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Daido Moriyama, unermüdlich in den Straßen unterwegs.
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Daido Moriyama, unermüdlich in den Straßen unterwegs.

„Daido Moriyama“

„Daido Moriyama“ im Kino: Erinnerungen an die Zukunft

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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„Daido Moriyama“, ein Filmporträt über den Altmeister der Straßenfotografie.

Einer der schönsten Filmtitel ist immer noch: „Werft Eure Bücher weg und geht auf die Straße.“ So hieß im Japan des Jahres 1970 ein faszinierender experimenteller Spielfilm über eine zweifache Flucht: Die eines Jungen aus traditionellen Strukturen und die der Bilder aus den Schranken der Moderne. Zu den Büchern, die sein Regisseur Shuji Terayama indes kaum weggeworfen hätte, zählen die Nummern der Fotozeitschrift „Provoke“, fotografisches Pendant jenes filmischen Agitprop, der in Japan noch eine gehörige Portion weiter über die Stränge schlug als sonst auf der Welt – seine Ideologien dafür aber in rauer Poesie und bisweilen sogar wortlos zu vermitteln vermochte.

Kein „Provoke“-Fotograf ist heute berühmter als Daido Moriyama, über den nun ein Dokumentarfilm-Porträt ins Kino kommt. Wie der heute 83-Jährige sein Medium befreit hat vom falschen Glanz technischer und formaler Routinen, das lässt sich nur vergleichen mit Bob Dylans Beitrag zum US-Song und Jean-Luc Godards Erneuerung des Kinos.

Umso überraschter ist man, wie unbefangen Filmemacher Gen Iwama diesem Meister begegnet, der doch alles Meisterliche attackierte. Seine Verehrung artikuliert sich nicht in der professoralen Attitüde eines aufwendigen Künstlerporträts, dafür ist er voller Sympathie mit der unschuldig-devoten Fankultur. Geduldig reiht sich seine Kamera in vielen Szenen ein zwischen die Fans. Noch nie hat ein Film so viele Autogrammstunden dokumentiert.

Strukturiert ist er mit Stummfilm-Zwischentiteln, die ein bisschen klingen als hätte Peter Handke sie mit kindlicher Weisheit für Wim Wenders geschrieben: „Was könnte Fotografie sein?/ Er grübelte und grübelte/ Bis er eines Tages nicht mehr fähig war, Fotos zu machen.“

Man muss sich einlassen auf diese vermeintliche Naivität. Moriyama beantwortet sie mit einer Intimität, die man selten bei Fotografen erlebt. Er lässt sich vom Filmemacher bei Kamera-Ausflügen durch Tokio begleiten und erlaubt sogar, dass die Beute seiner kleinen Digitalkamera in die Szenen hineingeschnitten wird. Über seine Arbeitsweise erzählt er wenig, dafür führt er das Filmteam an einen Strand, wo er sich fünfzig Jahre zuvor mit dem geliebten Kollegen Takuma Nakahira zu treffen pflegte. „Immer hatten wir Fotozeitschriften und -bücher dabei, damit schwammen wir heraus auf die Felsen und diskutierten dann darüber. Natürlich fanden wir fast alles fürchterlich.“

Entlockte Erinnerungen

Äußerer Rahmen ist die Arbeit an einer Neuausgabe seines Frühwerks „Japan – A Photo Theatre“. Auch der den Film durchziehende Countdown bis zur Präsentation bei der Messe Paris Photo gehört zu den eher naiven Elementen des Films. Seinen dokumentarischen Zweck aber erfüllt der Einfall: Immer wieder entlockt das Wiedersehen mit seinen zum Teil ikonischen Straßenfotos dem Künstler die eine oder andere Erinnerung.

„Bilder sind in sich nicht ideologisch“, heißt es im Manifest der ersten „Provoke“-Ausgabe. „Sie können nicht die Totalität einer Idee repräsentieren, noch sind sie untereinander austauschbar wie Worte. Ihre unverrückbare Materialität – Wirklichkeit, ausgeschnitten von der Kamera – ist vielmehr die Schattenseite der Sprache“.

1968 von den Dichter-Fotografen Takuma Nakahira und Yutaka Takanashi sowie den Autoren Takahiko Okada und Koji Taki als experimentelle Plattform gegründet, spiegelt die in Buchform verlegte Zeitschrift die politischen Umwälzungen jener Jahre in Form radikaler Angriffe auf die sichtbare Oberfläche. Ebenso musste die filmische Emulsion um ihre Unversehrtheit bangen. Warholeske Desaster-Fundstücke treffen auf lyrisch verhuschte Akte, Kriegsszenen und Großstadteindrücke.

Der vielleicht radikalste unter Daido Moriyamas rund 150 Fotobänden ist „A Farewell to Photography“ von 1972: Vorgefundenes Bildmaterial verschmilzt mit leeren Filmstreifen, Detailaufnahmen von Gesichtern reihen sich an Hochhausfassaden, flüchtige Akte an Leichenfunde.

Für seine urbane Momentfotografie bevorzugte er grobkörnigen 35mm-Film wie er bei Zeitschriftenredakteuren zunächst nicht sonderlich beliebt war. So wurde er zu seinem eigenen Layouter – und beeinflusste nachhaltig das Design von Underground-Zeitschriften und Fotobüchern. Grenzenlose Freiheit spricht noch heute aus seinen Bildern. Nichts ist da, das etwas anderes sein möchte, als man sieht. Wie tief erscheint sein Grau, wie malerisch wirkt seine raue Sicherheit.

Bis heute hat Moriyama die Schärfe der Underground-Perspektive nicht verloren und auch in digitalem Format trotzt sie allem falschen Schick. Dieser freundliche, unscheinbare Film hat das sehr gut verstanden und erspart ihm alles Pathos, das in Filmporträts üblicherweise als Ausdruck der Künstlerverehrung missverstanden wird.

Daido Moriyama – The Past is Always New – The Future is Always Nostalgic. Dokumentarfilm Japan 2019. Regie: Gen Iwama. 110 Min.

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