Frau Haller, die Intensivmedizinerin (Sonja Baum) und „Dr. Jacoby“.
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Frau Haller, die Intensivmedizinerin (Sonja Baum) und „Dr. Jacoby“.

TV-Kritik

Tatort „Limbus“ aus Münster (ARD): Die Vorhölle ist wie Karnevalsmusik

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Der bezaubernd heruntergekühlter Tatort „Limbus“ aus Münster in der ARD ist noch dazu der Krimi zur abgelaufenen Woche im TV.

  • Der Tatort „Limbus“ aus Münster bezaubert: Als Zuschauer:in will möglichst wenig verpassen.
  • Professor Boerne hat in dem Krimi einen schweren Autounfall
  • Die TV-Kritik zum Film in der ARD.

Sicher sollte der Münster-Tatort (ARD) den dunklen Monat November sinnig garnieren, aber es war nicht abzusehen, dass ausgerechnet in diesen Tagen der politisch interessierte Teil der Bevölkerung dermaßen mit einem Limbus-Gefühl konfrontiert sein würde. Diese Warterei auf ein Entweder-Oder der Sonderklasse, im Leben und im Krimi noch dazu aufgepeppt durch einen unerhörten Kampf gegen das Böse.

Tatort „Limbus“ aus Münster in der ARD lässt fast keinen Spaß aus

Unerhört im Krimi auch buchstäblich, in der ARD, da der einzige, der einigermaßen versteht, was los ist, als geisterhafte Erscheinung praktisch nicht wahrgenommen wird. Er kann – man kennt das aus Literatur und mittelklassigem Kino – das Licht zum Flackern bringen, höchstens. Und wenn es ihm gelingt, eine Botschaft per Mail zu versenden, kommen bei der Adressatin 666 Sex-Mails an.

Aber obwohl auch der Tatort „Limbus“ (ARD) fast keinen Spaß auslässt, finden Autor Magnus Vattrodt und Regisseur Max Zähle im Verein mit Kameramann Frank Küpper einen smarten Weg zwischen Scherzen, dem unvermeidlichen Anteil Sentimentalität und einer bezaubernden Unterkühltheit. Hierzu trägt erheblich Szenenbildnerin Michaela Schumann bei, denn der Limbus selbst, jedenfalls die betreffende Abteilung römisch zwei, ist ein theatralischer Ort, der sich gleichwohl bedeckt hält.

Tatort „Limbus“ im TV aus Münster (ARD): Professor Boerne hat einen schweren Autounfall

Sich bedeckt zu halten, war überhaupt ein kluges Mittel, um Boerne und Thiel, Jan Josef Liefers und Axel Prahl, zur Abwechslung nicht einfach als Clowns-Duo in Szene zu setzen. Der kafka’sche Gehalt läuft lässig mit. Am melancholischsten vielleicht der nun wirklich letzte Auftritt von Nadeshda Krusenstern, Friederike Kempter. Ist Nadeshda Krusenstern nicht tot? In der Tat.

Professor Boerne, der sich für ein Buch über den Tod eine Auszeit nehmen wollte, hat einen schweren Autounfall und findet sich im Limbus wieder. Das ist der Ort, an dem die Toten auf weiteren Bescheid warten, hier aber auch ein Reich zwischen Leben und Tod. Ein zurückhaltender Sachbearbeiter ist für ihn zuständig, der gleichwohl aussieht und redet wie Thiel und gerne Leberwurstbrote isst. Gewohnt entschlossen macht Boerne sich davon, was zwar nur in Grenzen möglich ist – durch konsequentes Weglaufen sowie Glück beim Schnick, Schnack, Schnuck –, aber ausreicht, um ihn als Beobachter seines eigenen Falls in Szene zu setzen.

ARD: Nicht die schiere Komödie, sondern das Detail regiert den Tatort „Limbus“ aus Münster

Thiel und Frau Haller, ChrisTine Urspruch, können nicht glauben, dass es ein normales Unglück war. Dem ARD-Publikum vor den Bildschirmen fällt sofort auf, wie merkwürdig der Mann guckt, der Boerne während seiner Abwesenheit vertreten soll: Dr. Jacoby, ein auffällig großer, freundlicher, ansonsten auffällig unauffälliger Mensch, von Hans Löw mit dem diskreten Charme der diabolischen Missetäter gespielt.

Sendeinformationen

„Tatort: Limbus“, ARD, Sonntag (8.11.2020), 20.15 Uhr.

Mit ihm ist Boerne kurz vor dem Unfall zusammengerempelt, einer von vielen sorgfältig inszenierten Momenten (wie die Schnick, Schnack, Schnuck- oder die Leberwurstbrotszene). Denn nicht die schiere Komödie, sondern das Detail regiert diesen nicht zuletzt geruhsamen Tatorts. Eine spannende Geruhsamkeit, die Ruhe des Todes neben dem Heckmeck des Lebens. Man kommt dem Dr. Jacoby schnell drauf, auch wird man sich darauf verlassen, dass der Professor das schon überleben wird. Aber der Weg dorthin hat Schauwerte. Gute Ideen und gute Dialoge fliegen hin und her.

Beim ARD-Tatort „Limbus“ im TV aus Münster will man möglichst wenig verpassen

Was ist nun eigentlich die Vorhölle? Karnevalsmusik. Eine Leberwurstschnitte. Jede Menge Papierkram. Aber das wird so zart eingeflochten, dass alle Vorhersehbarkeit sich auflöst in eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Mehr noch als lachen will man zuhören und möglichst wenig in der ARD verpassen. (Judith von Sternburg)

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