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Emma (Antje Traue) und Peter (Michael Gwisdek) untersuchen die Leiche von Hertha Schütte. 

„Dead End“, ZDF Neo

Im Land der Ignoranten

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Eine junge Forensikerin kommt aus den USA in die brandenburgische Provinz – und kann den hiesigen Flachlandkrimi leider auch nicht bereichern.

Es gab Zeiten, da fluchte man über das behäbige, greise Mutterschiff ZDF, das brillante internationalen Serien wie „Mad Men“ kaufte und spannenden Experimente wie „Komm schon!“ selbst produzierte – und dann alles im Nischenkanal ZDF Neo versteckte, während im Hauptkanal weiterhin das gemütliche Rentnerfernsehen seinem wohlverdienten Belanglosigkeits-Tod entgegendämmerte.

Einige Jahre später ist die Alarmstimmung über die Publikums-Überalterung endlich in den Vorstands-Etagen angekommen, aber sie kommt gut ein Jahrzehnt zu spät: Netflix ist da und mischt den deutschen Markt auf. Es gibt panische Zuckungen aus Jugendkanal und Web-Serien – man startet sogar einen vierten oder fünften halbherzigen Anlauf, spannende und originelle Serien zu drehen, wie sie im europäischen Ausland längst Standard und in den USA schon fast wieder überholt sind. Und das ZDF? Traut sich inzwischen nichtmal mehr auf dem Nischenkanal ZDF Neo etwas.

Es gab durchaus Grund zur Vorfreude: Die jungen Autoren Thomas Gerhold und Magdalena Grazewicz haben einzeln bereits bewiesen, dass sie das Zeug zu düster-skurrilem Tonfall und echter menschlicher Empathie haben. Das Provinz-Setting ließ auf absurde Dorfkrimiklassiker wie „Twin Peaks“, „Braunschlag“ oder „Quinquin“ hoffen. Zudem der Forensiker-Krimi mit seinem Hang zum Morbiden in Deutschland noch nie richtig ausgeschöpft wurde. Und als ZDF-Neo-Produktion würden hier sicher ein paar Tabus gesprengt.

Doch mit solchen Erwartungen ist die Enttäuschung groß: Was letztlich dabei rausgekommen ist, wäre auch im ZDF-Vorabendprogramm nicht weiter aufgefallen. Der österreichische Regisseur und Co-Autor Christoph Schier schafft eine düstere Atmosphäre – hat aber leider gar nichts, womit er sie füllen könnte. Das Schauspiel, selbst beim sonst so unbezähmbaren Michael Gwisdek, wirkt kalt und lustlos, die Figuren tranig und gelangweilt, die Fälle behäbig und vom Zufall konstruiert.

Niemandem hier schaut man gerne zu: Die heimkehrende junge Forensikerin wirkt abgestumpft und apathisch bis an die Grenze der Ausdruckslosigkeit; ihr Vater, dessen Job sie mehr oder weniger übernimmt, zeigt eine schwer erträgliche Kombination aus Dummheit, Sturheit und Herablassung; und vor allem die Dorfbewohner scheinen allesamt tumbe Trottel, widerliche Wichser oder soziopathe Spinner zu sein. Und alle schlagen sich durch eine zutiefst traditionelle Fallstruktur mit Leiche am Anfang und Auflösung am Schluss, mit einem kleinen Schuss horizontaler Rahmengeschichte, die aber auch nur träge vor sich hinplätschert und letztlich sogar in einem unbefriedigenden Cliffhanger endet.

Man hatte gehofft, die junge Forensikerin mit ihren Cowboystiefeln und modernen Methoden würde auch etwas Serien-Innovation aus den USA mitbringen. Vielleicht ein paar wirklich abgedrehte Szenen-Ideen. Vielleicht einen Schuss tatsächlich innovativer filmischer Erzählung. Vielleicht einen Hauch von einer neuen, radikalen inhaltlichen Idee, die man so schonungslos oder so ehrlich noch nie gesehen hat. Oder vielleicht wenigstens ein bisschen Originalität und Überraschung. Statt dessen ist sie ins Land der Ignoranten zurückgekommen und hat ausdruckslos in die Gegend gestarrt und kryptisch-nichtssagende Sprüche über das Schicksal gemurmelt. Aber davon wird leider nichts besser.

Zur Sendung:

„Dead End“, sechsteilige Krimiserie 

Dienstag, 26. Februar 2019, 21:45 Uhr auf ZDF Neo

Die weiteren Folgen jeweils dienstags um 21:45 Uhr

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