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„Come On, Come On“ im Kino: Onkel sein dagegen sehr

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Von: Daniel Kothenschulte

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Joaquin Phoenix als Johnny und Woody Norman als Jesse in dem Film „Come On, Come On“.
Joaquin Phoenix als Johnny und Woody Norman als Jesse in dem Film „Come On, Come On“. © epd

So fein, so wirkungssicher: Mike Mills’ generationsübergreifendes Roadmovie „Come on, Come on“ mit Joaquin Phoenix.

Im US-amerikanischen Kino kam die Verbindung von „Vater“ und „Sohn“ meist mit einem dritten Wort daher, „Konflikt“. Entweder konnten es Söhne ihren Vätern nicht recht machen (James Dean in „Jenseits von Eden“), oder sie mussten in ihnen das dringend gesuchte Vorbild vermissen (James Dean in „Denn sie wissen nicht was sie tun“). Fast konnte man meinen, bedingungslose Vaterliebe Töchtern gegenüber sei in Hollywood eine Selbstverständlichkeit („Vater der Braut“), Söhnen gegenüber aber ein Tabu; und sah man sie dann doch, dann galt sie wahrscheinlich nur einem Findelkind wie in Charlie Chaplins „The Kid“.

Der Independentfilmer Mike Mills hat in seinem kleinen, aber feinen Werk einen Gegenentwurf geschaffen – inspiriert von seiner engen Beziehung zu den eigenen, verstorbenen Eltern. In „Beginners“ inszenierte er ein zärtliches Vater-Sohn-Verhältnis mit Christopher Plummer als Witwer, der sich gegenüber seinem von Ewan McGregor gespielten Sohn als homosexuell outet. Mills’ Mutter stand Patin für die von Greta Gerwig verkörperte „20th Century Woman“: Ihre Lebensweisheit („Was immer du dir vorstellst, wie dein Leben sein könnte – sei gewiss, es wird alles andere als das“) könnte auch über „C’mon, C’mon“ – in deutschen Kinos als „Come on, Come on“ – stehen.

Johnny, ein kinderloser, nicht mehr ganz junger Radioreporter in New York, muss sich plötzlich um seinen neunjährigen Neffen aus Los Angeles kümmern. Seine Schwester, zu der er kaum Kontakt hält, folgt ihrem psychisch kranken Mann nach San Francisco. Da Johnnys aktuelles Projekt von Kindern handelt – er bereist die USA, um die jüngste Generation nach der Zukunft zu fragen –, nimmt er den Jungen einfach mit auf seinen Roadtrip.

Wie im Urbild aller männlichen „Jungfrau zum Kind“-Geschichten im Kino, Chaplins bereits erwähntem Stummfilm „The Kid“, spielt das Kind den Star leichthändig an die Wand. Der Star ist Joaquin Phoenix in seiner ersten Rolle seit Batmans „Joker“, das wahre Ereignis aber ist Woody Norman als Jesse.

Seine Rolle ist hochkomplex; es ist ein ungemein intelligentes Kind, was es ihm eigentlich leichter macht, mit einem ihm fremden Erwachsenen zu kommunizieren. Doch die Krise, die ihn überhaupt erst in die Obhut des Onkels gebracht hat, spiegelt sich sichtlich in seinem Verhalten. Sein Lieblingsspiel besteht darin, sich als Waisenkind aus einem Charles-Dickens-Roman auszugeben. Als Interviewkandidat für das Radioprojekt will er sich jedenfalls nicht zur Verfügung stellen.

Die fremden Städte – New York, Detroit, New Orleans – helfen, die Fremdheit zwischen den beiden abzubauen. Visuell wird dieser Eindruck verstärkt durch die meisterhafte Schwarz-Weiß-Fotografie (Kamera: Robbie Ryan). Sie trägt zusätzlich dazu bei, den Fokus auf die Menschen zu lenken: Die semidokumentarischen Interviewszenen mit den Kindern erinnern dabei an das soziale Kino des „Direct Cinema“ der 1960er Jahre. Auch die altmodische Tontechnik, die Johnny mit sich herumschleppt, huldigt der klassischen Zeit des humanistischen Dokumentarfilms.

Und was die Kunst der Komödie betrifft, entsteht in der Verbindung aus schwarz-weißer Großstadtfotografie und hinreißenden Dialogen eine Art Neuerfindung des Woody-Allen-Prinzips für die Gegenwart: geistreich und voller Leben, aber frei von Egozentrik und Außenseiterromantik. Wer Woody Allen für seine Fixiertheit auf das eigene Mittelschichtmilieu kritisiert, könnte das auch Mike Mills vorwerfen.

Die Tatsache, dass sich das Interviewprojekt migrantischen Kindern widmet, betont umso mehr das bildungsbürgerliche, sich seiner Privilegien jedoch nicht wirklich bewusste Milieu des Protagonisten. Aber es ist nun einmal das Ähnlichste zur Bohème in unserer Zeit, und dieser Kritiker müsste schon im Glashaus mit Steinen werfen, wollte er sich davon glaubhaft distanzieren. Nein, es ist gut, dass es noch Filme gibt, die den liberalen Geist feiern, aus dem Kulturarbeit entsteht.

Für Mike Mills – und man muss auch die wunderbaren Filme seiner Frau Miranda July in diesem Zusammenhang sehen – ist privates Glück nicht der Gegensatz, sondern der Nährboden von Coolness. Auch wenn dies die Geschichte eines Onkels und eines Neffen ist, geht es doch eigentlich um Vaterglück.

Die schönsten Szenen spielen beim Vorlesen von Kinderbüchern. Wie bei Intellektuellen üblich, schaffen es dabei auch kurze Bilderbücher selten zu einem Vortrag, der nicht durch Verbesserungsvorschläge unterbrochen wäre. So ist nun einmal Kultur: kein Konsum, sondern Dialog.

Und so ist Kunst: ein Quell der Freude und ein Steinbruch für Kritik. Wenn das hier einmal so platt gesagt werden darf, dann weil Mike Mills’ Werk seine kunstaffine Botschaft eben auch so unbeirrt pädagogisch formuliert. „C’mon, C’mon“, dieser feine kleine Film, ist auf seine bescheidene Art so wirkungssicher wie sein jazziger Titel.

Come on, Come on. USA 2021. Regie: Mike Mills. 114 Min.

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