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Die Bombe und der sehr einsame Jake Gyllenhall.

Kinostart von "Source Code"

Dauernd grüßt die Bombe

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Duncan Jones’ „Source Code“ erzählt die Geschichte des US-Soldaten Colter Stevens, der gerade noch im Kriegseinsatz in Afghanistan war und sich plötzlich in einem Zug nach Chicago wiederfindet - dort soll er zum Lebensretter werden. Zu diesem Zweck wird er in den Körper eines Fremden katapultiert...

Einen Menschen mit Haut und Haaren zu übernehmen, war bislang allein Dämonen und Matrix-Agenten vorbehalten. In naher Zukunft zählen auch US-Soldaten zu diesem exklusiven Kreis, obwohl die Sache bei ihnen etwas komplizierter ist. Erst muss nämlich der „Source Code“ entwickelt werden, mit dessen Hilfe man sich über Raum und Zeit hinweg in den Körper eines in der unmittelbaren Vergangenheit lebenden Fremden katapultieren kann. Und zwar so oft es einem gefällt.

Leider hat man versäumt, dem von Jake Gyllenhall gespielten Helden davon zu erzählen. Das Letzte, woran sich Captain Stevens erinnert, ist der Absturz seines Helikopters in Afghanistan. Jetzt erwacht er im Morgenzug nach Chicago: Auf dem Platz gegenüber sitzt eine ihm fremde Frau, die ihn dafür umso besser zu kennen scheint; im Spiegel schaut ein entsetztes Allerweltsgesicht zurück; und dann geht auch schon die Bombe hoch.

Statt wie die Mitreisenden zerfetzt zu werden, geht Stevens nur zurück auf Los. Er findet sich in einer Art Raumkapsel wieder, seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Monitor, auf dem ihm Vera Farmiga, die Frau, die George Clooney in „Up in the air“ zum Weinen brachte, mit entschlossener Militärmiene entgegenblickt. Sie klärt ihn und das Publikum über das Wesentliche auf: Im Zug befindet sich ein Terrorist, der eine zweite, noch verheerendere Bombe im Köcher hat. Um den unmittelbar bevorstehenden zweiten Anschlag zu verhindern, soll Stevens herausfinden, den Attentäter für die Jetztzeit-Kollegen identifizieren. Aus technischen Gründen bleiben für jeden Versuch nur acht Minuten und da die Zeit drängt, bittet die Generalität von weiteren Fragen abzusehen. Das nennt man wohl „Training on the Job“.

Eigentlich ist „Source Code“ ein Stoff wie für Tony Scott gemacht. Da der wohl keine Zeit hatte, stürzt sich Duncan Jones in die nächste Ausbaustufe des Murmeltiertags. Immer wieder schickt er den Helden durch ein schick gestaltetes Wurmloch in den Zug und lässt die Uhr herunterticken. Jeder ist verdächtig, das Zeitfenster klein, und die Tatsache, dass „seine“ hübsche Bekannte nicht mehr zu retten ist, für den tapferen Soldaten mit jedem Zeitsprung schwerer zu ertragen.

Im Kern ist „Source Code“ ein Film über das Abschiednehmen, die Fallstricke der Identität und das Gefühl, der einsamste Mensch der Welt zu sein. Damit schließt Jones an sein gefeiertes Regiedebüt „Moon“ an, einen Science Fiction-Film, der im Rückblick geradezu bodenständig erscheint. Sam Rockwell spielt darin einen Mondarbeiter, der am Ende seiner dreijährigen Dienstzeit weiße Mäuse sieht und seinem Ebenbild begegnet. Auch Jones selbst macht als Klon eine ausgezeichnete Figur: „Source Code“ ist der packendste Tony-Scott-Film, den dieser nie gedreht hat.

Source Code, Regie: Duncan Jones, USA 2011, 93 Minuten.

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