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„Das Licht, aus dem die Träume sind“ im Kino: Die letzte Vorstellung

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Filmvorführer und der Kinofan: Bhavesh Shrimali und Bhavin Rabari in „Das Licht, aus dem die Träume sind“.
Der Filmvorführer und der Kinofan: Bhavesh Shrimali und Bhavin Rabari in „Das Licht, aus dem die Träume sind“. © dpa

Endlich ein kunstvoller Kinderfilm über das Kino: „Das Licht, aus dem die Träume sind“ von Pan Nalin.

Ein Bad in Zelluloid: Seit der neunjährige Samay, der mit seinen Eltern in einem abgelegenen indischen Dorf lebt, das Kino für sich entdeckt hat, interessiert er sich für wenig anderes. Fast täglich stiehlt er sich in den nächsten Ort, wo er den etwas schrulligen Filmvorführer mit dem leckeren Essen seiner Mutter versorgt. Dafür gibt es einen Logenplatz, das Fenster gleich neben dem Projektorenschacht. Zärtlich streichelt er dann den warmen 35-mm-Projektor – wie zum Dank für das Glück aus Bollywood.

Doch als er am Ende dieser cinephilen Liebesgeschichte ganz in einen Container mit Filmstreifen eintauchen kann, ist das alles andere als das ersehnte Glück. Die Digitalisierung hat schließlich auch die größte aller Filmindustrien erreicht. Und so wird Film wieder zu dem, was man schon mit Beginn der Tonfilmzeit massenhaft aus den nutzlosen Kopien machte: Armreifen und Kämme.

Der Filmemacher Pan Nalin, bekannt vor allem durch seinen Erstling „Samsara“, bleibt während der knapp zwei Stunden Laufzeit ganz bei der Perspektive des Kindes. Der Vorführraum als heimlicher Flucht- und Sehnsuchtsort: was für eine wunderbare Idee für einen Kinderfilm über das Kino.

Nalin brauchte gar nicht zu Beginn die Namen zahlloser verehrter Pioniere von Muybridge bis Tarkowskij aufzuzählen, ihre Sympathien wären ihm ohnehin sicher. Sein Film selbst ist erfrischend frei von Namedropping und ehrfürchtigen Zitaten – abgesehen von der Kunst, jede Einstellung wie ein großes Kinobild zu rahmen und den erhaschten Momenten aus Bollywoodklassikern.

Wie sehr hätte man sich selbst als Kind so einen Film über das Geheimnis der bewegten Bilder gewünscht. Selbst als Bilderbuch würde man diese Entdeckungsreise gern verschenken, wenn es das denn gäbe: Wie es sich gehört, atmet jedes Bild die warmen Farben analoger Filmkopien.

Die prächtigste Sequenz aber ist zugleich die traurigste. Nach einem verzweifelten Anruf des Vorführers macht sich das Kind überhastet auf den Weg in den Nachbarort. Da keine Züge mehr fahren, macht er etwas sehr Filmisches, er organisiert sich mit Freunden eine Draisine. Als er das Kino mit dem schönen Namen „Galaxy“ erreicht, wird der Projektor gerade vom Schrotthändler herausgetragen. Ebenso wie die verbliebenen Filmkopien.

Auf einer fast surrealen Spurensuche verfolgt das Kind den entführten Traumstoff. Er kommt an eine kleine Fabrik, die an eine der vielen Färbereien erinnert, die es überall in Indien gibt. Doch in den Bädern wird Filmmaterial eingeschmolzen, und nebenan fertigen Arbeiterinnen bunte Armreifen daraus.

„Last Film Show“ heißt der Film im Original, vielleicht erinnerte das den deutschen Verleih zu sehr an Peter Bogdanovichs melancholischen New-Hollywood-Film „Die letzte Vorstellung“. So wurde „Das Licht, aus dem die Träume sind“ daraus, was den Film in die Richtung einer Art von Kinokitsch rückt, vor der sich wahre Cinephile natürlich sehr in Acht nehmen.

Das hat Pan Nalins Film kein bisschen nötig, der zwar sehr ans Herz geht und das Sentimentale streift, aber dabei nie Form und Geschmackssicherheit verliert. Auch begnügt er sich keineswegs mit einer kindgerechten Einführung in Filmtechnik und Bollywoodchoreographien (diese auch nur in Form von direkten Filmeindrücken). Der Medienwandel ist auch eine Metapher für den Umbau der indischen Gesellschaft: Der Filmvorführer wird entlassen, weil er kein Englisch kann, wie es zum Bedienen des digitalen Servers nötig sei. Der Bildungsauftrag trifft nicht auf taube Ohren: Das Kind, das gerade noch die Schule geschwänzt hat, um aus stibitzten Filmschnipseln seine eigenen Filme zusammenzukleben, begreift, dass es studieren muss, um sich seinen Traum vom Filmemachen zu erfüllen.

Pan Nalin hat den Film im Bundestaat Gujarat angesiedelt, in dem er selbst aufgewachsen ist. Die autobiografische Perspektive ist die beste Versicherung gegen eine Verklärung des Elends. Deutlich inspiriert von Sergio Leone und Terrence Malick rückt Nalin seine sommerlichen Landschaften in ein Metareich zwischen Realität und Traum, eine Kinowelt eben. Für den Jungen, der von seinem Vater nur einmal für einen religiösen Film ins Kino ausgeführt wird, bleibt die Leinwandversion davon noch zu entdecken. Bhavin Rabari, sein Nachwuchsdarsteller, besitzt selbst genug Kinocharisma, um die einfache lineare Erzählung stets lebendig zu halten.

„Filme werden gemacht, um Menschen zu täuschen“, belehrt der einsilbige Filmvorführer einmal den kleinen Kinofan. Doch die Geheimnisse der Täuschung sind ja genau das, was uns zuallererst für diese Kunstform einnimmt. Wie der Schallplattenspieler ist auch der Filmprojektor eine Erfindung von bezwingender Einfachheit, und man kann sich ein Leben lang dafür begeistern. Weit schwerer, einem Kind zu erklären, wo die digitalen Streams herkommen ...

Das Licht, aus dem die Träume sind. Indien 2020. Regie: Pan Nalin. 110 Min.

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