+
Mafia-Boss Salvatore „Totò“ Riina, aufgenommen bei seiner Festnahme am 16.1.1993 in Palermo auf Sizilien.

TV-Kritik

Wortmeldungen aus dem Zeugenschutzprogramm: Arte zeigt „Corleone. Pate der Paten“

  • schließen

Seltene Einblicke: Vor der Kamera des Dokumentarfilmers Mosco Boucault berichten unter anderem Tatbeteiligte von den Verbrechen der sizilianischen Mafia.

In Mario Puzos weltbekanntem Mafia-Epos „Der Pate“ heißt das Oberhaupt des verbrecherischen Clans Corleone. So wie die sizilianische Stadt, aus der Don Vito ursprünglich stammte. Dort kannte man ihn unter anderem Namen. Als Vito Corleone begann er in New York seine kriminelle Karriere. Gegen Ende seines Lebens ist er ein würdiger älterer Herr, dem von allen Seiten Respekt entgegengebracht wird.

In den 1990er Jahren stand in Palermo ein 63-Jähriger seinen Richtern gegenüber, der entfernt an den fiktiven Vito Corleone erinnerte. Er gab sich gottesfürchtig und gegenüber dem Gericht respektvoll. War vielleicht ein wenig einfacher gekleidet als Corleone in der Verfilmung durch Francis Ford Coppola. Und er behauptete, dass sein Gehör nachgelassen habe. Höflich bat er den Vorsitzenden, doch ein wenig lauter zu sprechen.

Der Angeklagte war Salvatore „Totò“ Riina. Geboren 1930 in Corleone, Kind armer Eltern, die früh verstarben. Die Mafia wurde Riinas neue Familie. Er war Laufbursche, Handlanger, arbeitete sich hoch bis zum Capo. Was in der Praxis bedeutete, Konkurrenten zu ermorden oder ermorden zu lassen.

„Corleone. Pate der Paten“ erreicht fast die epische Breite von Puzos Mafia-Roman

Der französische Dokumentarfilmer Mosco Boucault drehte 2013 einen zweiteiligen Dokumentarfilm, der fast die epische Breite von Mario Puzos Mafia-Roman erreicht. Boucault zeichnet Salvatore Riinas Lebensweg nach und gelangt über dessen akribisch recherchierte Biografie zu einer triftigen Darstellung des Gefüges der sizilianischen Mafia. Deren Wurzeln liegen in der Dienstleistung für den regionalen Adel, der sich dem Müßiggang hingab und die Verwaltung und den Schutz des Grundbesitzes von anderen erledigen ließ. Bis man dort auf die Idee kam, das Land und Güter gleich selbst zu übernehmen.

„Corleone. Pate der Paten“, Teil 1 und 2, Dienstag, 27.8., ab 21:45 Uhr, Arte (im Netz verfügbar bis 26.10.2019)

Die Mafia war geboren, und sie entwickelte sich zu einem Macht- und Wirtschaftsfaktor auf Sizilien. Immer wieder verweisen der Autor und seine Zeitzeugen auf die Verschränkungen mit dem Verwaltungs- und Regierungssystem Italiens. Obwohl Salvatore Riina mit eigener Hand tötete und unzählige Morde in Auftrag gab, blieb er viel zu lange unbehelligt. Noch als endlich konsequent gegen ihn und seine Komplizen ermittelt wurde, gab es immer wieder Komplikationen, Behinderungen, Rückschläge. Und wenn es gelang, einen Mafioso vor Gericht zu bringen und ein Urteil zu erwirken, wurde es in der Berufungsinstanz in der Regel aufgehoben.

Es war ein langer und mühseliger Prozess, bis Riinas Bande endlich gefasst werden konnte. Die beteiligten Ermittler und Juristen, auch deren Angehörige und kritische Journalisten schwebten in ständiger Lebensgefahr. Riina übte eine regelrechte Terrorherrschaft aus, bis hin zu Bombenattentaten, denen unter anderem der unerschrockene Untersuchungsrichter Giovanni Falcone zum Opfer fiel.

„Corleone. Pate der Paten“: Zeitzeugen berichten aus erster Hand

Dem Filmautor Boucault gelang es, Zeitzeugen vor die Kamera zu holen, die aus erster Hand berichten. Beteiligte Juristen und Kriminalisten, aber auch Täter, die sich zur Aussage bereitfanden und zur Zeit der Dreharbeiten im Zeugenschutz lebten. Dementsprechend treten sie im Film vermummt auf.

Zwangsläufig wirkt vor allem der erste Teil mit seiner Konzentration auf die Interviewpartner etwas statisch. Der Film vermag trotzdem zu fesseln, weil die Befragten authentisch und sehr lebendig aus einem Lebensbereich erzählen, in den Außenstehende normalerweise keinen Einblick erhalten.

Wenn sich Boucault den jüngeren Jahrzehnten nähert, kann er vermehrt auf jeweils zeitgenössisches Material zurückgreifen. Es gibt Aufnahmen von den Mafia-Prozessen und sogar aus dem Gefängnis, in dem Salvatore Riina, genannt „die Bestie“, den Rest seines Lebens verbringen musste. Was ihn nicht hinderte – die Söhne standen schon bereit –, weiterhin seine Fäden zu ziehen.

Arte zeigt den Dokumentarzweiteiler im Rahmen eines Themenabends, der ferner die Produktionen„Das Gift der Mafia“ (20:15 Uhr) und die TV-Premiere des von neapolitanischen Jugendlichen selbst gefilmten Dokumentarfilms „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ (0:15 Uhr) umfasst. Der preisgekrönte und sehenswerte Film von Regisseur Agostino Ferrente wird bis 26. Oktober in der Arte-Mediathek zu sehen sein.

Lesen Sie auch:

Es gibt kein richtiges Leben ohne „Die Simpsons“

Wer „Die Simpsons“ nicht mag, hat etwas im Leben nicht verstanden. Eine Hommage an die Familie aus Springfield.

„Good Boys“: Ausreizen von Tabus

Der groteske High-School-Film „Good Boys“ über Initiationsriten unter Sechstklässlern ist eine überraschend originelle Sommerkomödie.

Maischberger. Die Woche

Eine Moderatorin auf der Suche nach einer Sendung

Neo Magazin Royale

Böhmermann zieht die AfD am Nasenring durch die Manege

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion