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„Daniel Richter“ im Kino: Verlockungen am Scheideweg

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Von: Daniel Kothenschulte

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Daniel Richter. Foto: Daniel Gottschalk/Weltkino
Daniel Richter. Foto: Daniel Gottschalk/Weltkino © Daniel Gottschalk/Weltkino

Der Dokumentarfilm von Pepe Danquart porträtiert den Maler Daniel Richter im Auge des Kunstmarkt-Orkans.

Warum machen wir das eigentlich“, fragt der Filmemacher Pepe Danquart seinen Protagonisten, den Maler Daniel Richter, gleich zu Beginn, „und warum machen wir das jetzt?“ – „Gute Frage“, antwortet dieser: „Wenn man möchte, dass die eigene Arbeit überprüfbar ist und diskutierbar, dann ist es gut, auch einen Film zu haben.“ Und wenn man es dann gut mache, dann entstehe eben nicht nur ein Bild von ihm, sondern auch eines von Kunst – als Produktions- und Denkprozess, als Fetisch an der Wand.

Erstaunlich, dass diese einfache Frage nicht häufiger Dokumentarfilme einleitet: Warum machen wir das eigentlich? Allerdings könnte man sich auch kaum vorstellen, dass etwa Corinna Belz in ihrem weltweit beachteten Porträtfilm „Gerhard Richter Painting“ Richters Namensvetter vor der Kamera zu einer solchen Grundsatzbestimmung verleitet hätte. Das klassische Kino, und dazu gehören seit den 1920er Jahren auch Dokumentarfilme über Kunst, lässt sich meist nicht gerne in die Karten gucken.

Der deutsche Kulturfilmer Hans Cürliss, später ein wichtiger Filmfunktionär im Dritten Reich, war der Erste, der im großen Stil bildende Künstlerinnen und Künstler bei der Arbeit filmte, Käthe Kollwitz, Wassily Kandinsky, Georges Grosz oder Lovis Corinth. Die Leinwand des Kinos erwies sich auch für künstlerische Werke als ideale Projektionsfläche, umso mehr, als später Ton und Farbe dazukamen. Emilie de Antonios „Painters Painting“ über die New York School wurde 1973 zu einem Modell des diskursiven Dokumentarfilms. Wobei ebenso wenig wie in der Kunstkritik im eigentlichen Sinne über Kunst gestritten wurde.

Derzeit ein Boom

Bei Dokumentarfilmen über Künstlerinnen und Künstler, die derzeit einen Boom erleben, gilt es als ausgemacht, dass sie ihre Figuren aus der Arbeit und Selbstäußerungen heraus porträtieren. Wie es der Zufall will, ist auch Albert Oehlen, bei dem Daniel Richter einmal Assistent war, im kommenden Monat mit einem filmischen Selbstporträt am Start, das diese Methoden freilich parodiert und auf den Kopf stellt: Ben Becker spielt darin den Künstler, der den Film lang an einem einzigen Bild malt, das dabei leider nicht nur besser wird.

Könnte es vielleicht auch sein, dass wir dem heute 60-jährigen Daniel Richter vor Pepe Danquarts Kamera nicht immer beim Schaffen seiner besten Bilder über die Schulter schauen? Auch wenn Kritik an Kunst wohl das größte Tabu der Kunstkritik geworden ist, gibt es einen Augenblick, wo sie beinahe etwas Raum bekommt.

Für einen Moment zeigt sich Richter selber unzufrieden mit seiner gegenwärtigen Serie ungewöhnlich flach komponierter Werke, bei denen sich Figurationen aus abstrakten Kompositionen winden, virtuos gemalt in einer Kombination aus Spachteltechnik und leuchtenden Ölstiftkonturen. So wirkungssicher diese Werke sind, so wenig Reibungsfläche bieten sie. Etwas fehlt, dass Daniel Richters Malerei so oft gleichermaßen verführerisch und widerspenstig, eingängig und verstörend machte.

Sympathischerweise macht Richter aus seinen Zweifeln keinen Hehl. Auch wenn sie schon ein paar Sequenzen später glorreich beiseitegeräumt sein werden: Einer Galeristin scheint beim Atelierbesuch ein Bild der neuen Werkphase so gut zu gefallen wie das andere. Sie nimmt mit, was sie kriegen kann. Wieder ein paar Sequenzen später halten andere der neuen Bilder Einzug in einer New Yorker Galerie. Der Platz scheint zu eng für die fraglos mitteilsamen, stark farbigen Werke, sie treten sich förmlich auf die Füße.

Daniel Richters zu Beginn formulierte Absicht, die Gesamtheit der Kunstproduktion und des Umgangs mit ihr darzustellen, führt noch weiter in den Markt hinein. Bei zwei Auktionen erreichen Richter-Werke sechs- und siebenstellige Gebote. Bei Christie’s in London fällt der Hammer am 22. Oktober 2020 mit Aufgeld bei umgerechnet 1 315 329 Euro für ein wahres Meisterwerk: „Tarifa“, 2001 gemalt und gleich verkauft, eine dreieinhalb Meter hohe, delirierend-farbige malerische Inszenierung der Todesnähe von Bootsflüchtlingen, würde dem besten Museum zur Ehre gereichen.

Eine Kunsthistorikerin bedauert angesichts des Abtauchens bedeutender Werke in Privatsammlungen die Mittellosigkeit gerade deutscher Museen. Was aber macht der überwältigende Erfolg mit Daniel Richter? Wortreich und eloquent, aber auch ein wenig flüchtig reflektiert er über seinen Status, als ließe ihn seine Stellung auf dem Kunstmarkt ziemlich unbeeindruckt. Ebenso wirkt sein Weggefährte Jonathan Meese – der sich in einer hinreißenden Sequenz als Sekundenmaler eines Doppelporträts präsentiert – vom eigenen Erfolg vollkommen unberührt.

Dennoch führt der Film vielleicht ganz unbeabsichtigt an ein Dilemma, dem Mike Leigh bei seinem Künstlerdrama „Turner“ breiten Raum gegeben hat: Wenn alle Welt begeistert ist und die Kritik ohnehin verstummt – wie schwer ist es dann noch für den Künstler, in seiner Einsamkeit zu sagen, ob ein Bild nun gut ist oder nicht?

Warum also dieser Film und gerade jetzt, wie Danquart fragt? Weil nichts interessanter ist, als einen Künstler an einem Scheideweg zu porträtieren. In kreativen Karrieren ist es besonders bewundernswert, wenn Bewährtes aufgegeben und Neues gewagt wird – mit Mut zum Risiko. Und wenn es sich dann genauso gut verkauft, muss man eben erst recht in sich gehen, um herauszufinden, wie gut es wirklich ist.

Daniel Richter. Dokumentarfilm. Regie: Pepe Danquart. D 2022. 118 Min.

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