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Nicht nur Bollywood weiß, dass Tanz immer fotogen ist.

Dokumentarfilm

„Cunningham“ im Kino: Choreografierte Intimität

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Der Dokumentarfilm „Cunningham“ bringt seine zeitlosen Choreografien nicht immer glücklich für die 3D-Leinwand.

Obwohl der Tänzer Merce Cunningham und seine wegweisenden Choreografien in einigen bedeutenden Dokumentarfilmen überliefert sind, dachte der Künstler wohl nie ans große Kino. Vielleicht konnte überhaupt nur in der unmittelbaren Nachbarschaft der Glamourwelt des Broadway eine minimalistische Tanzkunst entstehen, die sich aller Äußerlichkeit so radikal verweigerte.

„Ich war immer gegen den Wettbewerbsgedanken“, hört man den 2009 gestorbenen Cunningham gleich zu Beginn dieses Porträtfilms sagen. Umso mehr interessierte ihn, was sich nicht vergleichen und bewerten lässt. Die Individualität des Ausdrucks in der Persönlichkeit der Tanzenden. Historische Filmdokumente betonen diese Intimität. Die Lebensnähe der Choreografien passte zu den Idealen des direct cinema, wie sich die junge Handkamera-Bewegung nannte. Immer wieder scheinen sie in diesem aufwendigen 3D-Porträtfilm über Cunningham auf, wenn auch oft wie Collagematerial auf der Breitleinwand platziert. Es sind die kostbarsten Aufnahmen.

Angeregt durch Wim Wenders’ Pina-Bausch-Annäherung

Wie so oft, wenn mit großem Aufwand posthume Künstlerporträts entstehen, stammen die interessantesten Bilder aus Archiven, von Dokumentarfilmern wie Klaus Wildenhahn, Richard Leacock oder D. A. Pennebaker. Sie dienen der Regisseurin Alla Kovgan als Referenzen für Rekonstruktionen der Choreografien aus den 60er Jahre für die 3D-Kamera. Auch die Fotorecherche ist bewundernswert, ebenso der Schatz an Tondokumenten vor allem von Cunningham und seinem Partner in Kunst und Leben, dem Komponisten John Cage. Nimmt man noch das Ereignis der neuen Aufführungen hinzu, realisiert von den letzten Tänzern der 2011 aufgelösten Truppe, sollte dies eigentlich ein Meisterwerk des Tanzfilms geworden sein. Wenn man dennoch oft lieber die kurzen Archiv-Ausschnitte weiterschauen würde, dann liegt das an Kovgans Inszenierung.

Offenbar angeregt durch Wim Wenders’ Pina-Bausch-Annäherung „Pina“ (man kann fast von einer Nachahmung sprechen) und mit Unterstützung zahlreicher deutscher Filmförderanstalten, filmte sie die Tanzszenen an möglichst attraktiven Schauplätzen wie Hamburgs Altem Elbtunnel, Mülheims historischer Stadthalle, aber auch in der demonstrativen Obskurität des City-Parkhauses Köln-Ehrenfeld. Doch Cunningham ist nicht Pina Bausch und Kovgan ist nicht Wenders.

Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts

Die Spielorte lenken nicht nur immer wieder von den Choreografien ab, sie scheinen für die Kamera oft fast von größerem Interesse. Spätestens bei der Bildgestaltung endet der Respekt für Cunninghams Ästhetik. Dramatische Lichtsetzung rückt die Tänzer manchmal schemenhaft ins Halbdunkel, in einer Parkszene kommt gar ein Weichzeichner zum Einsatz, der die pastellenen Kostüme ins Billige verwischt. Stets ist die Kamera in Bewegung, wohl um den 3D-Effekt zu steigern.

Dabei haben sich die Nachlassverwalter bislang in bewundernswerter Weise jeder Ausbeutung der „Marke“ Cunningham verweigert; dies ist das erste posthume Projekt dieser Art. Tatsächlich hat man in Kovgans Zusammenarbeit mit dem bislang kaum bekannten armenischen Kameramann Mko Malkhasyan mitunter den Eindruck einer „Disneyfizierung“ von Cunningham. Wo der Choreograf das Zerbrechliche betonte, setzen diese Bilder auf Glätte, wo es ihm um Intimität ging, setzen die Filmemacher Indifferenz und Überhöhung.

Immerhin kommt er aus dem Off so ausführlich zu Wort, dass die Widersprüche zwischen den Bildern und seinen ästhetischen Idealen offen zu Tage treten.

Tanz ist fast immer fotogen; das weiß man nicht nur in Bollywood. Umso mehr muss es darum gehen, sich den Erwartungen an einschmeichelnde Bilder zu verweigern. Cunninghams Abkehr von den ästhetischen Codes des klassischen Balletts wurde bei einem frühen Paris-Gastspiel mit Eier- und Tomatenwürfen quittiert. „Wir wichen ihnen aus, indem wir uns verbeugten. Lieber als eine Tomate wäre mir ein Apfel gewesen, denn ich hatte Hunger.“

Delikate Musik von Morton Feldman

Der Minimalismus seiner frühen Choreografien fand mit dem ebenso radikalen wie sensiblen Modernismus des Komponisten John Cage sein musikalisches Pendant. Der Künstler Robert Rauschenberg schließlich, der von 1954 bis 1964 offiziell für Cunninghams Truppe arbeitete, erweiterte die gesamtkünstlerische Vision auf die Gestaltung des Bühnenraums.

Für ihre gemeinsame Adaption der legendären Produktion „Summerspace“ von 1958 verzichten die Filmemacher glücklicherweise auf Außenaufnahmen und rekonstruieren Rauschenbergs Bühnenbild, das sie wirkungsvoll von einem Hintergrundprospekt auf den Boden ausweiten. In bemalten Kostümen bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer scheinbar schwerelos in einem gewaltigen abstrakten Gemälde, das wie eine Hommage an den Pointillismus anmutet. Die delikate Musik von Morton Feldman umarmt den Spätimpressionismus auf ihre Weise. Doch auch hier erscheint ein Besuch im reichen Videoarchiv des Cunningham Trust auf der Webseite www.mercecunningham.org die seriösere Alternative.

Was für einen Filmschatz hat die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Gerade bei einem Künstler, der seine Werke oft den Tanzenden auf den Leib geschrieben hat, müssen die historischen Dokumente die erste Quelle sein. Eines muss man aber auch diesem Film lassen: Niemanden, der dadurch Cunningham im Jahr seines 100. Geburtstags entdeckt, wird seine Kunst kalt lassen.

Cunningham.D/F/USA 2019. Regie: Alla Kovgan. Dokumentarfilm. 93 Min.

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