Letztes Jahr in Cannes.
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Letztes Jahr in Cannes.

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Comeback des Heimkinos

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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In vielen deutschen Städten wurden die Kinos wegen der Corona-Krise bereits geschlossen. Die Mediatheken und Streaming-Dienste bieten sich als Alternativen an.

„Kein Tag ohne Kino“ heißt eine Anthologie, die das Deutsche Filmmuseum Frankfurt einmal über den Stummfilm herausgab, und tatsächlich standen die Projektoren in diesem Land nur sehr selten still. Selbst in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs spielten die Kinos, so lange sie noch standen. So wollte es das Propagandaministerium. Noch im April 1945 sind Kinovorstellungen dokumentiert, und zum Jahresende spielten die ersten Kinos schon wieder regulär.

Nun rechnen die deutschen Kinobetreiber mit dem kompletten „Shutdown“. In Köln sind bereits seit Sonntag sämtliche öffentlichen Veranstaltungen verboten, in Berlin gilt dies ab 50 Teilnehmern. Auch das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt hat den Spielbetrieb seit Samstag eingestellt. In Hessen dürfen die Kinos zwar noch öffnen, aber es laufen keine neuen Filme mehr an. Die Filmverleiher halten ihre attraktiven Premieren oft bis zum Herbst zurück, man kann es ihnen nicht verdenken. Dabei hatten sich die meisten Filmtheater noch in der vergangenen Woche ihr Ticketsystem so umprogrammiert, dass die Säle nur noch teilweise gefüllt und automatisch Sperrsitze freigelassen werden.

Nun schaut alles nach Cannes, wo für den 12. Mai das 73. Filmfestival geplant ist. Am Mittwoch zeigte die Webseite des Filmfestivals noch unbeirrt eine Countdown-Uhr: „Noch 55 Tage bis zur Eröffnung“. Kaum jemand in der Filmbranche kann sich das jetzt noch vorstellen.

In Deutschland wurden bereits die meisten Filmfestivals bis in den Mai abgesagt, darunter die Kurzfilmtage Oberhausen und das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart. Oberhausen möchte seine wichtigsten Sektionen stattdessen online stellen, fühlt sich aber zugleich von einem wichtigen Förderer im Stich gelassen: Der Kulturkanal 3Sat kündigte schon Ende Februar die seit 1999 bestehende Zusammenarbeit auf, inklusive ausgelobtem Preis und der Ausstrahlung prämierter Filme.

Kein Tag ohne Kino – auch im Fernsehen schien das lange undenkbar. Doch wenn nun wirklich kein Kino mehr in Deutschland spielen sollte, ist das Fernsehen kaum eine Alternative. Fast alle ARD-Anstalten haben ihre Filmredaktionen aufgelöst, in den Mediatheken finden sich nur sehr wenige Spielfilme. Stattdessen gibt es bei ARD und ZDF, oft fälschlich als „Spielfilm“ deklariert, ein Überangebot überwiegend minderwertiger Unterhaltungsproduktionen, in denen die Genrevorlieben der 50er Jahre wieder auferstehen: Heimatfilme, Arztfilme, „Heiter-Besinnliches“ und unzählige Polizeifilme.

Wo also finden Kinogängerin und Kinogänger nun die Alternativen? Mit Wehmut erinnert man sich daran, wie in der Vergangenheit selbst ein verregneter Sommer für ein drittes Programm Grund genug war, sein Publikum mit einem „Schlechtwetterkino“ aus Filmschätzen zu verwöhnen. Selbst in den Mediatheken sind sie eine Seltenheit geworden. Dennoch sollte man sie von Zeit zur Zeit durchforsten – es ist zumindest lohnender als die Jagd nach Klopapier im Supermarkt.

Auf Arte findet man derzeit ein wahres Stummfilmfestival, darunter die jüngst auf der Berlinale aus der Taufe gehobene Neurestaurierung des expressionistischen Klassikers „Das Wachsfigurenkabinett“ nebst seinem gerade hundert Jahre alt gewordenen Vorboten, „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Auch King Vidor, der Held der letzten Berlinale-Retro, steht gerade mit einem Meisterwerk online, „Ein Mensch der Masse“. Weniger reich ist das Angebot an aktuelleren Spielfilmen. Die Zeiten, in denen Fernsehsender internationale Filmkunst auf Festivals ankauften, ist weitgehend vorbei, und selbst ihre internationalen Koproduktionen machen sie kaum online zugänglich. Eine Ausnahme ist auf Arte Nicolette Krebitz’ sinnlich-animalisches Kammerspiel „Wild“, dem von der Redaktion spannenderweise Neil Jordans jenseitiger Märchenfilm „Die Zeit der Wölfe“ gegenübergestellt wurde.

Wer zahlungspflichtige Streamingdienste abonniert hat, wird dort eher mit Serien als mit Spielfilmen verwöhnt. Immerhin gelingt es Netflix, stets eine Handvoll der besten US-Produktionen mitzuverantworten. Neben Noah Baumbachs „Marriage Story“ und Martin Scorseses „The Irishman“, ist etwa Steven Soderberghs Trickster-Komödie „Die Geldwäscherei“ dort zu finden. Recht neu im Programm ist eine weitere kultverdächtige Thriller-Farce, „Uncut Gems“ mit Adam Sandler. Daneben spielt Netflix gerade eine Retrospektive der Trickfilmmeisterwerke des japanischen Studios Ghibli.

Am 24. März erwarten Streamingfans den Start von „Disney Plus“, das für 6,99 Euro neben zahlreichen Klassikern des Studios auch mit der neuen Star-Wars-Serie „The Mandalorian“ aufwartet. Für den US-Konzern geht es gerade um eine Menge: Sämtliche Disney-Vergnügungsparks auf der Erde sind geschlossen, die Aktie verlor in weniger als einem Monat mehr als ein Drittel ihres Werts. Ob allerdings „Disney Plus“ eine Alternative für verhinderte Kinobesuche sein kann? Man darf es bezweifeln. Auch dieses Studio hält seine neuen Blockbuster wegen der Corona-Krise erst einmal zurück.

Wer im Internet nach anspruchsvollem Kino sucht, für den bieten sich eher kleinere Streamingdienste als Alternativen an. Der bekannteste unter den Arthouse-Kanälen ist Mubi: Hier sind immer nur 30 Filme auf einmal im Angebot, jeden Tag wird ein Film gelöscht und durch einen anderen ersetzt. Die Kuratoren der türkischen Gesellschaft zeigen sich dabei kosmopolitisch – neben Klassikern von Jacques Tati und Charlie Chaplin findet sich Christoph Schlingensiefs erster 8mm-Versuch oder Sean Bakers wunderbarer U.S.-Independentfilm „The Florida Project“. Der Focus reicht bis zu neuen künstlerischen Filmen zum Beispiel aus Bhutan („The Red Phallus“) und dem Sudan („Talking About Trees“).

Es geht aber noch spezieller: Als „The greatest cinema on demand“ präsentiert das British Film Institute seinen „BFI Player“. Tausend klassische britische Werke sind kostenlos zu sehen, für fünf Pfund extra gibt es internationale Filmkunst im Abo. Gerade ist Tilda Swinton Gastkuratorin und teilt ihre Lieblingsfilme von Pier Paolo Pasolini („Medea“), Apichatpong Weerasethakul („Onkel Boonmee“) oder Yasujiro Ozu („I Was Born, But ...“). Wie es aussieht, kann man die nächsten Wochen also auch zu Hause reichlich großartige Filmkunst entdecken. Das heißt, falls das Netz nicht zusammenbricht, weil ganze Wirtschaftsbereiche ins Home-Office verlegt werden.

Und das ist gar nicht einmal so abwegig: Am Wochenende meldete der Schweizer „Tagesanzeiger“, dass die dortige Regierung notfalls auch Streamingdienste wie Netflix abschalten würde, um die Internetversorgung zu sichern. Seien wir gespannt.

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