1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Das Virus im Kinosessel nebenan

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Vor dem Berliner Filmpalast stehen Gäste an, um sich testen zu lassen. Man hätte fast meinen können, sie kauften Kinokarten ...
Vor dem Berliner Filmpalast stehen Gäste an, um sich testen zu lassen. Man hätte fast meinen können, sie kauften Kinokarten ... STEFANIE LOOS/AFP © Stefanie Loos/afp

Ein Zeichen für die Kultur – oder doch ein unverantwortliches Spiel mit dem Risiko? An diesem Donnerstag beginnt die 72. Berlinale und versucht, alle Schatten der Pandemie vergessen zu machen.

Oft sind es eher Momentaufnahmen als große Reden, die man mit Aktricen oder Akteuren der Politik verbindet. Wenn ich an Claudia Roth denke, fällt mir eine ausklingende Berlinale-Eröffnung ein. Die gewiefte grüne Kulturmanagerin überließ mir Unbekanntem lächelnd das Taxi, auf das sie offensichtlich gewartet hatte – weil sie es einfach nicht eilig hatte, nach Hause zu kommen. Man sah ihr an, dass sie die Party wirklich genossen hatte und das einfach noch etwas nachwirken lassen wollte.

Jetzt könnte sie sich als neue Kulturstaatsministerin zur gleichen Party sogar selbst einladen – nur findet die leider nicht statt. Die 72. Berliner Filmfestspiele präsentieren sich als offiziell feierfreie Zone, auch wenn der rote Teppich zur Eröffnung an diesem Donnerstag wie gewohnt am Potsdamer Platz liegt.

Claudia Roth sieht in der Präsenz-Veranstaltung ohne Online-Angebote ein „Zeichen des Optimismus, der Hoffnung und der Ermutigung“; so wird sie von der Deutschen Presse-Agentur zitiert. „Wir lassen sie uns nicht wegnehmen. Ganz im Gegenteil, wir setzen ein Zeichen für die Kultur, für das Kino, für den Film und für all diejenigen, die in diesem Bereich arbeiten, die Kreativen und all die Menschen hinter den Kulissen.“

Tatsächlich forderten in den vergangenen Tagen Kommentare mehrerer Medien eine Absage der Filmfestspiele wegen eines dort nicht beherrschbaren Infektionsgeschehens. „Wir haben Gründe das Risiko einzugehen“,beschied das Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian in der „Berliner Zeitung“ (siehe auch nebenstehendes Interview mit Chatrian).

Allerdings gehen sie das Risiko nicht nur persönlich ein. Sie muten es auch anderen zu, insbesondere Journalist:innen, die auf engstem Raum zusammenkommen müssen. Es war die Unbesorgtheit eines Kollegen, mitverantwortlich für das Berlinale-Programm der „Woche der Kritik“, die mir schlagartig meine eigen raubte: Er gehe fest davon aus, dass er sich während der Berlinale mit Omikron infiziere.

Auf den offiziellen Berlinale-Plakaten wirbt ein Bär mit Heftpflaster für das Impfen (sprich: Ungeimpfte haben keinen Zutritt). Doch auch Geimpfte müssen in ihrer Sorge vor den Folgen einer Infektion – eines „Impfdurchbruchs“ – ernstgenommen werden; eine „Durchseuchung“ Berlins darf nicht stillschweigend Corona-politisches Programm werden. Und welche Rolle spielt das – nach der documenta – populärste deutsche Kulturereignis dabei? Vorsicht ist geboten, wann immer Kultur für etwas anderes als für ihre eigenen Inhalte instrumentalisiert wird. Und die stehen, was diese 72. Berlinale angeht, bereits jetzt im Schatten von Corona. Wird es dem Programm gelingen, die leidigen Begleitumstände seiner Präsentation vergessen zu lassen?

Vielleicht schon an diesem Donnerstagabend: Der Franzose François Ozon, einer der populärsten Autorenfilmer seiner Generation, zeigt seine Tragikomödie „Peter von Kant“. Vor 22 Jahren hatte der 54-jährige auf der Berlinale seine Verfilmung von Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Tropfen auf heiße Steine“ präsentiert. Nun hat er einen Klassiker des bewunderten Deutschen auf eine männliche Titelfigur umgeschrieben. Aus der lesbischen ist eine schwule Beziehungsgeschichte um das missbräuchliche Liebesleben eines Regisseurs (Denis Ménochet) geworden. Dennoch dürften es zwei weibliche Altstars sein, die – wenn sie denn kommen – echten Premierenzauber versprechen: Niemand geringeres als Isabelle Adjani und Hanna Schygulla.

Auch in verblasstem Ruhm kann man sich sonnen, jedenfalls in der neuesten pechschwarzen Farce des Österreichers Ulrich Seidl. Ein ehemaliger Schlagerstar finanziert da sein Leben mit armseligen Auftritten im Abseits, Spielort ist unter anderem das titelgebende, winterliche „Rimini“.

Es gibt nicht allzu viele weltbekannte Filmschaffende in diesem Festival-Jahrgang. Darunter ist immerhin mit der Französin Claire Denis eine der besten. Juliette Binoche spielt die Hauptrolle in der Dreiecksgeschichte „Both Sides of the Blade“.

Neugier wecken auch die beiden deutschen Beiträge: „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ heißt die neue Regiearbeit von Nicolette Krebitz über die ungleiche Annäherung zwischen einer ehemaligen Schauspielerin und einem jungen Taschendieb.

Von Andreas Dresen schließlich, dessen Filme eigentlich nie enttäuschen, darf man ein politisch wie emotional bewegendes Drama erhoffen: Sein Gerichtsfilm „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ setzt die Mutter des zu Unrecht nach Guantanamo verschleppten Murat Kurnaz in Szene. Auf dem Papier klingt das bereits nach einem potentiellen Gewinner; doch wer weiß ob der diesjährige Jury-Präsident die traditionelle Berlinale-Liebe zum Politischen teilt: Mit Hollywoodregisseur M. Night Shyamalan hat man ausgerechnet einen Meister des hier so seltenen phantastischen Kinos an die Spree geflogen. Um seine Präferenzen in diesem gänzlich Hollywood-freien Wettbewerb zu erraten, brauchte man schon einen „Sixth Sense“.

Auch interessant

Kommentare