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Der Wunderhügel, hier mit Carey Mulligan als Edith Pretty (oben) und Ralph Fiennes als Basil Brown.
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Der Wunderhügel, hier mit Carey Mulligan als Edith Pretty (oben) und Ralph Fiennes als Basil Brown.

„Die Ausgrabung“ bei Netflix

Das Totenschiff

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Spielfilm-Premiere auf Netflix: In „Die Ausgrabung“ spielt Ralph Fiennes den von der Geschichte vergessenen Finder des größten archäologischen Schatzes in England.

In den glücklichen Zeiten, als man noch ins Kino gehen konnte, lohnte es sich, am Ende eines Jahres aufzulisten, welche Filmländer bei den Deutschen besonders beliebt waren. Großbritannien rangierte dabei nur selten auf einem vorderen Platz; abgesehen von den Jahren, in denen ein James-Bond-Film dabei war – aber da denkt man meist, sie kämen aus Hollywood. In diesem Jahr könnte es wieder so weit sein: Nach der fünften Startverschiebung soll „No Time to Die“ nun im Oktober in die Kinos kommen. Wie die britische Boulevard-Zeitung „The Sun“ erfuhr, müssen allerdings bereits jene Szenen neu gedreht werden, in denen der Agent von „Q“ seine neumodischen Gadgets erhält – sie zeugten schon vom Zahn der Zeit.

Warum nicht stattdessen einen englischen Film anschauen, dem man seine Herkunft auch ansieht? Der nicht nur unverkennbar in den weiten Graslandschaften an der Küste von Suffolk spielt, sondern förmlich mehr nach Torf riecht als mancher schottische Whisky? Und in dem der Zahn der Zeit kein Störfaktor sein wird, sondern das eigentliche Thema ist?

Simon Stones Film „Die Ausgrabung“, vom morgigen Freitag an als Premiere beim Streaminganbieter Netflix zu sehen, erzählt die wahre Geschichte eines einzigartigen archäologischen Fundes: Die 1939 in den Hügeln von Sutton Hoo ausgegrabenen Artefakte aus dem 6. und 7. Jahrhundert gelten als bedeutendster in England je gefundener Schatz. Doch anstatt eine aufgeregte Indiana-Jones-Perspektive auf die durchaus aufregende Entdeckungsgeschichte zu werfen, hält es Filmemacher Simon Stone mit einer ebenfalls typisch englischen Haltung – dem Understatement.

Carey Mulligan spielt die kultivierte Landbesitzerin Edith Pretty, die aus einer Intuition heraus einen lokalen Amateur-Archäologen mit Ausgrabungen auf ihrem Grundstück beauftragt. Die historische Figur soll ein Faible für Esoterik gehabt haben, was den Film wohl in eine andere Richtung gelenkt hätte. Das zuständige Heimatmuseum empfiehlt ihr den Privatgelehrten Basil Brown, den sie privat bezahlt. Ralph Fiennes spielt den stoisch Pfeife rauchenden Dörfler so erdig, wie die Landschaft, die ihn umgibt. Wenn die Kamera eine weite Ansicht wählt, verschwindet er förmlich darin.

Die naturgemäß begrenzte Laufzeit eines Kinofilms erspart uns die Anfänge der jahrelangen Unternehmung und seine durchaus vielversprechenden ersten Funde, was die vorsichtige Abtragung des entscheidenden Hügels umso spektakulärer erscheinen lässt: Brown findet den Sandabdruck eines kompletten Schiffsrumpfs, das einen mächtigen Herrscher zu seiner letzten Reise führen sollte – und darunter eine von Räubern verschonte Grabkammer, gefüllt mit einzigartigen Silbergaben.

Erst posthum wurde Browns Leistung als ursprünglicher Finder gewürdigt; denn schon während der Ausgrabungen rissen namhafte Archäologen des britischen Museums die Hoheit der Unternehmung an sich. Britische Filme lassen das dramatische Potential von Klassengegensätzen selten ungenutzt, so ist es auch hier – auch wenn Ralph Fiennes’ Mr. Brown zu nobel ist, sich über die Londoner Schnösel, die ihm die Entdeckung stehlen, aufzuregen. Tatsächlich sollte das Londoner Museum, dem Edith Pretty den Schatz schenkte, seinen Namen bis in die jüngere Zeit verschweigen.

Auch die Geschichte einer großen Ausgrabung verdient mitunter eine Ausgrabung – und es hätte gewiss viele weitere Möglichkeiten gegeben, diese für die Leinwand zu erzählen. Erst vor wenigen Jahren wurden zum Beispiel die kunstvollen Farbfotografien eines Schullehrers entdeckt, die das phantastische Sandschiff und seine abenteuerliche Freilegung durch Hobbyarchäologen und -archäologinnen sowie Profis für die Nachwelt bewahren. All das ist heute Geschichte, denn die Sandskulptur wurde noch in den 70er Jahren zerstört, weil man hoffte, darunter noch mehr Funde zu machen.

Auch das wäre eine interessante Perspektive gewesen, doch Drehbuchautorin Moira Buffini folgt einer anderen, ebenfalls recht späten Quelle. In der Romanvorlage „The Dig“ geht Autor John Preston den Erinnerungen seiner Tante Margaret Piggott nach, die im Film nun eine herausragende Nebenfigur abgibt. Lily James spielt die junge Archäologin, die als erste ein silbernes Schmuckstück in den Händen hält – doch im Liebesleben weniger Finderglück beweist: Ihr frisch angetrauter, älterer Archäologen-Ehemann (Ben Chaplin) hat eine puritanische Abneigung gegenüber aller Sinnlichkeit. Auch dieses Motiv der Lustfeindlichkeit fügt sich ein in die Reihe typisch britischer Attribute, die hier geradezu selbstironisch aufgeboten werden.

Doch was die anekdotischen Nebengeschichten so wortreich ausführen – der Drang nach dem Flüchtigen im Schatten archäologisch bewahrter Ewigkeit – erzählt der Film viel besser mit visuellen Mitteln: Die Landschaftsfotografie (Mike Eley) ist grandios, selten hat man sich so gerne an einem derart unspektakulären Schauplatz umgesehen. Und dabei ein Gefühl bekommen für das besondere Glück archäologischer Feldarbeit.

Roberto Rossellini, der große Pionier des italienischen Neorealismus, hat mit „Reisen in Italien“ das Modell für derart „archäologische“ Liebesgeschichten geliefert. Da spielten Ingrid Bergman und George Sanders ein verkrachtes Paar, das erst in den Ruinen von Pompeji seine Lebensuntüchtigkeit bemerkt. Auch dieser Film ist übrigens eine Ausgrabung wert. „Die Ausgrabung“ ist mit all seinen schrulligen Nebenfiguren ein leichterer Film – und entlässt sein Publikum doch mit einem tiefen Gefühl für die Wertschätzung von Vergangenheit und die Überwindung von Verlust.

Die Ausgrabung. GB 2021. Regie: Simon Stone. 112 Min.

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