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Samuel L. Jackson am Set von „Amend - The Fight for America“.
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Samuel L. Jackson am Set von „Amend - The Fight for America“.

„Amend - The Fight for America“ auf Netflix

Das Herzstück Amerikas

  • Monika Gemmer
    VonMonika Gemmer
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„Amend - The Fight for America“ erzählt vom Kampf um Gleichbehandlung. Die Serienkolumne „Nächste Folge“.

Der Busboykott von Rosa Parks in Montgomery, der Marsch auf Washington D.C., die Rede Martin Luther Kings am Lincoln Memorial – Wegmarken des Kampfes gegen Rassismus in den USA sind vielfach gezeigt. Die Netflix-Dokumentation „Amend – The Fight for America“ beleuchtet nun einen weniger spektakulären, aber entscheidenden Schauplatz im Ringen um Privilegien und Gleichbehandlung: den Saal des Supreme Court, des Obersten Bundesgerichtshofs der Vereinigten Staaten.

Die Hauptrolle in der von Robe Imbriano produzierten Mini-Serie ist einem vergilbten Stück Papier zugedacht. Es enthält den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Sinngemäß: Alle Menschen, die in den USA geboren oder eingebürgert sind, haben als „citizens“, als amerikanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die gleichen Rechte und den gleichen Anspruch auf Schutz durch die Gesetze. Was selbstverständlich klingt, ist bahnbrechend: Mit dem 1868 ratifizierten Artikel können sich Angehörige der Schwarzen Bevölkerung, deren Rechte durch rassistische Gesetze wie die „Black Codes“ gezielt eingeschränkt wurden, erstmals gerichtlich dagegen zur Wehr setzen. Das 14. Amendment wird die US-amerikanische Gesellschaft nachhaltig verändern. Doch es braucht gut 150 Jahre und viele mutige Streiterinnen und Streiter, um diesen Verfassungszusatz zu erkämpfen, zu verteidigen und seine Einhaltung juristisch zu erzwingen: Reichlich Stoff für sechs Folgen.

Alles beginnt mit Frederick Douglass, der im Mittelpunkt der ersten Folge steht. Nach seiner Flucht 1838 widmet der ehemalige Sklave sein Leben dem Kampf gegen das System der Ausbeutung Schwarzer in den Südstaaten. Er schreibt seine Biografie, tritt öffentlich auf, hält Reden im In- und Ausland. Die liberalen Weißen im Norden, die ihn zum Zeichen ihrer Toleranz 1852 als Redner zum Unabhängigkeitstag einladen – Douglass schont auch sie nicht. Es ist eines der vielen Ereignisse, die durch die Erzählweise der Serie enorm an Eindringlichkeit gewinnen.

Einfallslose Regisseure hätten zu Elementen des Doku-Dramas mit gespielten Szenen gegriffen. Reinaldo Marcus Green und Kenny Leon versammeln für „Amend“ tatsächlich eine Phalanx namhafter Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter Samuel L. Jackson, Laverne Cox, Graham Greene, Tig Notaro, Randall Park, Aja Naomi King, Joseph Gordon-Levitt, Hannah Gadsby – doch sie lassen sie nicht spielen, sie lassen sie rezitieren. Wenn etwa Mahershala Ali aus der berühmten Rede Douglass’ zitiert, ist der Oscar-Preisträger und Golden-Globe-Gewinner („Moon- light“, „Green Book“) zwar präsent, überlässt die Bühne aber zweifellos der historischen Figur. Die zeitgenössischen Fotografien, die das zunehmende Entsetzen in den Gesichtern des Publikums zeigen, während der glänzende Rhetoriker Douglass ihnen die Heuchelei der Gründerväter um die Ohren haut, entfalten eine größere Wirkung, als jede Spielszene es könnte.

Slaughterhouse Cases 1883, US vs Cruikshank 1876, Civil Rights Cases: Die Folge „Widerstand“ reiht Urteile des Supreme Court aus der Zeit nach der Reconstruction aneinander, die das Gezerre beider Seiten um die Auslegung des 14. Amendments widerspiegeln. Auf dem Rücken der Schwarzen tragen Bundesstaaten Machtkämpfe mit der Bundesregierung aus, und mehr als einmal übernimmt das rein weiß besetzte Oberste Gericht dabei eine unrühmliche Rolle. Wie stark die Zäsur durch die Berufung der linksliberalen Richterin Ruth Bader Ginsberg sehr viel später sein wird, wird im Rückblick noch deutlicher – und auch, wie alt die Forderung nach dem „Now!“ bereits ist, die 2020 auf den Transparenten der Black-Lives-Matter-Bewegung erneut erhoben wird.

Es sind Menschen, die Urteile sprechen, und Menschen, die sie erzwingen. Die Serie zeigt sie, lässt sie zu Wort kommen, erzählt ihre persönlichen Geschichten – und wirkt so an keiner Stelle wie ein trockenes Rechtsgeschichte-Seminar. Das gilt auch für die letzten drei Folgen, in denen sich die Ziele der Klägerinnen und Kläger weiten. Zur Zeit seiner Entstehung zielte der 14. Verfassungszusatz auf ein Ende der Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe – allerdings ohne das explizit zu erwähnen. Und so können sich 100 Jahre später zunächst auch Feministinnen, später LGBTQ+ und Zuwanderinnen und Zuwanderer darauf berufen – oft mit Erfolg.

Für Schauspieler Will Smith, der die Serie moderiert, ist Artikel 14 „das Herzstück von allem, wofür Amerika steht“. Das mag sich nach dem unvermeidlichen Pathos anhören, mit dem US-Amerikaner gerne auf ihr Land blicken. Doch wer all die Frauen und Männer kennengelernt hat, die hartnäckig und oft unter großem persönlichen Risiko dafür gestritten haben, dass Gleichbehandlung in den USA nicht nur auf dem Papier steht, wird zugeben müssen: Ein wenig Pathos ist durchaus angebracht. Und: Spätestens in Folge 5 bekommen nur Empathiebefreite keine feuchten Augen.

„Amend – The Fight for America“, Doku-Mini-Serie, auf Netflix.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick. Mehr auf fr.de/naechste-folge.

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