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Jan-Eje Ferling in einer Szene des Films „Über die Unendlichkeit“ .

Kino

Das ewige Warten

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der schwedische Kunstfilmer Roy Andersson hat mit „Über die Unendlichkeit“ seinen schwärzesten Film über die Mühen der menschlichen Existenz gedreht.

Wenn ein gepeinigter Zeitgenosse ein Holzkreuz eine steile Stockholmer Straße heraufschleppt, angetrieben von Peitschenhieben und beäugt von neugierigen Passanten, dann ist man in der Welt von Roy Andersson. Die Grenzen zwischen Alptraum und alltäglichem Pessimismus sind wie immer fließend im Werk des 77-jährigen schwedischen Filmkünstlers, der leuchtende Farben scheut wie der Teufel das Weihwasser. Wie in seinen früheren Filmen eröffnen sich gleichermaßen prächtige wie düstere Tableaus im Minutenabstand, feierlich und mit angemessener Monotonie, so man früher im Familienkreis gemeinsam Bilderalben durchblätterte. Wie in seinen früheren Filmen erzählen sich einige dieser kurzen Bildgeschichten in Fortsetzungen, andere bleiben Einzelstücke.

Dem modernen Jesus begegnet man noch einige Male wieder. Als Pastor, der vom Glauben abgefallen ist, wird er durch die Passionsgeschichte mit sich selbst in der Hauptrolle um den Schlaf gebracht. Ein späterer Besuch beim Psychologen erweist sich als wenig hilfreich, offensichtlich wird das Wort Seelenheil doch in Kirche und Medizin recht unterschiedlich verstanden.

Zufällig ein Sonnenstrahl

„Über die Unendlichkeit“ hat Andersson sein neuestes filmisches Bilderbuch genannt, aber wahrscheinlich hätte schon jeder frühere Spielfilm des 76-Jährigen diesen Titel tragen können. Das Leben ist ein langes Sterben in seinen tiefschwarzen Tableaus, die er vorzugsweise im eigenen Heimstudio realisiert, damit sich auch nicht zufällig ein Sonnenstrahl hinein verirrt. Diesmal hat ihn unter anderem die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen dabei unterstützt; er dankt es mit einem leichten Deutschlandbezug: Einmal schwebt über einem liebevoll gebastelten Modell des kriegszerstörten Köln ein Chagall’sches Liebespaar hinauf in den wolkigen Himmel.

„Sie schwebten über eine zerstörte Stadt, die für ihre Schönheit bekannt gewesen war und nun in Trümmern lag“, erklärt dazu eine weibliche Stimme dazu in entrücktem Tonfall. Viele der Szenen werden diesmal durch kurze Kommentare in eine imaginierte Vergangenheit gerückt, was ihr Pathos noch einmal unterstreicht. Wenn Andersons Szenen an altmodische Lithographien in schweren Folianten erinnern, so kommen sie diesmal auch ab und zu mit Bildunterschriften daher – in angemessener Uneindeutigkeit.

Anderssons Kino beerbt die großen Karikaturisten der Vergangenheit, der pechschwarze Alltagssurrealismus eines Walter Hanel fällt einem dazu ein. In Zeitungen war die satirische Perspektive auf die Gegenwart einmal eine Alltäglichkeit, heute gehört sie selbst in jene schon ein gutes Stück entrückte Vergangenheit, in der Anderssons Filme spielen. Die meisten anderen Filmemacher würden wohl derart aufwändige Szenerien wie die Ansicht der zerstörten Rheinmetropole mit digitalen Animationstechniken simulieren. In Anderssons Ästhetik hat das Handwerk des Modellbaus dagegen noch goldenen Boden.

Das gewaltige Miniaturset hat die Dreharbeiten überdauert und wurde unlängst in das Kölner Stadtmuseum verschifft, wo man es leider nicht schaffte, die Einzelteile pünktlich zum Filmstart wieder zusammen zu setzen. Auch darin steckt vielleicht ein wenig vom oft unvollendeten Bemühen Andersson’scher Filmfiguren und ihrem passionierten Sisyphos-Dasein. Erst im November wird es im Rahmen der Ausstellung „Köln 1945 – Alltag in Trümmern“ seinen großen Auftritt haben, darauf kann man sich schon freuen.

Im Stil der Historienmalerei

Wem dieses Bild noch zu aufbauend ist: Selten ging es bei Anderssons so düster zu wie dieses Mal. Das unbestimmte Warten ist das zentrale Handlungsmotiv der Figuren. Wenig Aussichtsreiches steht ihnen bevor. Einmal wird ein Todeskandidat an einen Pfahl gebunden, der Sarg steht schon daneben, doch dann lassen ihn seine Henker das Opfer einfach stehen. Häufiger als in früheren Andersson-Filmen bleibt einem das Lachen diesmal im Halse stecken. Wenn der krisengeschüttelte Protagonist seiner Ehefrau in der Öffentlichkeit eine Szene macht, orchestriert Andersson die Stimmung mit der Kulisse eines imposanten Fischmarkts mit zahlreichen Statisten. Es ist dieser Überschuss an Opulenz, der seinen Szenerien eine imposante Wucht verleiht – aber eben auch eine eigene Ironie subtiler Überzeichnung.

Eine der wenigen grelleren Szenen führt zu Hitler in den Führerbunker. Der Putz rieselt von der Decke, und als einer seiner Adjutanten den Diktator unvermittelt mit einem „Sieg Heil!“ aufheitern möchte, verzieht der Angesprochene keine Miene, was der Szene auch schon ihre heruntergespielte Pointe gibt. Die aufwändigste Aufnahme zeigt den gewaltigen Marsch von Kriegsgefangenen in ein Lager in Sibirien, aufgenommen im Stil vergangener Historienmalerei. Welche Funktion hat eine solche Szene ohne ironische Brechung in diesem Zusammenhang? Wie einen tiefen Mollakkord schneidet Andersson diese metaphorischen Bilder der großen menschlichen Tragödien in die Miniaturen der kleinen Verzweiflung.

Über die Unendlichkeit. Schweden 2019. Regie: Roy Andersson. 76 Min.

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