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Nilam Farooq als Naima in einer Szene des Films „Contra“.
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Nilam Farooq als Naima in einer Szene des Films „Contra“.

Film

„Contra“ im Kino: Sönke Wortmanns neuer Film aus Frankfurt

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mit Schopenhauer das Debattieren lernen: Sönke Wortmanns Anti-Rassismus-Komödie „Contra“ ist sein bester Film seit langem.

Frankfurt am Main - So ist das mit dem Kino nach den Corona-Lockdowns: Achtzehn Monate lag Sönke Wortmanns Anti-Rassismus-Komödie „Contra“ nun auf Halde. Und auch wenn das kein Grund zur Erleichterung ist: Wenigstens hat man sich kein Thema ausgesucht, das in der Zwischenzeit an Aktualität verloren hat. Bei der Kölner Weltpremiere am vergangenen Montag freute sich das Filmteam jedenfalls sichtlich darüber, wie frisch der Film tatsächlich noch immer wirkt. Und das, obwohl die Vorlage dieses Remakes, der französische Film „Die brillante Mademoiselle Neïla“, bereits von 2017 stammt.

Zeitlosigkeit kann freilich auch durch ein Ausblenden einer gewissen Alltagsschärfe entstehen. Wie so oft im deutschen Komödien-Mainstream, hält ein konstanter Grad an Glätte in Ausstattung und Fotografie potenziell verstörende Realitätssplitter ein wenig auf Distanz. Die Frankfurter Goethe-Uni, wo Jura-Studentin Naima (Nilam Farooq) zum ersten Semester aufschlägt, füllt die Leinwand spektakulär; ebenso wie die in Untersicht fotografierten Plattenbauten der Frankfurter Nordweststadt, wo sie mit ihrer marokkanischstämmigen Familie zu Hause ist. Wenn sie mit dem Freund ihrer Kindheit auf einem Dach abhängt, zeigen sich die fernen Türme des Bankenviertels wie eine unerreichbare Welt.

„Contra“ im Kino: Soziale Ungleichheit in Frankfurt mit Christoph Maria Herbst

Soziale Ungleichheit ist im Kino natürlich nicht nur eine Frage der richtigen Kulissen. Anders als in Frankreich, wo sich auch die populäre Unterhaltung beständig an Klassenfragen abarbeitet, spielen deutsche Komödien meist in der Mittelschicht. Es gibt kein Äquivalent zum Kino der Banlieue. So wirken auch die durchaus liebenswerten Szenen mit Naima und ihren Freunden eher wie Spuren des französischen Originals als um besondere Authentizität bemüht. Die Figuren agieren vor, nicht in diesen Kulissen. Die Frage, warum es der deutschen Gesellschaft so schwerfällt, Bildungsgerechtigkeit herzustellen, interessiert hier weniger. Was Wortmann jedoch hervorragend auf deutsche Verhältnisse überträgt, ist der alltägliche Rassismus.

Vergeblich hat sich Naima bei Kanzleien in Frankfurt um ein Praktikum bemüht und wird offensichtlich auf Grund ihrer ethnischen Herkunft abgewiesen. Als sie etwas verspätet zur Vorlesung des Jura-Professors Richard Pohl kommt, konstruiert dieser aufgrund ihrer Hautfarbe einen kulturellen Gegensatz zur Leitkultur der Pünktlichkeit. Es ist nur der Anfang eines entwürdigenden, pseudosüffisanten Angriffs, dem die Studentin beherzt Paroli bietet. Immerhin filmt ein Student den Vorfall, der sich alsbald im Internet viral verbreitet.

„Contra“ im Kino: Paternalistische Perspektive geschickt umschifft

In einer gerechten Welt würde der von Christoph Maria Herbst gespielte Hochschullehrer sogleich suspendiert – und wäre der Film zu Ende. Doch der Hochschulpräsident (Ernst Stötzner) hat einen anderen Einfall: Als sich Naima für einen Debattierwettbewerb anmeldet, soll der Rhetorikspezialist und Schopenhauer-Fan Pohl sie coachen. Das würde seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen.

Zu anderen Zeiten wäre dies der Beginn einer Pygmalion-Geschichte gewesen; glücklicherweise umschiffte schon das französische Original diese paternalistische Perspektive. Andererseits kann man sich bereits an dieser Stelle fragen, warum die junge Frau nicht nach seinen wahren Motiven fragt. Und überhaupt: Müsste ein von Hunderttausenden gesehenes Video nicht auch auf ihr Leben dramatische Auswirkungen haben?

Sönke Wortmann schafft mit „Contra“ etwas neues

Vielleicht sind es gerade solche Ungereimtheiten, die andere, wichtigere Qualitäten dieses Films hervortreten lassen. Wortmann und sein Darstellerpaar lassen die Versäumnisse im Hintergrund durch Spielfreude vergessen. Herbst kann dabei lässig auf die Persona seines Fernseh-Zynikers Stromberg zurückgreifen, Farooq aber schafft etwas Neues: Sie erspielt ihrer wenig komplex geschriebenen Figur eine bewundernswerte Tiefe. Es ist schon eine besondere Leistung, eine Figur bei einer geistigen Emanzipationsleistung zu zeigen, ohne dass sie zuvor als unvollkommen oder weniger autonom erschiene. Keine Frage, dass dieser Schauspielerin noch wunderbare Rollen bevorstehen.

„Contra“ im Kino: Die Besetzung

NameRolle
Nilam FarooqNaima Hamid
Christoph Maria HerbstProf. Dr. Richard Prohl
Hassan AkkouchMo
Ernst StötznerPräsident Lambrecht
Meriam AbbasLial

Bedauern kann man andererseits, dass sich die deutsche Drehbuchadaption weit weniger für Schopenhauer interessiert als das französische Original. Nur wenige der 38 Kunstgriffe seiner „Eristischen Dialektik“ werden demonstriert. Damit gerät auch eine interessante diskurstheoretische Ebene ins Hintertreffen. Denn einerseits wirbt diese Komödie für die Bedeutung der Debattierkultur als Waffe gegen antidemokratische Kräfte. Andererseits lehrte Schopenhauer ja auch recht sorglos den Einsatz von Fehlinformationen, wenn es denn dem Triumph des Redners diene. Sein um 1830 entstandenes Manuskript versteht sich als Anleitung, „mit erlaubten und unerlaubten Mitteln“ als derjenige zu erscheinen, der sich im Recht befindet.

„Contra“ im Kino: Weitere Infos

RegieSönke Wortmann
DrehbuchDoron Wisotzky
ProduzentChristoph Müller, Tom Spieß
Länge104 Minuten

Dennoch ist Wortmann, der mit seinem Frühwerk „Kleine Haie“ eine der originellsten deutschen Filmkomödien schuf, sein charmantester Film seit vielen Jahren gelungen. Dazu trägt auch eine kleine Szene bei, die Naima am Anfang mit ihren Freunden im Vorort zeigt. Ausgelassen spielen sie das Kartenspiel Werwolf – und scheinen gar nicht zu bemerken, dass sie längst den besten Debattierclub haben. (Daniel Kothenschulte)

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