Hannes Ringstetter und seine Gäste im ARD-Talk „Club 1“.
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Hannes Ringstetter und seine Gäste im ARD-Talk „Club 1“.

CLUB 1, ARD

Souverän, charmant, harmlos und etwas bieder: Hannes Ringlstetter recycelt im ARD-Talk „Club 1“ ein altes Format

  • Peter Hoch
    vonPeter Hoch
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Musiker und Entertainer Hannes Ringlstetter feiert mit seiner Talkshow „Club 1“ Premiere im Ersten.

  • Die neue ARD-Talkshow „Club 1“ mit Hannes Ringlstetter und Caro Matzko bedient sich unter anderem bei Jürgen von der Lippe.
  • Die Gäste: Popgeiger David Garrett, Moderatorin und Influencerin Cathy Hummels, Kabarettist Tobias Mann, Ex-Profi-Leichtathletin Heike Drechsler und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken.
  • Die Sendung bietet passable Unterhaltung und am Ende zollen Niedecken, Garrett und Ringlstetter Bob Dylan musikalisch Tribut.

Um gleich etwas klarzustellen: „Neu definiert“ wird das Talkformat mit dem Überraschungsgast-Konzept von „Club 1“, der am 06.10.2020 gestarteten, eineinhalbstündigen ARD-Show, entgegen der vollmundigen Ankündigung des Senders wahrlich nicht – höchstens recycelt.

Nur wenige Fernsehzuschauer erinnern sich vielleicht noch an Werner Höfers kurzlebige Sendung „Auf den ersten Blick“ von 1977, deutlich mehr aber wohl daran, wie zwischen 1995 und 2005 Jürgen von der Lippe beim ziemlich kultigen „Wat is?“ von seiner Redaktion und Kameramann Günter „Günni“ Müller mit Gesprächspartnern auf den Zahn gefühlt wurde, auf die er sich nicht vorbereiten konnte.

Waren es jedoch bei Deutschlands bekanntestem Hawaiihemdträger in den allermeisten Fällen unbekannte „Normalsterbliche“ mit ungewöhnlichen Geschichten, Hobbys oder Berufen, denen der spitzbübische Moderator oft Erstaunliches entlocken konnte, sieht die Sache fünfzehn Jahre später anders – und deutlich betulicher – aus. Der bayerische Entertainer und Musiker Hannes Ringlstetter plauscht unterstützt von seiner Kollegin Caro Matzko, die ihm auch schon in seiner BR-Talkshow „Ringlstetter“ zur Seite steht, wie einst Höfer jedoch ausschließlich mit Prominenten.

Als Zuschauer kann man die Gästeliste bei Bedarf vorab schon online einsehen oder bekommt sie – wenn man nicht nach entsprechendem Hinweis kurz wegsieht – zu Sendungsbeginn in einem Einspieler gespoilert. Ringlstetter kennt aber lediglich den finalen musikalischen Gast, den er selbst ausgewählt hat. Bei allen anderen Teilnehmern der sich allmählich bildenden Talkrunde lauert man gespannt, ob der Moderator sie nach Anschauen eines kurzen „Wer bin ich?“-Hinweisfilms erkennt, wenn sie die Studiobühne betreten, oder ob Matzko helfend auflösen muss.

Hannes Ringlstetter und David Garrett.

„Club 1“ (ARD): Tequilagenuss in plüschiger Retro-Optik

Alle Zeichen stehen somit auf Entertainment, Humor und Improvisation, was in der passablen, etwas biederen Debütshow dann auch sowohl dem Publikum zu Hause als auch den wenigen Auserwählten im plüschig-dunklen Studio geboten wird. Letzteres ist mit seinen im Kreis aufgestellten, senf-goldfarbenen Samtsesseln und blaugrünen Vorhängen ganz auf 1970er-Optik getrimmt, was älteren Zuschauern wohlige Aha-Gefühle bereiten und von der Generation U-35 als nette Retro-Spielerei wahrgenommen werden dürfte, sofern sie denn überhaupt noch für Talkshows einschaltet.

Nach der einleitenden Konzepterläuterung heißt es dann: Auftritt erster Gast, und der ist gleich ein echter Weltstar: Pop-Geiger David Garrett spricht beschwingt über die Besonderheiten und Tücken seines Instruments, die Liebe zur Musik, seine Jugend und seinen beruflichen Werdegang, natürlich nicht ohne im Überraschungspaket für den Moderator – das jeder Gast für Ringlstetter im Gepäck haben wird – mit Stradivari-Sachbuch, Qualitäts-Tequila und Sodbrennenblocker auch seine neue CD zu präsentieren.

Lockere Gespräche mit Promigästen in „Club 1“ (ARD)

Den zweiten Gast, der sich dazugesellt, erkennt Ringlstetter nicht auf Anhieb, aber auch mit Moderatorin und Influencerin Cathy Hummels kommt er nach der Auflösung gut ins Gespräch über neue Medien und ihren Job, sowie über ernstere Dinge wie Depressionen und Panikattacken. Die ereilten die Fußballerehefrau nämlich als ganz junge Frau über Jahre hinweg, was sie auch in ihrer in die Überraschungsbox gepackten – natürlich frisch erschienenen – Biografie „Mein Umweg zum Glück“ thematisiert, wie man es allerdings eventuell auch schon in der letzten „stern TV“-Sendung vor einer Woche mitbekommen haben könnte. Trotzdem durchaus ehrlich und sympathisch wirkend, spricht sie nach kurzem Tequila-Geplänkel über ihre Erfahrungen und dass sie hofft, anderen Menschen mit denselben Problemen durch ihre Worte und Zeilen Mut zu machen.

Gäste Nummer 3 und 4 sind der Ringlstetter-Berufskollege und Kabarettist Tobias Mann, der in von ihm gewohnter Schnellsprechmanier immer wieder kurze, witzige Anekdoten und Pointen einstreut, und Ex-Leichtathletin und Olympiagoldgewinnerin Heike Drechsler, die auszugsweise über ihre Karriere spricht und wie schwer ihr das Loslassen vom Profisport fiel. Das im gesamten Showverlauf immer wieder mal auch thematisch präsente Garrett-Tequila-Mitbringsel wird ihr als einziger nicht angeboten, sie mag ihn aber ohnehin nicht, wie sich irgendwann herausstellt.

Zur Sendung

Club 1, ARD, von Dienstag, 6. Oktober 2020, 22.50 Uhr, Mediathek

Ein improvisiertes Bob-Dylan-Ständchen zum Finale in „Club 1“ (ARD)

Ringlstetter führt alle Talks – von diesem versehentlichen Fauxpas einmal abgesehen – souverän und weitestgehend charmant, wenn auch harmlos an der Oberfläche entlang, und erhellend oder bissig soll seine Unterhaltungssendung ja auch gar nicht sein. Sein selbstgewählter Musikgast, BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken, hat dann – wen wundert’s – das im September erschienene, jüngste Album seiner Kölschrock-Band dabei, erzählt stolz von seinem neuen Opadasein, das ihn bisher gut durch den Corona-Lockdown gebracht hat, von der Inspiration für seine Songtexte und gibt sich gemeinsam mit Ringlstetter und spontan auch noch David Garrett schließlich die Ehre mit einer ungewöhnlichen Interpretation von Bob Dylans „You Ain’t Goin’ Nowhere“.

Am 27. Oktober geht „Club 1“ in die zweite Runde. Mal sehen, wer dann nach diesem annehmbaren, wenn auch wenig aufregenden Auftakt eingeladen wird – Jürgen von der Lippe wäre sicher eine interessante Wahl. (Von Peter Hoch)

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