Eine hitzige Debatte wurde bei Anne Will (ARD) über die corona-Maßnahmen geführt.
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Eine hitzige Debatte wurde bei Anne Will (ARD) über die corona-Maßnahmen geführt.

Anne Will, ARD

Corona-Talk im Ersten: Die sonst so coole Anne Will wird auf einmal solidarisch

  • Marc Hairapetian
    vonMarc Hairapetian
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Beim Anne-Will-TV-Talk im Ersten watscht Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den CSU-Mann Markus Söder ab: „Wo sind wir denn hier?“

  • Bei Anne Will im Ersten wird über Corona und den seit heute geltenden „Lockdown Light“ diskutiert.
  • Wer leidet am meisten unter den Corona-Maßnahmen? Darüber streiten sich im ARD-Talk die Gäste.
  • Auch Markus Söder (CSU) war zugeschaltet.

Auch nur eine Stunde Sendezeit kann episch sein und trotzdem viel zu schnell rum. Als Paradebeispiel mag dafür die Das-Erste-Talkshow „Anne Will“ am Vorabend des sogenannten „Lockdown Light“ gelten. Im Gegensatz zur 15 Minuten längeren Konkurrenz bei „Markus Lanz“ hat sie zwar mit fünf Teilnehmern und einem zugeschalteten Gast einen mehr, aber - wohltuender Weise - nur ein Thema. Diesmal: „Vier harte Wochen - wie nachhaltig wirken die Anti-Corona-Maßnahmen?“

Anne Wills Motto in der ARD „Politisch denken, persönlich fragen“ setzt die fast immer etwas unterkühlt wirkende Moderatorin seit 2007 konsequent knapp und dennoch präzise formuliert um. Die Beantwortung darf durchaus gern ausführlicher sein, aber wehe die 60 Minuten nähern sich dem Ende, dann wird von der in Köln geborenen Wahl-Hauptstädterin rigoros unterbrochen, mag die doch stets so gewünschte Diskussion der Teilnehmer im Studio Berlin-Adlershof noch so lebendig sein! Doch dazu später.

Anne Will-Talk, ARD: Auch Markus Söder (CSU) zugeschaltet

Neben in hiesigen Talk-Formaten altbekannten Gesichtern wie Bundesjustizministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), dem Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun (CDU) und den in Corona-Zeiten mit neuen und - trotz vermeintlicher Einigkeit mit seinen Kollegen in den restlichen Bundesländern - eigenen Verordnungen unerbittlich vorpreschenden Markus Söder (CSU), seines Zeichens Ministerpräsident des Freistaats Bayern, der per Live-Schalte in der ersten Sendehälfte am ausführlichsten zu Wort kommt, dürfen am Sonntagabend auch Experten wie Viola Priesemann, die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (kurz: MPIDS), und Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité, ihre Hüte in den Ring werfen.

Dazu gesellt sich bei Anne Will (ARD) erfreulicherweise jemand, den man sonst eher auf der Bühne, als in politischen Gesprächsrunden sieht bzw. hört: Jazz-Musiker und Fotograf Till Brönner, der schon in den vergangenen Tagen mit einem fulminanten Videoappell für den Erhalt der Kultur viel Zuspruch in den sozialen Netzwerken erhalten hat, nimmt auch im Fernsehen kein Blatt vor den Mund.

„Söder-Time“ bei Anne Will im Ersten

Doch zuerst ist bei Anne Will im ErstenSöder-Time“: Er darf viel reden, aber dabei nicht wirklich Neues sagen. Der CSU-Vorsitzende bedauere es selbst, dass die Freiheiten der Bundesbürger durch die seit September drastisch gestiegenen Fallzahlen erneut eingeschränkt werden müssten, aber es gebe bei Corona bisher „auf der ganzen Welt kein anderes Rezept, als Kontakte zu reduzieren.“ Mehrfach hebt er die „exzellenten“ Ausführungen von Viola Priesemann hervor, die den „lohnenswerten Zustand“ des Sommers wieder erreichen möchte, als Gesundheitsämter und Testungen schneller als die Virusausbreitung gewesen seien, und deswegen den „Lockdown Light“ mitsamt den Schließungen von Restaurants, Hotels und kulturellen Veranstaltungsorten gutheißt. Die Reproduktionszahl müsse von 1.4 nicht auf 1, sondern wieder 0,7 gedrückt werden.

Erst dann könne nach dem „Lockdown Light“ im November tatsächlich Weihnachten kommen. Auf Anne Wills Frage an Söder, ob auch auf Deutschland Ausgangsbeschränkungen wie in Österreich zukommen könnten, weicht er mehr oder weniger geschickt aus, indem er wieder die deutsche Bevölkerung um Unterstützung der Massnahmen bittet. Viele hätten sich aus Eigenverantwortung „super daran gehalten. Dankeschön!“, andere aber wieder nicht, weswegen es zu den rekordartigen Inzidenzwerten gekommen sei. Für die Schließung der Kulturstätten winke ein “finanziell fairer Ausgleich“ im November.

Dies ist nicht nur Till Brönner („Meine Branche hat das Problem seit Februar: Wir haben den absoluten Voll-Lockdown!“) zu wenig, der vor allem Solo-Selbstständige mit einer einmaligen Zahlung als völlig unzureichend abgespeist sieht. Die sonst so coole Anne Will moderiert ihn in der ARD geradezu solidarisch an: „Normalerweise würden Sie jetzt großen Applaus erhalten. Auch hier.“, doch sie hätten aus gegebenen Anlass im Studio kein Publikum mehr.

Anne Will, ARD: Kulturschaffeende sind in Zeiten von Corona Hartz IV

Brönner sieht bei Anne Will beim Corona-bedingten Niedergang der Kulturlandschaft „kein Luxus-, sondern ein Kernproblem. 1,5 Millionen in der Veranstaltungsbranche haben Familien und Kinder. Die sind am Ende. Die sind Hartz IV“, spricht er wohl allen davon Betroffenen aus dem Herzen. Leutheusser-Schnarrenberger pflichtet ihm bei. Sie habe hierzulande den Eindruck, dass „Kultur nicht systemrelevant“ sei.

Der fast bis zum Schluss der ARD-Sendung zurückhaltend agierende Helge Braun, der als zusätzlicher Bundesminister für besondere Aufgaben etwas diffus in Erscheinung tritt, versucht, Brönner zu trösten: Kultur sei für ihn ein Herzstück und die Künstler bräuchten für die finanziellen Zuwendungen im Monat November, die sich nun am Gesamtumsatz des Jahres 2019 orientieren, nicht zu bedanken. „Wie groß ist ihr Langmut?“, will Anne Will wissen. Der sonst immer so gut gelaunte Till Brönner antwortet verbittert für eine ganze Berufssparte: „Kein Unternehmen weltweit kann es sich leisten, ein Jahr nicht zu arbeiten. Dann sind alle pleite. Andere Kulturen sind gestorben, aber bitte nicht die eigene.“

Söder befürchtet deswegen bei Anne Will Klagen gegen die Corona-Verordnungen und Rechtsstreitigkeiten, die „niemand in der Pandemie nützen“. Das bringt Leutheusser-Schnarrenberger, die für verfassungsfeste Grundlagen plädiert, auf die Palme: „Wo sind wir denn hier? Natürlich gehört das fest zur Demokratie dazu. Das sind massive Grundrechtsbeschränkungen. Sonst brauchen wir keine Verfassung, wenn man sich jede Maßnahme beliebig ausdenken kann!“, watscht das seit Januar 2019 (nicht berufsrichterliche) Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes ihren Landesvater ab, der sich bald darauf aus der Diskussion verabschiedet.

Diskussion bei Anne Will, ARD: Corona keine Gefahr für die Jungen?

Eine weitaus bessere Figur als Söder, der allzu viel Allgemeinplätze von sich gibt, macht Stefan Willich. Für den Professor der Epidemiologie kommen die Anti-Corona-Maßnahmen zwar zum richtigen Zeitpunkt, seien aber punktuell kritikwürdig. Durch die seit dem Sommer hervorragend ausgearbeiteten Hygiene-Konzepte sei es zu keinen Corona-Ansteckungen in Kinos, Theatern und Konzertsälen gekommen.

Deren erneute Schließung und auch das Amateursport-Verbot bis auf Jogging maximal zu zweit empfinde er als genauso ungerechnet wie Brönner oder Leutheusser-Schnarrenberger. Man müsse noch, „ein, zwei oder auch drei Jahre mit Corona leben“, aber nicht mehr in ständiger Todesangst, weil die Sterblichkeit mit 0,3 Prozent viel geringer als zu Beginn der Pandemie sei. Für junge Bevölkerungsgruppen stelle das Virus SARS-CoV-2 keine allzu große Gefahr mehr dar. Mitarbeiter, Besucher und Bewohner von Pflegeheimen und Krankenhäusern gelte es vielmehr zu schützen, aber auch da habe sich die Lage durch Einsatz von Antigen-Tests und Masken sowie die Erhöhung von Intensivbetten gebessert, respektive sei man besser vorbereitet als noch im März.

Für Helge Braun, der bis 2009 selbst als Assistenzarzt am Universitätsklinikum Gießen und Marburg an der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie bis zum zweiten Bundestagsmandat 2009 angestellt war, müsse der Inzidenzwert bei unter 50 liegen. Erst dann seien Lockerungen wieder sinnvoll. Und dann sagt er bei Anne Will ernsthaft über die Pandemie: „Wir reden über eine Naturkatastrophe.“ Sie sei nicht „menschengemacht“. Das sehen wahrlich viele anders. So auch Rechts- und Politikwissenschaftler Maximilian Pichl bei Twitter: „Das ist genau das falsche Verständnis von Corona. Gerade erst hat der Weltbiodiversitätsrat die Gefahr von Pandemien wegen Umweltzerstörung und Klimawandel treffend beschrieben.“

Am Ende wird es eine richtig hitzige Diskussion bei Anne Will im Ersten. Professor Willich stellt die These „Auf die intensivmedizinische Kapazität zu schauen, ist ein wichtigerer Marker, anstatt auf die Neuinifektionen.“ in den Raum. Die Physikerin Priesemann, die die Blumen an den nicht mehr anwesenden Söder zurückgibt, indem sie sagt, „die Politik hat eher verstanden, um was es geht“ als andere Bevölkerungsgruppen, protestiert: „Dem möchte ich massiv widersprechen!“ Man dürfe „ein Feuer nicht blind löschen“.

Wachstum der Fallzahlen müssen gestoppt werden - Corona-Diskussion bei Anne Will (ARD)

Das Wachstum der Fallzahlen müsse gestoppt und die Kontaktverfolgung wieder gut unter Kontrolle bekommen werden, der R-Wert dürfe nicht steigen, sonst würde im Dezember der Lockdown mit Sicherheit fortgesetzt. Willich kann ihr noch in dem Punkt beipflichten, dass die Gesundheitsämter besser ausgerüstet werden müssten, doch als er auf Cluster-Verfolgung zu sprechen kommen will, unterbricht Anne Will gnadenlos, denn die „Tagesthemen“ in der ARD sollen pünktlich beginnen.

Die Erörterung von wichtigen Punkten, zum Beispiel, ob Maßnahmen wie die Reduzierung der Kontakte zu anderen Menschen auf ein Minimum auch in Privaträumen bei Einhaltung der Hygiene-Regeln wirklich alternativlos sind oder ob Bund und Länder bereits eine nachhaltige Strategie entwickelt haben, wenn die Zahlen trotz des einmonatigen „Lockdown Light“ weiter steigen, wird bei Anne Will mal wieder verschoben. Leider. (Marc Hairapetian)

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