„Big Mouth“ ist eklig und ehrlich. Denn es geht um die schrecklichste Zeit des Lebens: Die Pubertät.
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„Big Mouth“ ist eklig und ehrlich. Denn es geht um die schrecklichste Zeit des Lebens: Die Pubertät.

„Nächste Folge“

Das Hormonmonster an ihrer Seite

  • Sonja Thomaser
    vonSonja Thomaser
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„Big Mouth“, eine politische korrekte Serie, die auch mutig ist.

Was soll ich bloß anschauen? Was lohnt sich? In der Welt des Streaming den Überblick zu behalten, ist nicht ganz leicht. Wo sind die Perlen? Etwas Besonderes, das nicht jeden Tag wieder vom Algorithmus großformatig, laut und unübersehbar auf den Bildschirm gespielt wird (nein, Netflix, ich möchte „Emily in Paris“ wirklich nicht sehen, das könnte dir inzwischen klar sein).

Mit den Worten „Weg vom Streaming-Chaos“ behauptet ein neu auf dem Zeitschriftenmarkt erschienenes Streaming-Magazin Abhilfe schaffen zu können – und verweist auf die 152 „wichtigsten“ Serien. Danke für nichts.

Konservativ gedacht, kann man sich auch von der Emmy-Verleihung inspirieren lassen. Allerdings bringt die Auswahl der Sieger nicht allzu viele Empfehlungen mit sich: So hat „Schitt’s Creek“ zum Beispiel in diesem Jahr jede Kategorie im Bereich Comedy gewonnen. Und später, nachdem „and the winner is … ,Watchmen‘!“ das elfte Mal ertönt war, fragte man sich, was für eine absurde Veranstaltung man da eigentlich ansieht. Wir haben es ja verstanden, das sind zwei sehr gute Serien.

Aber manchmal, wenn man abwartet, zwanzig Mal denselben Gewinner gesehen hat, findet man doch eine Serie, die tatsächlich etwas Besonderes ist: Der Emmy für „Outstanding Character Voice-Over Performance“ ging in diesem Jahr an Maya Rudolph für ihre Synchronisation der „Hormone Monstress“, „Hormonmonsterin“ Connie in der Netflix-Zeichentrick-Serie „Big Mouth“.

„Big Mouth“ ist eklig und ehrlich. Denn es geht um die schrecklichste Zeit des Lebens: Die Pubertät. Die Netflix-Serie ist ein Beweis gegen das zweifelhafte Argument, dass die politische Korrektheit es Comedy unmöglich gemacht habe, mutig, aneckend und ausgefallen zu sein.

Als Thema für eine animierte Sitcom stellt das Sexualleben von 13-Jährigen ein ethisches, politisches und kulturelles Minenfeld dar – eines, dem sich „Big Mouth“ dem ersten Eindruck nach kopflos nähert. Aber die absurde Manie der Serie hat Methode und Sinn: Die Serie behandelt Themen wie Masturbation von Frauen, „Schlampenscham“, Männlichkeit, Biphobie, Social-Media-Sucht und Homosexualität mit einer so ermutigenden Offenheit, dass die verdorbene Sprache und die schmutzigen Witze ihr nur mehr Natürlichkeit verleihen.

Besonders bemerkenswert ist, wie die Serie mit den Körpern und dem Verlangen junger Frauen umgeht. Das überbordende Masturbationsverlangen männlicher Teenager für Lacher zu verwenden, ist nichts Neues. Aber die Serie geht neue Wege in ihrer Bereitschaft, Witze über die Periode, weibliche Lust und die Vagina zu machen, die die Themen und die daraus resultierenden Probleme nicht ins Lächerliche ziehen, sondern zugänglich machen – beispielsweise durch eine geschwätzige Vagina oder wiederkehrende sexuelle Fantasien von Nathan Fillion und einem sexy Pferd namens Gustavo.

Die Pubertät selbst wird in „Big Mouth“ durch Hormonmonster und -monsterinnen personifiziert, was der Serie einen grandiosen Charme verleiht. Sobald die Hormonumstellung beginnt, bekommen die Teenager ein Monster zugeteilt, die sie dann fortan begleiten, aber von niemand anderem gesehen werden können. Der ewig lüsterne Maury folgt dem sensiblen Andrew, während er sich einen Weg durch seine neuen Triebe bahnt. Die selbstbewusste Monstress Connie will Jessi dazu bringen, sich Stimmungsschwankungen hinzugeben.

Unter den vielen Peniswitzen und dem wirklich derben Humor hat „Big Mouth“ ein enorm sympathisches Herz. Die Show erreicht eine neue, tiefere Ebene der Comedy, indem sie sich bei allen schmutzigen Witzen der Tatsache bewusst bleibt, dass es in der Pubertät nicht nur darum geht, dass der Körper sich verändert, sondern auch darum, was es bedeutet, überhaupt erwachsen zu werden.

„Big Mouth“, bisher drei Staffeln, auf Netflix.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick.

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