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Comedian Till Reiners: „Ich kann verstehen, dass man anfängt, hier die Panzer nachzuzählen“

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Von: Rudolf Ogiermann

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„Es gibt guten und schlechten Humor. Fertig“, sagt Till Reiners. Foto: Daniel Dittus/ZDF
„Es gibt guten und schlechten Humor. Fertig“, sagt Till Reiners. © ZDF und Daniel Dittus

Till Reiners, neuer Gastgeber der „Happy Hour“ auf 3sat, über lustige TV-Sendungen während des Ukraine-Kriegs, sein Befremden über Aufrüstungs-Fantasiesummen und Kanzler Scholz als Fall fürs Kabarett.

Herr Reiners, am Sonntag wird aus „Pufpaffs Happy Hour“ „Till Reiners’ Happy Hour“. Was ändert sich außer dem Namen?

Der Moderator.

Und sonst?

Ich glaube, ich bringe einen etwas anderen Stil mit. Und ich versuche, mehr junge Leute einzuladen, vor allem aus der Berliner Stand Up-Szene.

Sie treten gegen den „Tatort“ an.

Das ist ein Gegner auf Augenhöhe. (Lacht.)

In Internet-Lexika werden Sie als Comedian geführt, nicht als Kabarettist. Geht das in Ordnung?

Ja, das geht in Ordnung, ich werde sehr gerne Comedian genannt.

Warum?

Kabarettisten müssen immer so staatstragend politisch sein, Comedians dürfen alles sein, das liegt mir sehr viel näher und gibt viel besser wieder, was ich mache. Ich würde mir auch wünschen, dass diese Kategorien endlich aufgelöst werden. Das ist eine sehr deutsche Spezialität zu sagen: Er hat Humor, aber er denkt auch nach. Da denke ich mir dann: Es gibt guten und schlechten Humor. Fertig.

Jetzt herrscht Krieg in der Ukraine, und im deutschen Fernsehen läuft Comedy. Wie fühlen Sie sich dabei?

Man muss das mitdenken. Und dem Publikum klarmachen, dass man kein verrückter Clown ist, der nur sein Programm abspult. Ihm bedeuten, dass das alles ganz schrecklich ist, es hier aber eine Dreiviertelstunde Ablenkung gibt. Das ist ein Angebot, das die Leute annehmen können. Oder sagen: „Darauf habe ich jetzt keinen Bock.“

„Frieden schaffen ohne Waffen“ ist ja für viele momentan ein bisschen out. Wie finden Sie, dass jetzt sogar die Grünen für Aufrüstung sind?

Ich bin immer dann skeptisch, wenn alle dasselbe wollen. Da würde ich gerne sagen: Können wir da erst mal einen Moment drüber reden? Ich kann verstehen, dass man anfängt, hier die Panzer nachzuzählen, wenn man sieht, dass die Ukraine brennt. Aber mich erstaunt, dass da gleich so eine runde Summe genannt wird.

Sie meinen die 100 Milliarden Euro?

Zur Person

Till Reiners, 1985 in Duisburg geboren, hat Politikwissenschaften in Trier studiert und lebt sei 2009 in Berlin. Er wurde zunächst mit Auftritten bei Poetry Slams bekannt, zu seinen Bühnenprogrammen gehörten dann Abende wie „Da bleibt uns nur die Wut“, „Auktion Mensch“ und – seit 2021 – „Flamingos am Kotti“. Er verkörpere „in herausragender Weise den modernen Humor einer jungen, großstädtischen Bevölkerung“, urteilte die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises.

Im Fernsehen ist Reiners Stammgast bei Satiresendungen wie „Die Anstalt“ und „heute show“ (beide ZDF). Am Sonntag, 20.15 Uhr, moderiert er erstmals das 3sat-Format „Happy Hour“, das er von Sebastian Pufpaff übernimmt. Gäste der ersten Sendung: Torsten Sträter, Max Uthoff, Kirsten Fuchs und die Band Tocotronic.

Ja. Das ist so ’ne Fantasiezahl. Sollte man nicht erst mal überlegen, was man braucht und dann zusammenrechnen, was es kostet? Das ist schon ein bisschen dreist, dass man in zwei, drei Tagen entscheidet, so viel Geld auszugeben, während Menschen in den Kliniken seit zwei Jahren dafür kämpfen, anständig bezahlt zu werden in einer Pandemie.

Was beschäftigt Sie außerdem in der Politik?

Ich bin gespannt, wo es hingeht in Sachen Klimaschutz. Ob da in Berlin wirklich gedacht wird: Okay, wir versuchen es! Vielleicht wirken sich die Sanktionen gegen Russland ja positiv aus. Ich finde es spannend zu beobachten, wohin sich die Ampel entwickelt. Ist das jetzt eine linke Regierung, eine Weiter-so-Regierung? Was ist das eigentlich für eine Regierung? Die scheinen ja noch sehr in der Selbstfindungsphase zu sein. Überschattet von diesem Krieg.

Der Krieg als Chance für eine Wende in der Klimapolitik?

Ja. Ich glaube, die Realität ist zynisch. Ich bin es nicht, ich stelle es nur fest.

Einst hieß es, Kohl sei ein Kanzler fürs Kabarett, später wurde das über Schröder gesagt, dann über Merkel. Was ist mit Scholz?

Wenn man Lust hat, sich mit Personen zu beschäftigen, ist er auf jeden Fall ein Kanzler fürs Kabarett. Ich war doch erstaunt, wie viel ich mich selbst mit Scholz beschäftige, weil er mich so aufregt mit seiner Nicht-Ambition, auf Fragen zu antworten. Ansonsten gehöre ich nicht zu denen, die ihn nachmachen. Ich kann das gar nicht. Wenn ich über Politik rede, will ich eher erklären, wie sie funktioniert. Die Dinge einordnen. Ich habe allerdings bis jetzt auch noch keine gute Scholz-Imitation gesehen.

Wenn Sie in sich hineinschauen: Sind Sie jemand, der sich gerne aufregt – oder bleiben Sie cool?

Nee, ab und an rege ich mich schon auf. Ich bin auch froh, dass ich das auf der Bühne kanalisieren kann. So immer über den Dingen stehen kann und will ich nicht.

Auch Kabarettisten und Kabarettistinnen können in einen Shitstorm geraten. Ist Ihnen das schon mal passiert?

Zum Glück noch nicht. Aber das wird kommen.

Jetzt, mit der Moderation der „Happy Hour“?

Grundsätzlich! Je länger man dabei ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit. Irgendwann kriegt man dann auch mal einen. Das gehört zum Beruf dazu.

Ist durch die Sozialen Netzwerke Deutschland ein Land geworden, in dem man sich furchtbar aufregt über Nichtigkeiten?

Ja, auch dadurch. Manchmal gehen den Leuten die Maßstäbe verloren. Ich habe neulich einen Beitrag gemacht für die „heute show“, in dem es darum ging, wie man Putins Krieg sanktionieren kann, beispielsweise indem man die Heizung drosselt oder Tempo 130 fährt. Und da hat bei Instagram jemand drunter geschrieben: „Diese Satire macht mir Angst, das Tempolimit wollt ihr ja wirklich!“ Und ich dachte: Wenn das die größte Angst ist für dich gerade, dass du Tempo 130 fahren musst, dann herzlichen Glückwunsch!

Interview: Rudolf Ogiermann

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