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Begnadet, aber erfoglos: Oscar Isaac als Llewyn Davis.
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Begnadet, aber erfoglos: Oscar Isaac als Llewyn Davis.

Filmkritik „Inside Llewyn Davis“

Die Coen-Brüder drehen die Zeit zurück

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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In ihrer wunderbaren Folk-Ballade „Inside Llewyn Davis“ reisen die Coen-Brüder in die Zeit, die Bob Dylan prägte. Es ist ihr bisher persönlichster Film.

Als der Regisseur Ang Lee vor einigen Jahren einen nicht sehr erfolgreichen Spielfilm über das legendäre Woodstock-Festival drehte, klagte er über die Schwierigkeiten, passende Statisten zu finden. „Die jungen Leute von heute haben einfach keine Schamhaare mehr.“ Glücklich, wer auf Nacktszenen verzichten kann und junge Schauspieler für einen Film über die Folk-Szene der frühen Sechziger sucht: Gepflegte Vollbärte, wohin man blickt.

So stellen wir uns heute das New Yorker Greenwich Village um 1961 vor, dessen Folk-Kneipen Bob Dylan zu Ruhm verhalfen und die weitere Musikgeschichte so nachdrücklich prägten. Man muss schon zweimal hinsehen, um das Filmplakat mit Oscar Isaac in der Titelrolle von „Inside Llewyn Davis“ nicht für ein klassisches Album-Cover zu halten: Ein junger Mann mit schwarzem Vollbart bahnt sich da seinen Weg durch das Village, versonnen aber doch fest entschlossen, für die Kunst keine Kompromisse einzugehen – in der einen Hand den Gitarrenkoffer, auf der anderen eine Katze, die aussieht, als sei sie gerade Holly Golightly höchstpersönlich weggelaufen, Audrey Hepburns Heldin aus „Frühstück bei Tiffany“.

Doch blättern wir wirklich einmal durch die alten Fotos, hätte der junge Mann damals schon recht ungewöhnlich ausgesehen. Bärte? Selbst der Barde Pete Seeger und Beatnick-Poet Allen Ginsberg waren 1961 noch gar nicht soweit und hatten ihre Rasierer in täglichem Gebrauch.

Aber Joel und Ethan Coen, deren wunderbarer Bluegrass-Soundtrack zu „O Brother Where Art Thou“ selbst zu einem Albumklassiker wurde, sind vielleicht Ironiker – aber plumpe Anachronismen wären ihnen fremd. Der Musiker, dessen Leben diesen nicht weniger wunderbaren Film vor allem inspiriert hat, trug tatsächlich einen Bart. In vieler Hinsicht war dieser Dave Van Ronk seiner Zeit voraus, auch wenn der Name des Mannes, den Dylan den „König von Greenwich Village“ nannte, heute kaum noch geläufig ist. Auf dem Cover des Albums, das seine besten Songs versammelt und den Titel trägt „Inside Dave Van Ronk“, zeigt er sich ebenfalls mit einer Katze. Darauf ist auch das herzzerreißende, masochistische Liebeslied zu finden, mit dem dieser Film beginnt: „Hang Me, Oh Hang Me“.

Gegen den Kommerz

Aber „Inside Llewyn Davis“ ist kein Biopic. Auch andere Folk-Heroen flossen in die Figur des Llewyn Davis ein, vor allem der einflussreiche, früh verstorbene Phil Ochs. Der aber erreichte, ebenso wie Dylan, New York erst etwas später. Und genau das macht diese Zeitreise so spannend. Niemand, nicht einmal die Musiker selbst, hatten eine Ahnung davon, wie bedeutend die kollektive Wiederentdeckung der amerikanischen Folklore sein sollte.

Und doch muss man all das überhaupt nicht wissen, um diesen Film über einen zornigen jungen Mann zu lieben, der es sich mit jedem verscherzt, weil es ihm viel zu ernst damit ist, sich treu zu sein. So war es eben mit dem Folk: Wer ihn sang, konnte auf keine Chart-Erfolge hoffen. Umso mehr verachtete man dessen Pop-Variante – selbst wenn so gute Menschen wie Harry Belafonte den „Banana Boat Song“ sangen.

Der Zorn des Llewyn Davis reicht so weit, das freundliche Akademiker-Ehepaar zu vergrätzen, das ihm Obdach bietet – nur weil man nach dem Abendessen gern noch ein Lied von ihm hören würde. Einmal reist er durchs halbe Land, um einem Club-Besitzer in Chicago vorzusingen. Wie leicht wäre ein potenzieller Publikumshit aus dem Ärmel zu schütteln. Doch Davis entscheidet sich lieber für die tiefschwarze Ballade „The Death of Queen Jane“ über die Not einer Schwangeren.

In seiner tragikomischen Melancholie ist es ein Film, wie es ihn auch schon in den frühen Sechzigern hätte geben können, doch das alte Hollywood löste sich gerade in Wohlgefallen auf, und vergoldete den Zeitgeist lieber in der geballten Zauberhaftigkeit von „Frühstück bei Tiffany“. Und das unabhängige Kino war noch nicht ganz so weit; erst 1967 erschien D.A. Pennebakers Dylan-Film „Don’t Look Back“.

So haben die Coen-Brüder gewissermaßen die Zeit zurückgedreht und einen Lieblingsfilm für die Zukunft hineingelegt wie ein Kuckucksei. Und vielleicht sogar einen besseren Ersatz für die nie gemachte Verfilmung von „Der Fänger im Roggen“.

Es ist ihr bisher persönlichster Film, eine Reise ins Innenleben eines zornigen jungen Mannes, der – vielleicht wie die Filmemacher selbst – seine Kunst in einer Welt betreibt, die andere für ein Geschäft halten. Zu verdienen jedoch gibt es mit den Liedern wenig, denn der große Durchbruch von Sängern und Songpoeten wie Bob Dylan, Peter, Paul und Mary oder Simon & Garfunkel, die Anfang der Sechziger in den verrauchten Bars von Greenwich Village reüssierten, ist noch nicht abzusehen. Es ist genau die richtige Medizin für eine Gegenwart, die Erfolg gern mit Qualität verwechselt. In seinen reduzierten Farben geht der Film dabei auch die Distanz zum buntfarbigen „Mad Men“-Retro-Look.

Wie ein klassischer Folksong beginnt und endet „Inside Llewyn Davis“ mit dem selben Thema, dem Song „Hang Me, Oh Hang Me.“ „Halt schon mal das Seil“, heißt es im tieftraurigen Text, „aber warte noch, ich sollte meinen Vater noch mal sehen.“ Diese Reise beschreibt dann auch die Geschichte, die von einem New Yorker U-Bahn-Film zum Roadmovie gerät. In die Einsamkeit des jungen Protagonisten, der unbemerkt ein Mädchen geschwängert hat, sich mit seinem Trio überworfen und nur die Couch von Freunden als Schlafplatz hat, mischt sich freilich ebenso viel Komik: Etwa als er versehentlich die Katze seiner Gastgeber aus der Wohnung aussperrt und sie somit zum Reisegefährten machen muss.

Wie in jedem wirklich guten Musikfilm sind in „Inside Llewyn Davis“ die Songs nicht vom Lebensgefühl zu trennen, das sie hervorgebracht hat. Isaac und seine von Carey Mulligan und Justin Timberlake gespielten Musikerfreunde spielten alle Songs live während der Filmaufnahmen ein, was den Clubszenen eine seltene Anmutung von Authentizität verleiht. Für das geplante Soundtrack-Album ließen es sich die audiophilen Coens und ihr Musikproduzent T Bone Burnett allerdings nicht nehmen, bereits vorab glasklare Studioversionen einzuspielen. Wie der Film mogelt sich auch das Album quer durch die Zeiten mitten in die Stapel unserer Lieblingsplatten. Weshalb diese Kritik ausnahmsweise mit einem vorweihnachtlichen Geschenktipp endet.

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