1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Wo Chaplin beinahe auf Hitler traf

Erstellt:

Von: Harald Keller

Kommentare

Familie Dreesen: Fritz (Benjamin Sadler, hinten, l-r), Maria (Katharina Schüttler), Emil (Jonathan Berlin), Ulla (Pauline Renevier) und Großmutter Adelheid (Nicole Heesters, vorn) stehen für das Familienepos „Das weiße Haus am Rhein“ zusammen.
Familie Dreesen spielt in dem ARD-Epos „Das weiße Haus am Rhein“ eine zentrale Rolle. © Krzysztof Wiktor/dpa/ARD Degeto/SWR/WDR/Zeitsprung Film

Die wechselvolle Geschichte des realen Rheinhotels Dreesen liefert den Hintergrund für einen aufwändigen historischen Zweiteiler in der ARD.

Frankfurt – Zufälle und günstige Umstände haben das Bad Godesberger Rheinhotel Dreesen zu einem Brennpunkt der Geschichte werden lassen. Und das gleich mehrfach. 1894 eröffnet, sah es als Gäste Kaiser Wilhelm II. und deutsche und internationale Künstlerprominenz, darunter Marlene Dietrich und Hans Albers. Es beherbergte Adolf Hitler, der hier mit Neville Chamberlain über das Münchner Abkommen verhandelte. Es wurde zur braunen Bastion, KZ-Außen- und nach Kriegsende Flüchtlingslager.

Dwight Eisenhower bezog hier Quartier, später wurde das Hotel für den französischen Hochkommissar zum Bürogebäude umgebaut und wandelte sich nach dessen Abzug, nun wieder ein Gastronomiebetrieb, zum Treffpunkt der Bonner Politik- und Wirtschaftselite sowie internationaler Diplomaten.

„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Kriegsschuld und Friedenslast

Ein Haus, eine reichhaltige Quelle von wahren und überlieferten Geschichten. Ein Konsortium aus SWR, WDR, ARD Degeto, Beta Film hat sich daran begeben, einen Teil dieses mythologischen Schatzes zu heben. Der Zweiteiler „Das weiße Haus am Rhein“, laut Einblendung „inspiriert von wahren Begebenheiten“, setzt Ende des Ersten Weltkriegs ein. Der Hotelierssohn Emil Dreesen (Jonathan Berlin) und sein Kamerad Robert Harthaler (Jesse Albert) stolpern zurück in die Heimat, traumatisiert nicht allein vom Kriegsgeschehen, sondern auch geprägt von einem Vorfall, der den ehemaligen Fähnrich Emil Dreesen bis in seine Träume verfolgt, ihn zum Ziel eines Erpressers werden lässt und später, mit Aufstieg und Machtübernahme der Nationalsozialisten, ständiger Todesgefahr aussetzt.

Recht schnell engagiert sich Emil für den Fortbestand des Hotels, das vom französischen Militär besetzt wurde. Die Inhaberfamilie, Bedienstete, Gäste sollen weichen. Emil handelt, gegen den Willen seines deutschnationalen Vaters Fritz (Benjamin Sadler), eine Kompromisslösung aus. Er bringt, wie seine den Idealen der Lebensreformbewegung zuneigende, modern eingestellte Schwester Ulla (Pauline Rénevier), neue Ideen in den Betrieb. Er entlässt die schief spielende Kurkapelle, zeigt Charlie-Chaplin-Filme, engagiert eine französische Cabaret-Truppe, die mit einer frivolen Revue bei den Godesberger Bürgern, nicht zuletzt bei Emils reaktionärer Mutter Maria (Katharina Schüttler) Anstoß erregt.

So treffen unterschiedliche Milieus und Weltanschauungen aufeinander. Ulla hat im Sommerhaus am Rheinufer eine prä-hippieske Kommune von vegan lebenden, nackt badenden Lebensreformern untergebracht. Mit französischen Soldaten senegalesischer Herkunft gelangt der Jazz nach Godesberg. Emil, der Klarinette spielt, wird ein gelehriger Schüler. Derweil unterstützt sein Vater deutschnationale, demokratiefeindliche Kräfte und gewährt einem mittellosen, laut Gästebucheintrag „staatenlosen Schriftsteller“ großzügig Unterkunft. Sein Name: Adolf Hitler.

„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Kaleidoskop der Zwischenkriegszeit

Der Drehbuchautor Dirk Kämper wob aus historischen Fakten und eigenen Einfällen eine ungemein dichte Handlung. Sie umfasst die Zeit vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum sogenannten Röhm-Putsch, einer blutigen Säuberungsaktion innerhalb der NSDAP. Kämper konzentriert eine Fülle zeitgeschichtlicher Ereignisse und gesellschaftlicher Entwicklungen auf diesen einen Ort, das Grand Hotel Dreesen am Rheinufer, mit Sicht auf Drachenfels und Petersberg.

Dramaturgisch ergibt sich aus diesem Ansatz weniger eine epische denn episodische Struktur. Da bittet der durchreisende Charlie Chaplin (Stephen Multari) um ein Zimmer, hat dort die Idee zu den tanzenden Brötchen, die er im Film „Goldrausch“ umsetzen wird, während gleichzeitig direkt im Zimmer nebenan Adolf Hitler (Max Gertsch) eine seiner aufpeitschenden Reden probt. Ein gewisser Konrad Adenauer tritt kurz ins Bild. Reichspräsident Ebert findet Erwähnung. Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ gerät zitatgleich kurz in den Blick.

Wo läuft der Zweiteiler?

„Das weiße Haus am Rhein“, Montag, 3. Oktober, ab 20.15 Uhr, Das Erste, und in der ARD-Mediathek.

In schneller Folge werden Jazz, Kintopp, Freikörperkultur abgehandelt, wird flugs noch der Anschlagsplan einer Separatistenbewegung vereitelt. Die Hausangestellte Elsa Wahlen (Henriette Confurius) engagiert sich in der kommunistischen Bewegung bis hin zur Gewaltanwendung, das von Robert wiederholt vergewaltigte Dienstmädchen Hilde (Edda Lina Janz) tritt als begeisterte Nationalsozialistin hervor.

ARD-Zweiteiler bietet Motive im Überfluss

Männliche Homosexualität findet Eingang nicht nur, aber hervorgehoben als Missbrauch minderjähriger Hitlerjungen. Der niederträchtige Erpresser, der Emil wiederholt zu schaffen macht, sieht aus wie der öligste aller Stummfilmschurken und trägt den slawischen Namen Rudolf Kossiczek (Hendrik Heutmann). Das erinnert ungut an die Mehrteiler Herbert Reineckers aus den Sechzigern, in denen der frühere Nationalsozialist gern verdächtige Figuren mit Namen wie Marek, Korska, Wasneck oder Lassowski auftreten ließ.

Nicht nur einmal greift Dirk Kämper zu einem simplen dramaturgischen Kniff. Wenn Emil in tödliche Bedrängnis gerät, erscheint wie aus dem Nichts der Fischer Karl Zerbes (Paul Faßnacht), ein bodenständiger, redlicher Kerl, als Figur wohl nur geschaffen, um verzwickte Notlagen im Handumdrehen auflösen zu können.

Es wird viel Inhalt geboten, gedrängt, auf engem Umfeld. Die Fülle lässt keinen Spielraum, um vollblütige Charaktere zu entwickeln. Viele Figuren kommen über das Stereotyp nicht hinaus. Die Schauspieler bemühen sich, leider ist das nicht zu übersehen. Regisseur Thorsten M. Schmidt und Kameramann Felix Cramer schaffen, ob gewollt oder nicht, eine eher künstliche Atmosphäre. Eine Ursache: Die Lichtsetzung folgt, besonders auffällig in den nächtlichen Szenen, nicht den im Bild sichtbaren Lichtquellen.

Film wirkt deutlich überladen

Trotz der 180 Minuten Laufzeit wirkt der Zweiteiler deutlich überladen. Autor und Regie führen mit Hast durch ihre Geschichte, nehmen sich nicht die Zeit für Präzisierungen, für Psychologie, Motivation, belassen es oft bei den Symptomen der jeweiligen gesellschaftlichen Umstände. Auch nicht für differenziertere Kritik an der Wendigkeit, mit der sich die filmischen Dreesens mit den jeweiligen Machthabern arrangieren. Schnelligkeit im Erzählen, in der Rezeption oft abstrakt als positives Kriterium verklärt, steht eben nicht automatisch auch für inhaltliche Qualität.

Das Erste zeigt um 23.35 Uhr im Anschluss an die fiktionale Produktion die Dokumentation „Rheinhotel Dreesen – Das Weiße Haus am Rhein“, eine empfehlenswerte Ergänzung, die unter anderem die Beinahe-Begegnung von Charlie Chaplin und Adolf Hitler als pures Gerücht ausweist. (Harald Keller)

Auch interessant

Kommentare