich hat auch immer die Frage interessiert, wie es Regisseure schaffen, eine Arbeitsatmosphäre herzustellen, in der jeder hundert Prozent geben kann.

Wieso sind Sie nicht an eine Filmhochschule gegangen?

„Dear Future Children“ war mein Bewerbungsfilm für die National Film and Television School in Beaconsfield bei London, eine wirklich tolle Schule. Da werde ich kommendes Jahr mein Studium beginnen. Zwei Jahre dauert es bis zum Master, die Ausbildung ist sehr praxisnah. Das kommt mir entgegen. Bei „Dear Future Children“ waren viele Filmhochschulabsolventen im Team, aber auch Leute, die nicht oder noch nicht Film studieren. London ist auch ein Zentrum der Filmwirtschaft mit vielen tollen Produktionsfirmen. Die Gespräche über Projekte finden oft bis zum Morgengrauen in gemütlichen Londoner Pubs statt.

Ihr Film „Dear Future Children“ stellt drei Aktivistinnen globaler Protestbewegungen vor. Ist es Zufall, dass es alles junge Frauen sind?

Wir haben uns erst einmal für drei Protestbewegungen entschieden. Dabei ging es uns nicht um das Geschlecht der Aktivisten oder Aktivistinnen. In Absprache mit Leuten vor Ort haben wir aus einem Pool von Leuten, mit denen wir uns ausgetauscht haben, die Person ausgewählt, die die Protestbewegung am besten repräsentiert, die von Beginn an dabei war, deren Geschichte interessant ist. Außerdem musste sie bereit sein, sich für längere Zeit von uns begleiten zu lassen. Bei Hilda aus Uganda war es sowieso klar: Sie hat Fridays for Future Uganda gegründet. In Hongkong fiel mir auf, dass der Kampf für die Demokratie wirklich alle umfasst, dass es egal ist, aus welcher Klasse jemand kommt. Die junge Hongkongerin mit dem Pseudonym „Pepper“ hat uns ebenfalls sehr berührt. Mit ihren Zweifeln, mit den Problemen, die ihr Aktivismus in ihr Leben bringt, den Risiken, die sie eingeht und der Verzweiflung, die sie überhaupt erst auf die Straße gebracht hat. Rayen aus Chile musste den Tod und schwere Verletzungen vieler junger Menschen durch Polizeigewalt miterleben. Aber sie hat auch erlebt, dass die Proteste gegen die rückständige Verfassung Chiles etwas bewirkt haben.

Die Arbeit Hildas in Uganda hat mit den Schülerstreiks von Fridays for Future in Deutschland hierzulande nichts zu tun. Die Kritiker werfen der demonstrierenden Jugend hierzulande vor, sie sei wohlhabend und privilegiert.

Hilda ist das Gegenteil von privilegiert. Ihre Ausgangsmotivation war eine sehr persönliche: Die anhaltenden Dürren und Überschwemmungen infolge des Klimawandels brachte ihre Familie in existentielle Not. Hilda verlor ihr Zuhause, als sie elf Jahre alt war. Die Familie suchte ihr Auskommen in einer anderen Gegend. Hilda arbeitet sehr effektiv. Sie muss erst einmal aufklären, warum der Schutz der Umwelt wichtig ist, sie reinigt Flüsse, und wir sehen, wie sie ihr Land beim Klimagipfel in Kopenhagen repräsentiert. Sie tut das, ohne jemanden hinter sich zu haben, aus sich selbst heraus.

„Fridays for Future“-Aktivistin Hilda Flavia Nakabuye ist eine der Protagonistinnen.

Die Aktivistinnen riskieren viel, ihre Gesundheit, ihr Leben sogar. In diesem Film exponieren sie sich einer großen Öffentlichkeit. Wie können Sie als Filmemacher für Ihren Schutz sorgen?

Wir sind mit allen drei Frauen fast täglich in Kontakt. Um die Identität der Hongkonger Protagonistin zu schützen, haben wir schon zu Beginn der Arbeit an diesem Film eine enge Zusammenarbeit mit Studenten der bekannten US-amerikanischen Harvard Universität beschlossen. Sie haben ein Konzept entwickelt, das mit einer Reihe von Maßnahmen sicherstellt, dass dieser Film nicht gegen „Pepper“ verwendet werden kann.

Ist das überhaupt möglich? Rayen aus Chile ist sogar in ihrer Familie zu sehen.

Die Protestbewegung in Chile ist sehr erfolgreich. Die Verfassung wird gerade neu geschrieben. Das wird von breiten Teilen der Bevölkerung bejubelt. Durch den Rückhalt besteht ein gewisser Schutz. Rayen lebt weiterhin in Chile, sie studiert dort.

Haben Sie während der Demonstrationen gedreht oder haben Sie Archivmaterial verwendet?

Archivmaterial ist im Film nur in Rückblicken, also sehr wenig. Wir haben während der Protestaktionen gedreht, in sehr kleinem Team, die Kamera auf der Schulter. Wir waren bei mit in der Frontline, alles, was man im Film von den Protesten sieht, stammt von unserem Team.

Zur Person

Franz Böhm , geboren 1999, wuchs in Stuttgart auf. Er sammelte schon als Teenager Erfahrungen bei Filmproduktionen und realisierte nach dem Abitur erste eigene Filmprojekte wie „Christmas Wishes“, eine Dokumentation, für die er obdachlose Menschen in Berlin begleitete. Im kommenden Jahr wird Franz Böhm sein Studium an der National Film and Television School in England aufnehmen. Er lebt in London.

Sein Dokumentarfilm Dear Future Children“ lief bereits auf internationalen Filmfestivals, gewann mehrere renommierte Preise und kommt am 14. Oktober ins Kino.

Wurden Sie und das Team attackiert?

In Chile wurden wir von der Polizei angegriffen, in Hongkong erst im Nachhinein durch Drohbotschaften. Es gab Morddrohungen, Hassbotschaften, Hackerangriffe von chinesischen extremistischen Gruppen, die versuchten, unserem Projekt zu schaden. Vor der Tür meiner WG in London lagen Patronenhülsen mit meinem Namen. Es wurde versucht, unsere Bankkonten und unseren Projektserver zu hacken, die waren zum Glück gut gesichert.

In Hongkong musste sich das Filmteam auch vor Hackerangriffen schützen.

Haben Sie Angst?

Wir arbeiten auch hier mit der schon erwähnten Universität zusammen. Das Team dort kann uns vor Hackerangriffen schützen, sie können Drohungen zurückverfolgen, teilweise auch Leute verklagen. Wir waren auf Drohungen vorbereitet. In gewisser Weise ist es auch motivierend, weil es zeigt, wie relevant der Film ist. Wir wollten und wollen uns nicht stoppen lassen. Es ist einfach, Angst zu erzeugen, aber die Aktivistinnen erleben das jeden Tag und in viel größerem Maß.

Sie gehören zur selben Generation wie die Menschen in Ihrem Film. Gleich zu Beginn sprechen Sie mit einer Szene auch den bestehenden Generationenkonflikt an: Die Alten überlassen den Jungen nicht nur eine Welt voller Krisen und Konflikte, sie bringen sie in gewisser Weise um die Zukunft. Viele sagen, der Klimawandel sei irreversibel, aber die Alten werden es nicht mehr erleben. Bringt das bei den Jungen nicht auch Resignation hervor?

Ich gehöre zu der Generation, die noch stärker als bereits spürbar, erleben wird, wie sich das Klima gegen uns wendet. Wir sehen es jetzt auch in Deutschland, Teile meiner Familie sind stark von der Flutkatastrophe im Juli betroffen. Menschen wie Hilda arbeiten sehr hart daran, die Folgen wenigstens einzugrenzen und Ortschaften darauf vorzubereiten. Hilda hat oft vor kommenden Hochwassern gewarnt und dadurch wahrscheinlich auch Leben gerettet. Es hilft nicht, zu sagen: Es ist zu spät. Unsere Generation wird noch einige Jahrzehnte auf diesem Planeten sein. Alle drei Aktivistinnen kämpfen für eine bessere Zukunft für sich und ihre zukünftigen Kinder. Hilda hält auch nichts von den ritualisierten Reden auf Kongressen, wo immer alle alles so „inspirierend“ finden, sie fordert das Anpacken, das Tun. Von den netten Worten kommt in den überschwemmten Dörfern ins Uganda nichts an. Man muss auch wissen: Diese jungen Leute sind Aktivisten geworden, weil ihnen alle anderen Wege, auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, versperrt sind. Die Straße ist ihr Ausweg.

Mit „Dear Future Children“ hat sich Regisseur Franz Böhm an einer Filmhochschule beworben. Adam/Future Image

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Die sind hier eher in einer Hilfsfunktion, um sich zu verabreden, Inhalte zu teilen. Aber der Protest findet auf der Straße statt. Die jungen Leute wissen, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sie suchen auch nicht nach Auseinandersetzungen mit der Polizei, sie wehren sich nur gegen Polizeigewalt. Es gibt aber auch Polizisten, die sich mit den Protestierenden solidarisieren.

Verstehen Sie sich selbst als Aktivist?

Der Film war nicht als aktivistisches Projekt angelegt. Ich würde eher sagen: Wir haben unseren Job gemacht. Und unser Ziel bestand darin, diesen jungen Menschen und ihren Geschichten eine Plattform zu geben. Aber wir haben uns auch mit Gegnern der Protestbewegungen getroffen, weil wir die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen und verstehen wollten. In der filmischen Umsetzung war für uns jedoch immer klar, dass wir ausschließlich den Protagonistinnen nah sein wollten. Es handelt sich nicht um einen journalistischen Bericht.

Anders als viele Journalisten verwenden Sie bestimmte Bilder nicht. In Chile wurden junge Leute von der Polizei getötet, viele verloren ein Auge durch den gezielten Einsatz von Tränengas. Das zeigen Sie nicht.

Wir haben fünf Tode mit der Kamera aufgezeichnet. Dieses Material zeigen wir nicht. Mit der Familie eines getöteten Jungen, Abel, haben wir lange und immer wieder gesprochen. Diese Gespräche sind im Film enthalten, mit Erlaubnis der Familie. In Chile ist das Misstrauen gegenüber Kameraleuten und Journalisten sehr groß. Es waren so viele Journalisten aus Europa da, sie flogen kurz ein, hatten keine Zeit, nahmen Bilder mit, ignorierten Absprachen, drehten Leuten das Wort im Mund um und waren wieder weg. Viele haben uns gesagt: Ich rede mit keinem mehr. Wir haben unseren Rohschnitt den Protagonistinnen gezeigt. Sie hatten das Recht, Szenen zu ändern. Niemand hat davon Gebrauch gemacht.

Schutzmasken gehören beim Protest zur Standardausrüstung.

Wie sah die finanzielle Seite aus – auch für die Menschen, die in Ihrem Film vorkommen?

Wir hatten ein Budget von 45 000 Euro für den gesamten Film. Darin sind 22 000 Euro aus einer Crowdfunding-Aktion enthalten und Geld aus der MFG Filmförderung von Baden-Württemberg. Die Protagonistinnen und ihre Familien sind vertraglich am theoretischen Gewinn beteiligt, Honorare konnten wir nur wenige zahlen. Wir haben auch gedreht, als wir nur minimale Finanzierung hatten. Das gesamte Team musste mit wenig auskommen und konnte es auch. In Hongkong habe ich mir mit dem Kameramann ein 10 Quadratmeter winziges Zimmer geteilt. Das war egal, wir waren sowieso meistens auf der Straße.

Wollen Sie weiterhin politische Filme machen oder denken Sie auch in Richtung Unterhaltung?

Ich glaube, da gibt es kein Entweder-Oder. Die Geschichte und die Charaktere sind die wichtigsten Elemente eines Films. Wir haben als lose Gruppe verbündeter Filmleute aus England und Deutschland einen Zehn-Jahres-Plan entwickelt und wollen es schaffen, für uns wichtige und relevante Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Dabei unterstützen wir uns gegenseitig. Die Geschichten haben oft einen realen Hintergrund. Zurzeit arbeiten wir an einem Film über eine Journalistin, die eine menschliche Katastrophe aufgedeckt hat und dafür ihr Leben und ihre Familie riskiert. Viel mehr darf ich momentan leider noch nicht sagen.

Interview: Christina Bylow

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