1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Cronenbergs „Crimes of the Future“ im Kino: Unter der Haut

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Von eigener Erotik: Kristen Stewart und Viggo Mortensen in „Crimes of the Future“. 2022 SPF (Crimes) Pruductions/Argonaut Crimes Productions/Nikos Nikolopoulos
Von eigener Erotik: Kristen Stewart und Viggo Mortensen in „Crimes of the Future“. © 2022 SPF (Crimes) Pruductions/Argonaut Crimes Productions/Nikos Nikolopoulos

Der Meister des „Body Horror“ mit einem virtuosen Spätwerk: David Cronenbergs „Crimes of the Future“.

Frankfurt am Main – Der Surrealismus ist das Stiefkind der Moderne. Keine Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts wurde schneller auf das Abstellgleis geschoben. Wahrscheinlich war es um die Zukunft der surrealistischen Malerei geschehen, als Salvador Dalí das Kino für sich entdeckte. Das Bild des zerschnittenen Auges aus dem Stummfilm „Der andalusische Hund“, seiner Zusammenarbeit mit Buñuel, konnte auch der Maler danach kaum an Intensität übertreffen.

Heute ist Surrealismus, der etwas taugt, fast nur noch im Kino zu bewundern, und David Cronenberg ist sein größter Meister. Nur dass sich das Universum des Bewusstseins nicht in psychologischen Sitzungen, sondern unter einem chirurgischen Skalpell offenbart. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem letzten Science-Fiction-Film „eXistenZ“, acht Jahre nach seiner letzten Filmarbeit, knüpft der 79-Jährige noch einmal an seine Meisterwerke an.

„Crimes of the Future“ führt in eine Zukunft, die den Schmerz überwunden hat. Das muss man sich nicht unbedingt paradiesisch vorstellen; schließlich sind Schmerzen ein Warnsignal, und eine Gesellschaft, die auf Warnungen nicht mehr hören möchte, hat keine Zukunft. Klimaaktivistinnen und -aktivisten werden argumentieren, diese Zeit sei bereits angebrochen.

„Crimes of the Future“: Wer ist Maler und wer Modell

Tatsächlich geben die Außenaufnahmen des in Griechenland gedrehten Films ein dystopisches Bild. In der ersten Einstellung schaufelt ein kleiner Junge mit einem Silberlöffel Sand an einem wohl kontaminierten Strand, im Hintergrund ist ein gewaltiges Schiffswrack zu sehen. Seine Mutter ruft ihm zu, nicht zu essen, was er dort finde. In der nächsten, gespenstischen Szene knabbert er wie selbstverständlich an einem Plastikeimer aus der Toilette. Wie ist es zu dieser Mutation gekommen? Menschen, die Plastik verdauen können? Voller Ekel über ihr eigenes Kind erstickt es diese moderne Medea mit einem Kissen.

In der Reihe der verstörendsten Filmanfänge hat es dieser Virtuose kunstvoller Verstörung damit bereits in die Nachbarschaft des „andalusischen Hunds“ geschafft. Nach diesem Fortissimo zieht er nun die leiseren Register eines dunklen Ästhetizismus. Ein Schönheitskult hat sich in dieser Zukunftswelt auf neuartige Organe verlegt, wie sie manchen Menschen nun für noch unbekannte Funktionen wachsen. Viggo Mortensen und Léa Seydoux faszinieren damit als Performancekünstler:innen ihr Publikum. In öffentlichen Operationen schneidet Caprice die Fleisch-Skulpturen aus Sauls Körper und veredelt sie dabei mit kunstvollen Tattoos. Man erfährt nicht viel über ihre Beziehung, eine sexuelle Anziehung scheint durchaus lebendig, doch das Bett teilen sie wohl kaum. „Ich bin nicht mehr gut im alten Sex“ wird er später eingestehen, und das auch nicht zu ihr.

Vielleicht hat Cronenberg bei diesem Paar an Marina Abramovic und ihren künstlerischen Partner Ulay gedacht, die beide für die Body Art der Kunst so prägend waren wie Cronenberg für den „Body Horror“ des Kinos. Anders als dieses Künstlerpaar, das sich später um die Urheberschaft gemeinsam aufgeführter Werke stritt, harmonieren sie fast wortlos. Doch während das Publikum vor allem den männlichen Teil des Duos feiert, stellt sich zugleich die Frage, wer hier Maler ist und wer Modell. Mit feinem Werkzeug legt sie auf dem Operationstisch frei, was er sich in seinem Bauch hat wachsen lassen.

Den Titel hat Cronenberg von einem eigenen Frühwerk übernommen, mit dem es ansonsten nicht viel gemeinsam hat. Umso mehr mit seinem vielleicht schönsten Film, dem „Body Horror“-Klassiker „Die Unzertrennlichen“. Der morbide Ästhetizismus und die verwegene Sinnlichkeit, mit der er damals das fatale Wirken zweier Gynäkologen in Szene setzte, kehren hier zurück.

„Crimes of the Future“: Spätwerk mit breiten Pinselstrichen und satten Farben

„Chirurgie ist der neue Sex“, raunt eine von Kristen Stewart gespielte Zuschauerin dem Künstler zu. Eigentlich führt sie für eine Behörde über die neuen Organe Buch, doch die Zärtlichkeit der Prozedur ist fraglos von eigener Erotik. Niemand hat sich in seinem Schaffen so ausdauernd mit Körperlichkeit und Geschlechteridentitäten auseinandergesetzt wie Cronenberg. Das Werk des Filmkünstlers und Bildhauers Matthew Barney wäre ohne seines undenkbar, und mit seinem „Crash“ lieferte er das Vorbild zum letztjährigen Cannes-Gewinner „Titane“. Die Klaviatur seiner grenzüberschreitenden Fantastik spielt er allerdings noch selbst am besten.

Der Film

Crimes of the Future. Kanada/Griechenland 2022. Regie: David Cronenberg. 107 Min.

Wie bei „Die Unzertrennlichen“ wäre das Operationswerkzeug selbst einer surrealistischen Kunstausstellung würdig; die Operationstische wirken wie selbst von H.R. Giger aus organischem Material modelliert, ein orthopädischer Stuhl, in den Saul seinen geschundenen Körper zwängt, scheint aus beweglichen Knochen geformt. Wie nur in den wahren Meisterwerken des fantastischen Kinos, wie in Fritz Langs „Metropolis“, James Whales „Frankensteins Braut“ oder Ridley Scotts „Blade Runner“ und „Alien“ ersetzt die Filmausstattung alle Worte über die menschliche Befindlichkeit.

Der Steinwurf, den diese Welt von der unseren trennt, ist die Verschmelzung zwischen dem Organischen und dem Synthetischen. Kein großer Schritt, wie es scheint, von der Digitalisierung unserer Lebenswirklichkeit und dem Siegeszug der Virtualität.

Cronenberg hat dieses Spätwerk mit breiten Pinselstrichen und satten Farben geschaffen und auf psychologische Erklärungen weitgehend verzichtet. Es ist eine dunkle Elegie, die schon bei der Premiere in Cannes polarisierte. Wie vom Regisseur prophezeit, leerten sich die Reihen, während die, die blieben, sich umso begeisterter zeigten. Man kann frenetische Lobreden lesen und unfassbare Verrisse. Im britischen „Observer“ nannte der 84-jährige Kritiker-Veteran Rex Reed den Film „die Sorte Intelligenz-zersetzenden Mülls, für den Landverfüllungen und Müllkippen erfunden wurden“. Man kann auch sagen: ein Meisterwerk. (Daniel Kothenschulte)

Auch interessant

Kommentare