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„Das Netz: Spiel am Abgrund“ (ARD) – Menschen, die mit Träumen handeln

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Von: Tilmann P. Gangloff

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von links: Jean Leco (Raymond Thiry), Richard Feldgenbauer (Tom Wlaschiha), Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr), Marcel (Max von der Groeben), Emanuel Kanu (Farba Dieng).
von links: Jean Leco (Raymond Thiry), Richard Feldgenbauer (Tom Wlaschiha), Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr), Marcel (Max von der Groeben), Emanuel Kanu (Farba Dieng). © Das Netz GmbH/Stepahn Rabold

Wenige Wochen vor der WM zeigt ARD eine fesselnde Krimiserie über das Milliardengeschäft Fußball.

Frankfurt – Ähnlich wie die Olympischen Spiele sind Fußballweltmeisterschaften so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Weil die Fußball-WM aber nur alle vier Jahre stattfinden, hat der Präsident des Weltfußballverbands (WFA) eine Idee, wie sich noch einige Milliarden mehr verdienen ließen, und das zudem jedes Jahr: mit einer „World League“. Eine erste vermeintlich geheime Probeabstimmung im WFA-Rat führt zu einer knappen Niederlage, aber selbstredend kennt der mächtige Strippenzieher Mittel und Wege, um die Wankelmütigen von seiner Linie zu überzeugen.

Das Szenario ist fiktiv. Trotzdem sind die Parallelen zur Wirklichkeit nicht zu übersehen; die Weltligapläne erinnern nicht zufällig an die „Super League“, mit der europäische Clubs rund um Real Madrid vor einigen Jahren am Protest der Fans gescheitert sind. Die Frage ist nur: Wie lässt sich rund um diesen Handlungskern eine Serie konzipieren, die acht Folgen lang auf höchstem Niveau fesselt? Die Antwort ist: Liebe. Zentrale Figur von „Spiel am Abgrund“ ist die Berliner Anwältin Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr).

RolleDarsteller:in
Lea BrandstätterBirgit Minichmayr
Jean LecoRaymond Thiry
Marcel ForkMax von der Groeben
Richard FelgenbauerTom Wlaschiha
Emanuel KanuFarba Dieng

Ihr Freund David (Itay Tiran) ist Talentscout und leitet gemeinsam mit seinem Partner (Tom Wlaschiha) einen Nachwuchscampus am Bodensee: Er hält auf den staubigen Bolzplätzen Schwarzafrikas Ausschau nach begabten jungen Kickern, holt sie nach Deutschland und vermittelt sie im besten Fall für viel Geld an große Clubs. Als David beim Treffen mit einem Sportjournalisten in der Alten Försterei, der Heimspielstätte von Union Berlin, vor Leas Augen in seinem Auto verbrennt, geht die Polizei von einem Unfall aus, aber Hooligan Marcel (Max von der Groeben) hat mitbekommen, dass David zuvor von russischen Schlägern überfallen worden ist; Marcels bester Kumpel ist dabei getötet worden.

Krimiserie „Das Netz: Spiel am Abgrund“ lebt von Figuren-Konstellationen

Auf der Figuren-Ebene bezieht die Serie ihren Reiz fortan aus dieser ungewöhnlichen Konstellation: Lea will rausfinden, warum David, der offenbar an einer großen Sache dran war, sterben musste. Marcel, gerade erst aus der Haft entlassen und mehr Muskeln als Hirn, will Rache; also tun sich die beiden zusammen. Lea stößt auf Davids Verbindung zum Weltfußballverband, Marcel erschleicht sich derweil das Vertrauen von Mikhail (Surho Sugaipov), einem Russen, der in einer Industriebrache ein Fitnessstudio betreibt. Hier hat sein Freund gearbeitet, auch die russischen Schläger gehen hier ein und aus. Den Kontrast zwischen dem heruntergekommenen Industriegelände und der glitzernden Welt des Fußballverbands mit seinem Zürcher Hauptquartier und den Luxushotels schöpft die Serie ebenfalls weidlich aus.

Sendezeit „Das Netz: Spiel am Abgrund“ (ARD)

ab 3. November um 20.15 Uhr oder vorab in der ARD-Mediathek

Die Ebene mit Marcel und den Russen hätte sich allerdings auch knapper erzählen lassen, zumal Leas Ermittlungen ungleich komplexer sind. Bei ihren Recherchen wird sie nicht nur von einem Schergen der WFA verfolgt, sie kommt zudem der Europäischen Antikorruptionsbehörde in die Quere, die den Betrügereien des WFA-Bosses Jean Leco endlich ein Ende setzen will.

Der Niederländer Raymond Thiry legt den Funktionär ähnlich stoisch an wie seinen brillanten BKA-Profiler in der kurzlebigen Sat.1-Thrillerreihe „Nemez und Sneijder“. Leco ist die Spinne in jenem Netz, dem die Serie zumindest dem Anschein nach ihren Titel verdankt. Allerdings verblüffen die Drehbücher (Chefautor: Bernd Lange) gerade in den letzten Folgen durch immer wieder neue und völlig unvorhersehbar Wendungen, sodass sich schließlich zeigt: Im Grunde ist auch Leco bloß eine Figur in einem Spiel.

Internationale Schauplätze, mysteriöse Todesfälle: Serie „Das Netz: Spiel ab Abgrund“ auf höchstem Niveau

Die Geschichte ist von imposanter Komplexität, und das gilt nicht nur für die immer größeren Kreise, die Leas Recherche ziehen, als sie entdeckt, dass es unter den afrikanischen Talenten zu mysteriösen Todesfällen gekommen ist; dank der Sendezeit von rund 360 Minuten konnte das Drehbuchteam zudem eine Vielzahl scheinbar nebensächlicher Details in die Handlung integrieren. Handwerklich bewegt sich die Serie ohnehin auf höchstem Niveau, schon allein die Bildgestaltung (Juan Sarmiento G.) mit ihren satten Farben ist preiswürdig (Regie: Rick Ostermann).

Aber trotz all’ des Aufwands mit internationalen Drehorten und mondänen Schauplätzen resultiert die eigentliche Faszination aus der Ambivalenz vieler Figuren. Leco zum Beispiel ist dank Thirys subtilem Spiel gar nicht mal unsympathisch. Das Ensemble ist zudem auch in den Nebenrollen sehr interessant besetzt. Unter dem Sammeltitel „Das Netz“ (Gesamtkonzept: Martin Hartmann, Pinio Bachmann) ist zeitgleich ein weiteres Projekt entstanden: In der österreichischen Serie „Prometheus“ (ab 28. Oktober in der ARD-Mediathek) geht es um eine sehr spezielle Form der Ausbeutung junger Spieler, die beiden Produktionen überschneiden sich inhaltlich. (Tilmann P. Gangloff)

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