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Wolfgang P?iklopil (Thure Lindhardt) kidnappt die 10-jährige Natascha Kampusch (Amelia Pidgeeon).

TV-Kritik: „3096 Tage“ (ARD)

Bis dass dein Tod uns scheidet

Ein beklemmendes Kammerspiel über ein ungeheuerliches Verbrechen: Der Film erzählt von der Gefangenschaft Natascha Kampuschs, hinterlässt jedoch gemischte Gefühle.

Von Tilmann P. Gangloff

„Es war klar: Nur einer von uns beiden würde überleben, und am Ende war ich es.“ Mit diesen Worten beginnt ein Film, den man kaum aushalten könnte (oder wollte), wenn das Ende nicht bekannt wäre: Nach über acht Jahren gelang der jungen Österreicherin Natascha Kampusch 2006 die Flucht aus der Gefangenschaft ihres Peinigers. Der Mann hatte sie als Zehnjährige in Wien auf offener Straße entführt und in einem Verlies unter der Garage seines Hauses eingesperrt. Der vor gut drei Jahren verstorbene Produzent Bernd Eichinger hatte die Rechte an Kampuschs Autobiografie erstanden, konnte das Drehbuch jedoch nicht fertig stellen. Ruth Toma hat die Arbeit mit Hilfe des  Journalisten Peter Reichard vollendet, Sherry Hormann hat den Film inszeniert.

„3096 Tage“ ist beinahe zwangsläufig über weite Strecken ein Kammerspiel mit zwei Hauptfiguren. Gerade die erste Hälfte spielt sich größtenteils in Nataschas Gefängnis ab. Da die Ereignisse fast ausschließlich aus Perspektive des Mädchens (Amelia Pidgeon) geschildert werden, gelingt es Hormann auf unangenehm überzeugende Weise, die Klaustrophobie der Situation zu vermitteln. Und doch sind die entsprechenden Beklemmungen bloß ein Vorspiel für die Grausamkeiten der zweiten Hälfte, als der Entführer (Thure Lindhardt) sein mittlerweile herangewachsenes Opfer (Antonia Campbell-Hughes) als Sexsklavin missbraucht. Fast noch weniger auszuhalten sind die Szenen, in denen der Mann seinem Jähzorn freien Lauf lässt und hemmungslos auf die junge Frau einprügelt. Immerhin sind ihr (und damit auch den Zuschauern) gelegentliche Ausflüge gegönnt: Natascha darf nun regelmäßig das Kellerloch verlassen. Der Mann nimmt sie mit in die Stadt und sogar zum Skilaufen in die Berge. Als er sich schließlich zu sicher fühlt und leichtsinnig wird, nutzt sei eine Unachtsamkeit zur Flucht.

Als Porträt einer unbeugsamen jungen Frau, die ihr Schicksal scheinbar stoisch erträgt, in Wirklichkeit aber geduldig auf die richtige Gelegenheit wartet, ist „3096 Tage“ sehenswert. Auch die routinierte Regisseurin („Wüstenblume“) kann jedoch nicht verhindern, dass einige Szenen trotz ihres fast dokumentarischen Stils voyeuristisch ausfallen. Es mag ja den Tatsachen entsprechen, dass Natascha Kampusch die meiste Zeit praktisch unbekleidet herumlaufen musste, aber in der filmischen Umsetzung wirkt die Nacktheit angesichts der Umstände obszön. Grimme-Preisträgerin Toma (zuletzt „Jeder Tag zählt“) ist ähnlich erfahren wie Hormann, doch zwischendurch ist der Film so spannungsarm wie vermutlich die meisten der 3096 Tage in Kampuschs Gefängnis.

Die größte Herausforderung während der Vorbereitung war vermutlich die Suche nach der Hauptdarstellerin. Einer Gleichaltrigen war die Rolle der pubertierende Natascha Kampusch schon allein aus Jugendschutzgründen nicht zuzumuten. Außerdem sollte der Film wegen der internationalen Vermarktbarkeit auf englisch gedreht werden. Die meisten Rollen wurden daher mit hierzulande praktisch unbekannten Schauspielerin besetzt, was allerdings zu Lasten der atmosphärischen Authentizität geht. Bei Natascha fiel die Wahl auf die gebürtige Nordirin Antonia Campbell-Hughes. Die auch als Model eingesetzte zierliche Darstellerin reduzierte ihr Gewicht nochmals drastisch; es wird kein Zufall sein, dass ihr magerer Anblick an Bilder aus deutschen Konzentrationslagern erinnert. Nicht nur deshalb ist ihre buchstäbliche Verkörperung ausgesprochen glaubwürdig, wenn auch mit einer entscheidenden Einschränkung: Campbell-Hughes mag kindliche Gesichtszüge haben, aber sie ist über dreißig, und das lässt sich beim besten Willen nicht ignorieren. Ihren psychopathischen Peiniger, über dessen Motive kein Wort verloren wird, spielt der Däne Thure Lindhardt, auch er macht das ausgezeichnet. Gleiches gilt für die Kameraarbeit: Für die Bildgestaltung konnte der große Michael Ballhaus gewonnen werden.

Der Fall Kampusch diente übrigens als Inspiration für zwei „Tatort“-Krimis, die im Winter 2011/2012 ausgestrahlt worden sind: „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ aus Hannover (Regie: Roland Suso Richter) und „Verschleppt“ aus Saarbrücken (Hannu Salonen). Natürlich erzählen beide ganz andere Geschichten, aber hinsichtlich Dramaturgie, Inszenierung und Spannung sind beide deutlich besser als „3096 Tage“.

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