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Frances McDormand in the film NOMADLAND.

Filmfestspiele Venedig

Das Kino als Mittel der Politik

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Amerikanischer Realismus beim Filmfestival Venedig: „Nomadland“ mit Frances McDormand, Frederick Wisemans „City Hall“ – und ein verschollener Schatz von Orson Welles.

Keiner der großen amerikanischen Filmemacher kämpfte verzweifelter um seine Projekte als Orson Welles. Das hat der Filmwelt einen einzigartigen Nachlass unvollendeter Filme hinterlassen. Nachdem vor zwei Jahren endlich sein letzter großer Spielfilm „The Other Side of the Wind“ fertiggestellt wurde – dem finanzkräftigen Streamingportal Netflix sei Dank -, überrascht das Filmfestival Venedig nun mit einem sensationellen Fund.

Unter dem Titel „Hopper/Welles“ präsentiert es eine Arbeit, die selbst den meisten Welles-Experten unbekannt gewesen dürfte. Am Rande der Dreharbeiten von „The Other Side of the Wind“ hatte der Filmemacher seinen jungen Kollegen Dennis Hopper für eine Drehnacht einfliegen lassen. Einziges Thema der zwei Stunden und elf Minuten stimmungsvoller Schwarzweißaufnahmen ist der Gedankenaustausch zweier Filmkünstler bei einem Abendessen mit reichlich Gin-Tonic. Für Filmfans ist es, als sei ein Gedankenexperiment Wirklichkeit geworden: Was hätten sich wohl diese beiden Mavericks zu sagen, die zu unterschiedlichen Zeiten Hollywood mit ihren Debütfilmen nachhaltig verändern konnten; Welles 1940 mit „Citizen Kane“, Hopper 1969 mit „Easy Rider“, einem Wegbereiter des „New Hollywood“. Und die doch beide – Hopper stand diese Erfahrung noch bevor – rasch die Gunst der Filmindustrie verloren; zu diesem Treffen kam Hopper geradewegs vom Schnitt seines experimentellen Hippie-Western über das Filmemachen, „The Last Movie“.

Dennis Hopper in „Hopper/Welles“.

Aber es ist nicht einfach ein gewöhnliches Interview. Welles plante Hoppers Antworten auf seine bohrenden Fragen über die die Utopie persönlichen Filmemachens in „The Other Side of the Wind“ einzuschneiden. Daher lässt er sich von Hopper mit dem Rollennamen seines Alter Egos in diesem Film anreden, dem alternden Hollywoodregisseur Jake Hannaford – und gibt dabei das aufschlussreichste Selbstbild seiner Karriere. Im Gespräch mit dem bescheidenen und überaus respektvollen Hopper belehrt er ihn immer wieder über die Geheimnisse des Filmemachens – und erklärt unfreiwillig, was ihn inzwischen selbst von der zeitgenössischen Popkultur trennt.

Antonioni findet er langweilig, von Bob Dylan hat er nie gehört (Hopper: „Er ist ein Sänger.“). Auch dem von Hopper geliebten Alain-Resnais-Film „Letztes Jahr in Marienbad“ kann Welles wenig abgewinnen. Bei all diesen Kunstfilmen fehlt ihm einfach der „Saft“. Was er hingegen von der filmenden Jugend fordert, ist eine echte Revolution. Vergeblich drängt er Hopper, der damals vom FBI beobachtet wurde, auf die Barrikaden. Der aber sieht sich im Besitz einer anderen gesellschaftsverändernden Waffe, an deren Kraft Welles schon lange nicht mehr glauben kann. Es ist das Kino.

Tatsächlich hat ein politischer Dokumentarfilm, Gianfranco Rosis Reise an die syrischen Außengrenzen „Notturno“, die besten Chancen diesen Wettbewerb zu gewinnen; am heutigen Samstag endet mit der Preisverleihung das 77. Filmfestival Venedig. Rosis in Nuancen inszenierte Wirklichkeit wird oft mit dem italienischen Neorealismus verglichen, tatsächlich geht sein Stil noch weiter zurück in eine Epoche der Filmgeschichte, als die Trennung zwischen Dokument und Fiktion noch nicht so klar vollzogen war, zu den Stummfilmen von Robert Flaherty und Joris Ivens.

Dagegen bezeugt der amerikanische Wettbewerbsbeitrag „Nomadland“ durchaus die Aktualität der so einflussreichen Filmsprache der Straßenfilme von Vittorio De Sica oder Roberto Rossellni. Es ist die Verfilmung eines Sachbuchbestsellers – Jessica Bruders Reportage über die neue amerikanische, aus Armut geborene Camperkultur mit den Mitteln eines Spielfilms. Bruder verwendete eine Art Günter-Wallraff-Methode und mischte sich selbst im Wohnmobil unter die zu Nomaden gewordenen Wirtschaftsverlierer. Viele der Geschichten dieser Menschen, die sich nicht obdachlos, „homeless“, sondern lediglich „hauslos“ nennen, hört man nun aus erster Hand; die chinesisch-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao lässt diese oft im späten Lebensalter Entwurzelten sich selber spielen. Allein Hauptdarstellerin Frances McDormand, die den Film auch produzierte, verwandelt sich mit den Mitteln professioneller Schauspielkunst in die ehemalige Fabrikarbeiterin Fern.

Nur wenige Monate, nachdem ihre Arbeitsstätte im ländlichen Nevada dicht gemacht hat, ist auch die Postleitzahl des kleinen Ortes gelöscht. Amerika bewegt sich, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, in eine zweite Großen Depression. Wanderarbeiter, wie sie John Steinbeck in „Früchte des Zorns“ beschrieb, campieren heute vor Amazons Versandzentren – einem Schauplatz von „Nomadland“. Die dokumentarischen Elemente, die erlebten Geschichten und die Landschaften des Mittleren Westens, sind zum Teil von großer Wirkungsmacht. Eine Sterbenskranke Nomadin etwa schwärmt von den Glücksmomenten ihres erfüllten Lebens – und meint damit die Sichtung einer Elchfamilie oder eines Schwalbenschwarms. Doch wenn McDormands Filmfigur dann selbst zu den Schwalben reist, wird daraus nur die Illustration von Wirklichkeit.

Frederick Wisemans „City Hall“.

Dokument und Inszenierung finden nicht wirklich zusammen. McDormand wirkt eher wie eine einfühlsame Interviewerin, eine Art sensiblere Ausgabe von Michael Moore, als eine Gleichgestellte. Das ständige Schwenken zum mitfühlenden Filmstar in Mitten des Elends erinnert manchmal an Unicefs Werbespots mit Prominenten in Krisengebieten dreht. Einmal singt einer der Nomaden einen Folksong, den man gern gehört hätte, aber die Regisseurin legt nach ein paar Takten lieber ein schmalziges Klavierstück des Filmkomponisten Ludovico Einaudi darüber.

Makellos dagegen das neue Amerika-Panorama von Dokumentarfilm-Altmeister Frederick Wiseman. Seine viereinhalbstündige Innenansicht in die Arbeit der Bostoner Stadtverwaltung, „City Hall“, zeigt funktionierende demokratische Strukturen, in denen – wie der 90-Jährige in einer Videobotschaft bekräftigte – kein Platz wäre für Donald Trump. Ob deutsche Rathäuser wohl die Transparenz erlaubten, die Wisemans multiperspektivische, ja skulpturale Darstellungen öffentlicher Institutionen erst möglich macht? Es ist eine Feier basisdemokratischer Prozesse, die unter Idealbedingungen wie die Teile eines Uhrwerks ineinander greifen könnten. Wenigstens die Montage lässt uns diese Utopie erleben, keine Sekunde der langen Laufzeit ist verschenkt.

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