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Corona-Ausbruch: Der Gegner ist die Zeit

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Von: Marc Hairapetian

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„Der Ausbruch - War die Pandemie vermeidbar?“: 06.03.2020, China, Wuhan: medizinisches Personal in Schutzkleidung transportiert einen Covid-19-Patienten in den CT-Raum eines Krankenhauses, das dem Tongji-Krankenhaus angegliedert ist.
Eines von Millionen Opfern. War die Pandemie vermeidbar? © ZDF/Fei Maohua, dpa

„Der Ausbruch - War die Pandemie vermeidbar?“: Die spannende Doku stellt nicht nur die entscheidende Frage, sondern hat auch gleich die eindeutige Antwort parat.

Frankfurt - Überspitzt gesagt ist Andre Hellers fulminante Inszenierung von Richard Strauss’ Oper „Der Rosenkavalier. Komödie für Musik“ (op. 59) daran Schuld, dass uns hierzulande die Corona-Pandemie mit voller Wucht traf. Bei der Premiere am 9. Februar 2020 in der Staatsoper Unter den Linden sprach Olfert Landt, der Gründer und Geschäftsführer des Berliner Diagnostik-Spezialisten TIB Molbiol, den damaligen Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn (CDU) in der Pause an: „Wir haben in kürzester Zeit eine Million Testkits verkauft. Da ist etwas nicht in Ordnung. Bitte informieren Sie die Bevölkerung über die ganze Wahrheit.“ Kulturfreund Spahn tat wohl noch berauscht von der Musik den Ernst der Lage als „nicht signifikant“ ab und rauschte weiter.

Das ist einer der Schlüsselmomente der Dokumentation „Der Ausbruch - War die Pandemie vermeidbar?“ über die von der Politik fehleingeschätzten zehn Wochen nach Entdeckung der neuen Krankheit, die bis zum heutigen Tag 6,27 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Nach Sichtung der knapp 90 Minuten muss die im Untertitel gestellte Frage - leider - eindeutig mit „ja“ beantwortet werden. Dabei gelingt es Regisseur und Autor Michael Wech, die Corona-Story spannend wie einen Krimi zu inszenieren. Er blickt dabei über den Tellerrand Deutschland hinaus. Ausgehend von Wuhan, wo die ersten Fälle von Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infizierten, registriert wurden, reist er um die ganze Welt, um vor allem Wissenschaftler, Journalisten und Politiker zu interviewen, die sich vehement gegen die Pandemie stemmten. Es sind in Deutschland bisher wenig bekannte Gesichter, die aber maßgeblich an der Entdeckung der Genomsequenz und den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 beteiligt waren.

Corona-Ausbruch: Was zu Beginn getan und was versäumt wurde

Zum Auftakt spielt Wech, dessen Kameramann Johannes Imdahl bei den Gesprächssequenzen versucht, eigene Bilder zu finden, allerdings Archivmaterial ein, dass geradezu visionär anmutet: George W. Bush sagte bereits im Jahr 2005 über drohende Pandemien das, was 15 Jahre später exakt so eintreten sollte: „Wenn wir warten, bis die Pandemie da ist, wird es zu spät sein“. Der seinerzeit äußerst umstrittene US-Präsident betonte: „Eines Tages könnten viele Menschen unnötig sterben, weil wir heute nicht gehandelt haben.“ Seine Warnung, die er nach Hinweisen von Wissenschaftlern übernommen hatte, blieb weitgehend ungehört, vor allem im sogenannten Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Im Verlauf der von der Firma Broadview TV produzierten Doku mit dem wohltuend analytischen Touch spürt Michael Wech der Frage nach, was in den ersten zweieinhalb Monaten nach Entdeckung des neuartigen Corona-Erregers getan und was versäumt wurde, um eine globale Ausbreitung zu verhindern. So zieht Prof. Dr. Jeremy Farrar, ein führender britischer Infektiologe und Direktor des Wellcome Trusts, eine bittere Bilanz: „Im Januar 2020 schrillte jedes Alarmsignal, und am 20. Januar wusste man genug, um zu sagen: Das ist sie – die Pandemie, die wir vorausgesagt haben. Dies ist unser 1918. Wir hätten die Pandemie aufhalten können.“ Bei den Versäumnissen kommt vor allem die Volksrepublik China schlecht weg. So versuchten die Behörden des bevölkerungsreichsten Land der Erde, allzu lange nichts nach außen dringen zu lassen. Dadurch wurden die Veröffentlichung der Genomsequenz und die damit verbundene rasche Eindämmungsstrategie sowie der Beginn der Entwicklung von Tests und Impfstoffen unnötig verzögert.

Corona-Ausbruch: Kritik an WHO

Doch auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird berechtigter Weise stark kritisiert: Obwohl erste Erkenntnisse - auch aus einer Klinik in München - vorlagen, dass das Virus von Mensch zu Mensch und eben nicht nur von Fledermäusen auf den Menschen übertragen werden kann, spielten die dort Verantwortlichen die Gefahr bei Infizierten, die keine Symptome zeigten, herunter und warnten lange nicht entschieden genug vor Corona. Der fehlgeleitete Grund dafür lag in den weitreichenden Beschlüssen, die die WHO 2009/2010 beim Aufkommen der so genannten Schweinegrippe gefasst hatte, und die im Nachhinein als „übereilt und übertrieben“ bewertet wurden. Da auch das Zika-Virus, das man erstmals 1947 aus einem gezielt zum Auffinden des Gelbfiebervirus gefangen gehaltenen Rhesusaffen einer Forschungsstation im Zika Forest in Entebbe, Uganda, isoliert und nach dem Ort benannt hatte, nicht von Afrika auf den Rest der Welt überging, bagatellisierte die Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf die Gefahr durch SARS-CoV-2.

„Der Gegner ist die Zeit. Generation um Generation schlägt die Zeit. Sie zieht mit Grausamkeit. Die Nächsten warten schon - Zeit“, brüllte Frontman Campino von der Punk-Band Die Toten Hosen beim Song „Armee der Verlierer“ bereits 1983 ins Mikrophon. Über diese Kernaussage sind sich alle der befragten Expertinnen und Experten von „Der Ausbruch“ einig. Denn Zeit sei der entscheidende Faktor, um eine Pandemie zu verhindern. Auch wenn man viele von den Entscheidungsträgern in der Politik immer wieder gebetsmühlenartig auf die drohende Gefahr hingewiesen hätte. Doch diese ließen entscheidende Wochen verstreichen.

„Wir sind mit offenen Augen in eine Katastrophe gerannt“

Epidemiologe Richard Hatchett

Corona-Ausbruch: Bilder aus Bergamo haben sich eingeprägt

Die traurigen Bilder vom Massensterben in den überfüllten Krankenhäusern von Bergamo dürften diejenigen, die sie im Fernsehen und anderen Medien gesehen hatten, wohl nie vergessen. Entscheidungen über Leben und Tod mussten in kürzester Zeit getroffen werden, meist zugunsten junger Patienten ohne Vorerkrankungen. Die Leidtragenden waren bei der Triage die Älteren. Es rührt ans Herz, wenn ein junger italienischer Arzt diese entsetzliche Zeit beschreibt, in der man sich gegenseitig in die Augen blickte: „In unseren Gesichtern sahen die sterbenden Patienten die Machtlosigkeit - und wir in ihren das Wissen um ihr eigenes Ende.“ Es würde genauso wenig bringen, China, dem zuerst von Corona betroffenen Land, die Schuld zuzuweisen, wie Italien in Europa und dem Rest der Welt Europa.

Einer der ersten, der die Gefahren des exponentiellen Wachstums erkannte und in verständlicher Sprache erläuterte, ist Tomas Poeyo. Der Berater aus dem Silicon Valley wurde durch seinen am 10 März 2020 auf medium.com erstmals veröffentlicht Text „Coronavirus: Why You Must Act Now“, der innerhalb weniger Tage in mehr als 30 Sprachen übersetzt ein Millionenpublikum erreichte, zum Pandemie-Flüsterer. Vor laufender Kamera bestätigt er, das, was in der Wirtschaft nicht immer gelten mag: „Bei exponentiellen Wachstum ist keine Zeit zu verlieren. Zeit ist hier Gold wert“.

„Der Ausbruch – War die Pandemie vermeidbar?“

Dienstag, 17. Mai, 20.15 Uhr im ZDF. Zudem steht der Film in der ZDF-Mediathek.

Epidemiologe Richard Hatchett, Direktor der CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) und früher Berater der beiden amerikanischen Präsidenten George W. Bush und Barack Obama, ergänzt: „Wir sind mit offenen Augen in eine Katastrophe gerannt“. Forscher Jeremy Farrar findet das passende Schlusswort, das endgültig auch diejenigen wachrütteln sollte, die Corona trotz Übergang von der pandemischen in die endemische Lage noch immer verharmlosen: „Wir haben die Wahl. Wenn wir so weiter machen, werden wir in kürzester Zeit mit etwas Schlimmeren konfrontiert.“ (Marc Hairapetian)

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