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Und die Haarfarbe erinnert irgendwie an ... Bill Skarsgard als Pennywise.

Stephen Kings "Es"

Mit dem Clown kommen die Tränen

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Andy Muschiettis wirkungsmächtige Verfilmung des Stephen-King-Romans "Es". Ab welchem Alter gruseln wir uns eigentlich vor Clowns?

Hollywood liebt den Glamour, aber es hat uns auch gelehrt, in Plastiktüten, die im Wind wirbeln, gegen alle ökologische Vernunft eine verborgene Schönheit zu bewundern. Es ist schon ein Rattenfänger, dieses Kino, das so gut weiß, womit es uns locken oder auch erschrecken kann – und oft ist das ja ein und dasselbe. 

Zu Beginn von „Es“ folgt die Kamera einem etwa fünfjährigen Jungen namens Georgie, der sein Papierschiffchen in der Strömung eines Rinnsteins tanzen lässt. Wenn schon Poesie in Abfalltüten steckt, wie viel mehr davon muss so ein Papierschiffchen in rasenden Regenwasserströmen entfalten. Als es in einer Gulliöffnung verschwindet, blickt das Kind traurig ins schwarze Nichts. Und bekommt überraschend Antwort: Von zwei funkelnden Augen, einer warmen Stimme und einem fürchterlichen Lächeln, das uns vor die Frage stellt: Ab welchem Alter gruseln wir uns eigentlich vor Clowns?

Alfred Hitchcock erklärte die Spannung seiner Thriller gern mit einem Wissensvorsprung des Publikums gegenüber den Figuren. Nur einmal, bekannte er, habe er es zu weit getrieben. Da ließ er – in seinem frühen Film „Sabotage“ – einen Jungen ein Paket austragen, von dem nur die Zuschauer wussten, dass darin eine Bombe tickte. Auch diese Szene in „Es“ wäre ihm wohl zu weit gegangen. Nicht nur wissen wir besser als das Kind, dass einem Clown in der Gosse nicht zu trauen ist. Wenn Georgies kleiner Arm aber auf Nimmerwiedersehen im Clownsmaul stecken bleibt, erfasst uns das mulmige Gefühl unterlassener Hilfeleistung.

Auch wenn man weder das Buch noch seine Fernsehverfilmung von 1990 kennt: Es passiert kaum etwas Schreckliches in diesem Horrorfilm, das man nicht irgendwie vorher hat kommen sehen. Und doch vermag der aus Argentinien stammende Regisseur Andy Muschietti den Schrecken – oder richtiger, den Schauer – über zwei Stunden und fünfzehn Minuten aufrecht zu erhalten. Und uns immer wieder mit Gänsehaut zu überraschen, obwohl wir es doch besser wissen müssten als diese Gruppe mutiger Kinder, von denen sein Film erzählt. 

Sie wollen Abenteuer, sie bekommen Horror

Alle haben sie bereits vor ihren Begegnungen mit dem bösen Clown Pennywise (Bill Skarsgård) Traumatisches erlebt. Da ist zunächst Bill, der auf seinen kleinen Bruder Georgie aufpassen soll, als der Clown ihn holt – und der bald erlebt, wie dieser ihn und seine Freunde in ihren tiefsten Ängsten trifft. Das Mädchen Beverly zum Beispiel, das sich vor seinem Menstruationsblut fürchtet: Der Clown ertränkt es um ein Haar in einer blutigen Fontäne aus Toilettenabfällen. Oder Nike, der seine Eltern in einem Feuer sterben sah: Der Clown traktiert ihn mit brennenden Fingern. 

Jeder dieser Freunde, die sich zu einem selbsternannten Loser Club vereinen, könnte in einem Teenager-Film der 80er Jahre vorkommen. Muschietti, der nur die erste Romanhälfte verfilmt, hat die Handlung ins Jahr 1988 verlegt, zwei Jahre nach Erscheinen der Romanvorlage. Das schafft eine Verbindung zur erfolgreichen Teenie-Horror-Serie „Stranger Things“, mit der dieser Film auch einen Darsteller, Finn Wolfhard, gemeinsam hat. Ein direkter Einfluss jedoch ist ausgeschlossen: die Serie wurde erst ausgestrahlt, als die Dreharbeiten bereits liefen. Aber es ist nun einmal so, dass Filmfan Stephen King den Teenagerfilm, der in den 80er Jahren eine einzigartige Blüte erlebte, ganz entscheidend prägte. Wer wollte es einem Filmemacher verdenken, bei einer Geschichte, die gleichermaßen von der Kindheit wie vom Tod erzählt, nicht ab und an Stimmungen anzuschlagen, wie man sie mit der klassischen King-Verfilmung „Stand By Me – Geheimnis eines Sommers“ verbindet? 

Filmfan Stephen King prägte den Teenagerfilm

Wer in den 80er Jahren selbst Teenager war, wird sich an das bescheidende Freiheitsgefühl erinnern, auf dem Fahrrad sinnlos in der Gegend herumzufahren. Der Wunsch nach Abenteuern trotzte, so lange es ging, der Entzauberung. Kings Geschichten und dieser Film entwickelt dafür ein wunderbares Verständnis, füllen dieses Erlebnisvakuum mit dem denkbaren Überschuss an Erlebnis – dem Horror.

Und wo dieser Schrecken zu finden war, hatte er von Hitchcock gelernt. Der hatte in seinem Film „Psycho“ zum ersten Mal in einem Hollywoodfilm einer Kloschüssel einen prominenten Leinwandplatz verschafft. In „Es“ müssen die Kinder den Clown in der Kanalisation aufspüren – und als Entrée dazu dient ihnen ein ähnlich verwunschenes Anwesen. Es ist schon eine herrlich naive Freud-Lektüre, die Stephen King zu einem Buch über verdrängte Kindheits-Traumata mit dem Titel „Es“ inspirierte. Was könnte beängstigender sein als eine Rückkehr des Heruntergespülten? Dieses Abwasser nun begegnet uns als der Lebensort eines kinderfressenden Clowns.

In den USA, wo der Film bereits immens erfolgreich läuft, ist eine Diskussion darüber entbrannt, warum sich Menschen vor Clowns fürchten. Seit mehr als einem Jahr häufen sich im Land Meldungen über Horror-Clowns, die Passanten erschrecken. Als Freud dem Unheimlichen einen Aufsatz widmete, waren seine Kronzeugen die Puppen – dem Leben nachempfunden und doch erschreckend unecht, tot. Wie ein Clownsgesicht. Stephen King hat dieses Erschrecken vor dem Vertrauten auf den Punkt gebracht. Mit seinem Clown kamen die Tränen.
 

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