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Hochwertige Action-Szenen in "Wir waren Könige".
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Hochwertige Action-Szenen in "Wir waren Könige".

„Wir waren Könige“

Sie tun das, was man am Computer spielt

Ein ungeschöntes Drama über eine stets gewaltbereite SEK-Einheit und eine Brennpunkt-Clique: „Wir waren Könige“ von Philipp Leinemann arbeitet sich an der Wirklichkeit ab und stellt triftige Fragen.

Von Anke Westphal

In letzter Zeit wurde wieder ausgiebig auf die DDR als Unrechtsstaat verwiesen. Dass man das wiedervereinigte Deutschland offenbar nur bedingt als Rechtsstaat bezeichnen kann, postuliert nun ein Film von Philipp Leinemann, ohne aber direkt mit diesem Begriff zu operieren.

„Wir waren Könige“ zeigt die Exekutive, insbesondere ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei beim Prügeln, Foltern und Töten gern auch von Unschuldigen sowie beim Vertuschen von Korruption und Kompetenzüberschreitungen. Und die „normale“ Polizei kommt auch nicht sonderlich gut weg.

Aber natürlich ist dies ein Kinospielfilm, der sich nur mittelbar, als ästhetisches Gefüge an der Wirklichkeit abarbeitet, ohne dass man ihn jedoch mit der Realität verwechseln darf. Oder ist das jetzt zu beschönigend? Fakt ist, dass man als Zuschauer noch nach jedem „Tatort“ oder „Polizeiruf“ im Fernsehen darum betet, bitte nie in die Hände der Staatsorgane zu fallen, erst recht nicht als Unschuldiger.

Das Bild, das filmische Fiktionen von Ermittlern und Anklägern zeichnen, ist katastrophal: Hinter großspurigen Macker-Attitüden, auch bei Polizistinnen, und Machtallüren verbirgt sich kaum nennenswerte Kompetenz.

„Wir waren Könige“ beginnt mit einem desaströsen SEK-Einsatz: In einem sogenannten Brennpunktviertel wird die Wohnung eines mutmaßlichen Verbrechers gestürmt, dies aber so stümperhaft, dass zwei der Verdächtigen dabei sterben, ein weiterer fliehen kann und ein SEKler schwer verletzt wird. Immerhin rettet das SEK eine Katze, die von einem der – natürlich – Migranten aus Böswilligkeit in die Backröhre des Küchenherds gesperrt wurde! Außerdem finden sich in einer Kommode noch 30 000 Euro, die aber gleich wieder verschwinden – in wessen Taschen, ist wohl klar.

Philipp Leinemanns Film konzentriert sich auf nur scheinbar konträre Männerwelten, die tatsächlich kaum etwas trennt: Hier SEK und Polizei, da Jugend- und andere Gangs, beide eint der alltägliche Umgang mit der Gewalt. Frauen haben hier keine Chance; als Mahnerinnen werden sie schon gar nicht gehört. Die einzige Polizistin des Films steht vor der Alternative, zu den tätlichen Übergriffen und Bestechungsfällen zu schweigen und – nur eventuell – Karriere zu machen, oder aber kalt gestellt zu werden als Streife.

Dies ist eine mehr als graue, nämlich düstere, oft nächtliche Welt, die vollkommen selbstbezüglich organisiert ist und in die weder Empathie noch Selbstkritik Eingang finden. Nicht zufällig steht auf einem Zettel im SEK-Büro: „Wir sind das, was ihr am Computer spielt.“ Ein Zitat Goethes ist dem Film etwas pathetisch vorangestellt, offenbart aber noch einmal auf verbaler Ebene die Haltung des Regisseurs zu den Geschehnissen: „Furchtbar ist der bedrängten Unschuld letzter Blick.“

Quälen und prügeln

Ein solcher Blick fällt auf den SEK-Gruppenleiter Kevin (Ronald Zehrfeld), der gemeinsam mit seinen Leuten einen unbescholtenen Jungen furchtbar quält und prügelt, weil er ihn für einen zweifachen Polizistenmörder hält.

Dabei ist Ioannis (Oliver Konietzny) die Mordwaffe von einem arabischstämmigen Jungen untergeschoben worden: Der 13-jährige Nasim wollte dem Älteren heimzahlen, dass der ihn nicht ernst nahm als Freund und ein Geschenk abwies. Mit seiner Lüge und einem weiteren Verrat löst Nasim, der unbedingt bei den Großen mitmachen möchte, eine Welle von Gewalt aus.

Nicht allein in der Figur des Jungen reißt „Wir waren Könige“ das soziale Grundproblem der Existenz in solchen Milieus an: das der Zugehörigkeit. Man kann hier auch sagen: das der Männerbündnisse. Zugehörigkeit bedeutet zwar Schutz, erfordert aber unbedingte Loyalität – auch im Fall von Rechtsbrüchen. Dass Gesetzeshüter und Gesetzlose dabei nicht einmal mehr ein schmaler Grat trennt, wird in vielen hochverdichteten Action-Szenen inszeniert – es sind fast zu viele; der Film kommt kaum zur Ruhe.

Das hat er mit vielen US-amerikanischen Cop-Thrillern und auch mit seinen Protagonisten gemein, die lange über die von ihnen repräsentierten Männerbilder nicht hinausweisen. Erst zum Ende hin zerfällt die verschworene SEK-Gemeinschaft unter der Erkenntnis, dass es nur einen Unterschied zu den Kriminellen gibt: SEK und Polizei kommen davon mit ihren Verbrechen. So will Kevin nicht weiterleben.

Sehr gut besetzt, unter anderem noch mit Misel Maticevic als quasi pathologischem SEKler und mit Thomas Thieme als Vorgesetztem, der die Selbstjustiz-Praxis seiner Männer deckt, fragt „Wir waren Könige“ auch danach, was aus Menschen wird, die letztlich nichts als Gewalt kennen.

Wir waren Könige. Dtl. 2014. Drehbuch & Regie: Philipp Leinemann. 107 Minuten.

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